„Ist Frankfurt kriegstüchtig?“: Diese Frage, als Motto einer Podiumsdiskussion gewählt, provoziert. Knapp 60 Menschen brachte sie am Dienstagabend sogar dazu, gegen die vom Kuratorium Kulturelles Frankfurt organisierte Veranstaltung am Römerberg zu protestieren. Die Linkspartei, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und einige Initiativen mehr hatten zu der Demonstration aufgerufen. Eine „Normalisierung des Kriegs“ warfen sie den Veranstaltern vor. Die Diskussion verfolge einen „falschen Ansatz“, sagte der Frankfurter Linken-Politiker Michael Müller. Die Stadt müsse nicht „kriegstüchtig“, sondern „friedensfähig“ werden. „Das gab es noch nie, eine Gegendemo zu einer unserer Veranstaltungen“, hieß es dann auch von Cornelia von Wrangel, der Vorstandsvorsitzenden des Kuratoriums, bei der Begrüßung des Publikums in der Evangelischen Akademie. Und auch, dass beim Einlass Sicherheitskontrollen durchgeführt wurden, sei erstmalig der Fall gewesen, berichtete sie. Debattiert wird ohne Empörung Die anschließende Debatte stand zu dieser Aufregung dann aber eindeutig im Kontrast. Diskutiert wurde im vollbesetzten Saal sachlich und ohne Empörung. Nicht einmal ein Zwischenruf war an diesem Abend zu hören. Auf dem Podium saßen Tobias Bräunlein, im hessischen Innenministerium zuständiger Abteilungsleiter für den Katastrophenschutz, Markus Röck, Amtsleiter der Frankfurter Branddirektion, und Holger Kamlah, der Stadtdekan der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach. Eigentlich hätte auch Holger Radmann, Brigadegeneral der Luftwaffe der Bundeswehr und Kommandeur des Landeskommandos Hessen, mitdiskutieren sollen – doch der plötzliche Wintereinbruch verhinderte seine pünktliche Anreise. Moderiert hat das Gespräch F.A.Z.-Redakteurin Mechthild Harting. Schnell wurde in der Debatte klar: Der Krieg hat sich stark verändert, mit dem vom Zweiten Weltkrieg geprägten Bild einer militärischen Auseinandersetzung hat er heute nicht mehr viel gemein. Bestimmt werde er immer mehr von hybrider Kriegsführung, von Sabotageakten, punktuellen Anschlägen, Cyberangriffen und gezielter Desinformation. „Wir müssen uns auf Nadelstiche einstellen“ „Wir müssen uns auf Nadelstiche einstellen“, beschrieb der Katastrophenschützer Bräunlein die Herausforderung. Mit verschiedenen Szenarien zu rechnen, Situationen gut einzuschätzen, möglichst „vor der Lage“ zu sein, nannte der Feuerwehrmann Röck als Ziel. „Wie bleiben wir handlungsfähig?“, sei die zentrale Frage. „Mindset“ war ein Begriff, der in der Debatte mehrfach fiel. Tobias Bräunlein aus dem Innenministerium meinte, dass nach mehreren friedvollen Dekaden bei vielen noch das Bewusstsein dafür fehle, dass die Situation sich spätestens mit dem Beginn des Ukrainekriegs radikal verändert habe. Auch „auf staatlicher Seite“ werde das noch häufig unterschätzt. Und auch, wie man sich auf einen Notfall einstellt, sei häufig „in Vergessenheit“ geraten. Resilienz aber könne nur dann entstehen, „wenn jeder Einzelne sich auf Krisenlagen vorbereitet“. Mehr Bewusstsein für die neue Situation forderte auch der Feuerwehrchef Röck. Zu viel Angst aber helfe auch nicht. Es komme auf die „innere Haltung“ an, auf Zuversicht. Militärische Gefahren „dürfen uns als Gesellschaft nicht völlig aus der Bahn werfen“, sagte Röck. Und tatsächlich würde sich ja auch schon einiges ändern. In Frankfurt etwa habe es viele Übungen zu bestimmten Bedrohungsszenarien gegeben. Pläne für neue Schutzräume sollen bald umgesetzt werden. Zwei Jahre für eine einzige neue Sirene Ein großes Problem aber benennt Röck auch: die Bürokratie. Er berichtet davon, dass es zuletzt allein zwei Jahre gedauert habe, um eine einzelne neue Sirene in Frankfurt aufzustellen. Die Vergabeverfahren seien „viel zu kompliziert“, sogar die Mitarbeit eines Anwalts war in dem Fall notwendig. „Das läuft alles viel zu langsam.“ Der Pfarrer Holger Kamlah zeigte in der Diskussion Verständnis für die Demonstranten, die vor dem Haus protestierten. Auch er habe sich wegen des Wortes „kriegstüchtig“ am Titel der Veranstaltung gestoßen. Der Begriff sei problematisch und „ohne Not gewählt worden“. Wohler wäre ihm gewesen, man hätte von einer Diskussion über Verteidigungsfähigkeit gesprochen. Derzeit beobachte er in der Gesellschaft eine bedenkliche „Verherrlichung von Militär und Stärke“, sagte Kamlah. Doch auch der Pfarrer zweifelt nicht daran, dass sich die Bedrohungslage mit dem Krieg in der Ukraine verändert hat. Mit einem prägnanten Beispiel machte der Stadtdekan die Komplexität der friedensethischen Debatten deutlich: „Wer heute Waffen in die Ukraine liefert, macht sich schuldig, weil damit Menschen getötet werden – aber wenn wir keine Waffen liefern, dann machen wir uns auch schuldig.“
