FAZ 27.01.2026
06:07 Uhr

Diskriminierung und Sport: „Genau hier kann ich meine Behinderung vergessen“


Parafußballer Muctar Bassie wird in Sierra Leone wegen seiner Behinderung stigmatisiert. Mit dem Sport will er zeigen, dass er zu allem fähig ist – auch die Gesellschaft zu verändern, zumindest etwas.

Diskriminierung und Sport: „Genau hier kann ich meine Behinderung vergessen“

Die hohen Wellen ziehen sich am Nachmittag etwas zurück und überlassen dem Strand einige zusätzliche Meter an Fläche. Es ist nicht viel, für ein improvisiertes Fußballfeld reicht es Muctar Bassie und seinem Teamkollegen Alie Kamara aber aus. Der goldbraune Sand von Tokeh Beach, rund zehn Kilometer südlich der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown, ist an manchen Stellen noch etwas feucht, jedoch fest genug zum Auftreten und weich genug, um keine Angst vor Stürzen zu haben. Auch die schweren Wolken haben sich verzogen. Der Trainingseinheit zwischen Ozean und Palmenbäumen steht nichts im Weg. Ein hoher Pass katapultiert den zerfledderten Ball in die Luft. Bassie kalkuliert die Flugbahn, prescht mit aller Kraft nach vorn, rammt dann seine linke Gehstütze in den Sand und setzt mit dem gesunden Bein zum Schuss an. Kamara, der zwischen zwei Sandalen im Sand den Torhüter gibt, springt zur Seite und kann das Tor mit seinem Armstumpf gerade noch verhindern. Kurz abrollen, den Sand abschütteln, schon geht’s weiter. Solange es das Wetter hergibt und solange die beiden nicht von den angrenzenden Dorfbewohnern verscheucht werden. Bassie und Kamara genießen den Moment, solange sie können. Für die beiden Nationalspieler der sierra-leonischen Para-Fußball-Auswahl bedeutet der Sport weit mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung, er ist ein Freiraum, den sie sich täglich hart erkämpfen müssen – nicht nur angesichts ihrer Behinderungen, sondern wegen des Umfelds, in dem sie leben. In der sierra-leonischen Gesellschaft wird der Wert eines Individuums nicht selten nach dessen gesundem Körper bemessen. Für Bassie mit seiner eingeschränkten Mobilität bedeutet das Ausgrenzung und Stigmatisierung. „Sie werden über mich tuscheln und mich diskriminieren“ Seit seiner Kindheit spielt Bassie Fußball, vor sechs Jahren trat er dem Nationalteam bei. Ein Bekannter ermutigte ihn, es dort auszuprobieren. „Ich habe mit dem Fußballspielen begonnen, um der Gesellschaft zu zeigen, dass ich zwar behindert bin, aber zu allem fähig bin“, sagt Bassie. Er will den Vorurteilen, die es gegen Menschen wie ihn gibt, etwas entgegensetzen. Seine Position: Außenverteidiger. Sein großes Vorbild: Calvin Bassey. Der nigerianische Fußballspieler steht derzeit beim FC Fulham unter Vertrag. „Es ist nicht nur der Name, der so ähnlich klingt, sondern auch seine Technik, seine Leichtfüßigkeit, die ich so mag“, sagt Bassie. Er balanciert den Ball zwischen Fuß und Gehstütze hindurch, an einer Sandmulde vor­bei. Wann immer er vom Fußball spricht, gerät der junge Mann mit den zu kurzen Zöpfen geflochtenen Haaren und energetischen Lächeln ins Schwärmen. „Die Zeit, in der ich Fußball spielen kann, sorgt für meine besten Erinnerungen“, sagt Bassie: „Denn genau hier kann ich meine Behinderung vergessen.“ Das Wenige, was er hat, widmet der Para-Athlet dem Sport, den er liebt. Er ist eines der wenigen Dinge, die, wie er sagt, ihn auch vom täglichen Überlebenskampf ablenken. Sierra Leone zählt zu den ärmsten Nationen der Welt. Rund 43 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei US-Dollar am Tag (etwa 1,60 Euro). Erschwerend hinzu kommen fehlende staatliche soziale Absicherungen, ein marodes Gesundheits- und Schulsystem sowie nur wenige verfügbare Arbeitsplätze, oft beschränkt auf die Landwirtschaft oder das Handwerk. „In meiner Heimat gibt es viele Ungerechtigkeiten gegen Menschen mit Behinderung“, sagt er. „Wann immer ich in der Öffentlichkeit irgendwo auftauche, weiß ich, sie werden mich anstarren, sie werden über mich tuscheln und sie werden mich diskriminieren, weil ich anders bin. Für mich ist es schwieriger, einen Job zu finden, von dem ich leben kann.“ Bassie studiert trotzdem Business Administration, mit der Hoffnung, in der Hauptstadt einen der wenigen Bürojobs zu ergattern. Was, wenn das nicht klappt? Man werde sich eben was einfallen lassen müssen, sagt Bassie. Eine Impfung hätte das alles verhindern können Er hat den Ball gestoppt, damit dieser nicht in den Ozean rollt, und stützt nun auf der Gehhilfe sein deformiertes rechtes Bein ab – die Folge einer Polioinfektion als Kind. Das Virus, das unter anderem zu Muskelschwund führen kann, gilt in seiner sogenannten wilden Form erst seit 2020 als ausgerottet in Afrika. Für den siebenundzwanzigjährigen Bassie kam diese Entwicklung zu spät. Mit den körperlichen und mentalen Folgen muss er seit jeher allein klarkommen. „Viele meiner Mitschüler mieden mich oder machten sich über mich lustig“, sagt er. Gerüchte verbreiteten sich, Bassie sei verflucht – ein Aberglaube, der sich auch unter Erwachsenen hielt. Es mache ihn traurig, sagt Bassie, dass eine Impfung das alles hätte für ihn verhindern können. Bassie bekommt zumindest Unterstützung von Freunden und Familie. Er kennt allerdings Menschen mit Behinderungen, die diese nicht haben und auf dem Markt häufig um Almosen und Essen betteln. Verschlechterte Lage nach Kürzung der Auslandshilfen „Die Versorgung für Menschen mit Behinderung ist sehr schwierig, da die medizinische Versorgung hier insgesamt schlecht ist“, sagt Unisa Kanu, Kinderarzt beim Magbenteh Community Hospital in Makeni. „Auch wenn Polio beispielsweise besiegt wurde, gibt es hier andere Erkrankungen, die bei Komplikationen schwerwiegende Folgen – gerade bei Kindern – hinterlassen. Dazu zählt vor allem Malaria, die auch zur Erblindung führen kann.“ Dabei seien viele Fälle vermeidbar, sogar in Sierra Leone, jedoch kämen Eltern oft zu spät in die Krankenhäuser, weil sie entweder kein Geld hätten oder der westlichen Medizin misstrauen würden. Die gesundheitlichen Folgen, sagt Kanu, würden die Kinder oft ein Leben lang mit sich tragen. „Die meisten von ihnen werden dann bereits in ihrer Kindheit zu einer wirtschaftlichen Belastung“, sagt der Arzt: „Ich habe erlebt, dass sie gemobbt oder von ihren Verwandten vernachlässigt werden, die sich nicht gut um sie kümmern, sodass die Kinder oft unterernährt sind, wenn sie mal ins Krankenhaus kommen.“ Das gilt nicht nur für Kinder, die mit einer Behinderung zur Welt kamen oder diese durch eine Erkrankung erlitten, so wie Bassie. Sein Teamkollege Kamara verlor als Jugendlicher bei einem Autounfall den linken Arm und kämpft sich seitdem mit Gelegenheitsjobs durch. Neben Autounfällen führen in Sierra Leone auch Stürze nicht selten zu Amputationen, da eine medizinische Versorgung der Verletzung nicht rechtzeitig gewährleistet werden kann oder Betroffene kein Geld für die Behandlung haben. Gleiches gilt für rehabilitative Maßnahmen. Bassie hat sich kürzlich beim Sturz auf den steinernen Boden an der Schulter verletzt. Wie schlimm, das wisse er nicht, weil er die Verletzung ohne medizinische Versorgung verheilen ließ. Diesmal ging es glimpflich aus, sagt er. Vielen Projekten, die sich für eine bessere Ernährung und medizinische Versorgung einsetzen, fehlt es an Geld. Verschlechtert hat sich die Lage im Land, seitdem die USA die Auslandshilfe für Sierra Leone drastisch gekürzt haben – von rund 106 Millionen US-Dollar (etwa 91,3 Millionen Euro) im Jahre 2024 auf etwa 29 Millionen (25 Millionen Euro) für das darauffolgende Jahr, laut der Nichtregierungsorganisation USA Facts. Bassie spürt in einer unter Armut leidenden Gesellschaft, wie der Leidensdruck immer größer wird, wenn etwa die Preise für Grundnahrungsmittel steigen. Für den laufenden Monat konnte seine Familie das Geld von 350 Sierra-leonischen Leones (rund 11,50 Euro) für einen 25 Kilogramm schweren Sack Reis auf dem Markt noch zusammenbringen. Wie es weitergeht, weiß er nicht. „Dann werde ich halt zur Not barfuß spielen“ Zwar gibt es nach dem Training mit der Nationalmannschaft gelegentlich auch eine warme Mahlzeit sowie etwas Fahrgeld für Bassie. Aber an dem Verschleiß der Ausrüstung, die er für das tägliche Training und die Wettkämpfe benötigt, ändert es wenig. Seit Monaten spielt er auf ihm ungewohnten Gehstützen, nachdem die alten mitten im Spiel durchgebrochen waren. Die Ersatzstützen würden stark scheuern, sagt Bassie und zeigt seine vernarbten Unterarme. Doch er nimmt den Schmerz lieber in Kauf, als nicht spielen zu können. Beim Schuh, den er vor Monaten gebraucht gekauft hatte, sieht es nicht besser aus: Die Sohle löst sich, der Stoff seitlich ist blank gescheuert. Etwa 700 Sierra-leonische Leones kostet Ersatz auf dem Markt – umgerechnet 25 Euro sind das. Geld, das Bassie aber im Moment nicht hat: „Dann werde ich halt zur Not barfuß spielen“, sagt er trotzdem lächelnd. Kostenlos kann er sich in seiner Heimat zumindest Fußballspiele im Stadion angucken – das sei für Menschen mit Behinderungen so gesetzlich festgelegt. „In der Realität sieht das aber anders aus“, sagt Bassie. „Als ich das letzte Mal ins Stadion wollte, hat ein Wart versucht, mir Eintrittsgeld abzunehmen. Als ich mich geweigert habe, hat er mich mit seinem Stock bedroht.“ Erst als weitere Zuschauer einschritten, habe der Mann am Eingang nachgegeben, erzählt Bassie. Es ist ein kleiner Sieg in einem täglichen Kampf gegen zahlreiche Widerstände. „Fußball dient in Sierra Leone als verbindende Kraft, die soziale, kulturelle und ethnische Grenzen überwindet“, schrieb 2024 der prominente sierra-leonische Jurist und Generaldirektor der Nationalen Sportbehörde Emmanuel Saffa Abdulai über soziale Medien – vor dem Hintergrund, dass der westafrikanische Staat in den vergangenen 25 Jahren nicht nur ei­nen brutalen Bürgerkrieg, sondern gleich mehrere tödliche Pandemien überstanden hat. Fußball habe sich bei der Bewältigung dieser Krisen mehr als nur als Sport hervorgetan. Einen Fortschritt hofft auch Bassie eines Tages mit seinem sportlichen Werdegang zu erreichen. Am Strand hat ihn an diesem Tag niemand behelligt, sodass er und Kamara die Trainingseinheit erfolgreich beenden können, bevor das Gewitter einsetzt. Es ist ein weiterer kleiner Sieg.