Was ist nun eigentlich herausgekommen bei dem Treffen zwischen Donald Trump und Mark Rutte in Davos? Klar war zunächst nur, dass der US-Präsident davon absieht, Strafzölle gegen seine europäischen Verbündeten zu verhängen. Und dass er nun auf Verhandlungen mit Dänemark zu Grönland setzt statt auf eine gewaltsame Übernahme der Insel. Doch blieb das „Rahmenwerk“, von dem er anschließend sprach, nebulös, insbesondere in einem Punkt: ob die USA ihre Militärstützpunkte auf der eisigen Insel künftig besitzen dürfen. Die F.A.Z. hat mit fünf Personen gesprochen, die in die Verhandlungen eingebunden und bereit waren, unter der Zusage von Anonymität darüber zu berichten. Auf dieser Grundlage lässt sich nun rekonstruieren, wie es zu dem Treffen kam, was dort besprochen wurde – und was nicht. Zugespitzt hatte sich die Grönland-Krise mit einem Beitrag Trumps in den sozialen Medien am Samstag, 17. Januar. Darin drohte er acht Staaten, die Soldaten nach Grönland entsenden wollten, mit Strafzöllen vom 1. Februar an. Diese Staaten würden ein „sehr gefährliches Spiel spielen“ und hätten das Risiko auf unhaltbare Weise erhöht, schrieb er. Trump verstand die Entsendungen so, als seien sie gegen seine Ansprüche auf die Insel gerichtet. Das war auch nicht ganz falsch. Denn natürlich schwang diese Botschaft mit, obwohl in den öffentlichen Äußerungen stets die Sicherung Grönlands gegenüber Russland und China hervorgehoben wurde. Widersprüche über Soldaten-Entsendung Mit der Entsendung von Erkundungsteams waren Deutschland, Frankreich und andere deshalb auch ein Risiko eingegangen. Sie hatten nicht auf eine Absprache in den NATO-Gremien gewartet, um Dänemark vor einem Treffen der Außenminister in Washington den Rücken zu stärken. Ob der militärische Oberbefehlshaber der Allianz (SACEUR), der amerikanische Viersternegeneral Alexus Grynkewich, über dieses Vorpreschen informiert wurde, ist nicht sicher. Es gibt darüber einander widersprechende Angaben. Nach Trumps Beitrag begannen hektische Telefonate. Rutte selbst schaltete sich als einer der Ersten ein und telefonierte noch am Samstag mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Außerdem sprach er mit weiteren Anführern, darunter der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, und mit der EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen. Daneben gab es Abstimmungen, zunächst der E3, also Berlin, Paris und London, und sodann mit den fünf weiteren Staaten, gegen die Trump seine Zolldrohungen gerichtet hatte. Das führte am Sonntagnachmittag zu einer ersten Erklärung aller acht Staaten, in der sie ihre Solidarität und ihre Bereitschaft zu einem Dialog bekundeten, aber auch vor einer „gefährlichen Abwärtsspirale“ warnten – was ein Hinweis auf Gegenmaßnahmen der EU war. Das heikelste von drei Elementen In den Telefonaten schälten sich drei Elemente einer „Landungszone“ heraus, die Rutte dem US-Präsidenten schmackhaft machen sollte, um ihn von Strafzöllen und einer Annexion Grönlands abzubringen. Ausgewählt wurde er, weil er von allen den engsten Draht zu Trump besaß und weil nur er institutionell die Sicherheitsfragen ins Zentrum rücken konnte. Das erste Element: die Bereitschaft zu einem stärkeren Engagement der Europäer in der NATO für die Sicherheit im gesamten hohen Norden. Das zweite: ein Mechanismus, der den USA eine Mitsprache bei der Exploration von Bodenschätzen und Investitionen in strategische Infrastruktur in Grönland zusichert, damit Russland und China dort nicht Fuß fassen können. Das dritte Element: eine Überarbeitung des 1951 zwischen Dänemark und den USA geschlossenen Abkommens zur Verteidigung Grönlands. Dieses dritte Element war das heikelste. Schließlich hatten die Amerikaner schon vor Trumps Zolldrohungen intern bei der NATO eine Frage aufgeworfen, die vielen Verbündeten berechtigt erschien: Was wird aus der US-Präsenz auf Grönland, wenn die Insel eines Tages von Dänemark unabhängig wird und dann automatisch aus der NATO ausscheidet? Es gab darauf zwei mögliche Antworten: US-Vertreter drangen darauf, schon jetzt die Souveränität von Basen auf die USA zu übertragen. Das würde nicht bloß die bestehende Pittufik Space Base betreffen, sondern weitere Stützpunkte für die Stationierung des geplanten Raketenabwehrschirms „Golden Dome“. Im internationalen Stab der NATO wurde dazu ein Konzept ausgearbeitet, das sich an den britischen Luftwaffenstützpunkten auf Zypern orientierte, die als „souveräne Stützpunktgebiete“ unter britischer Verwaltung stehen. Trump hatte auch die Finanzmärkte im Auge Allerdings entsprach dieses Modell weder dänischen noch grönländischen Vorstellungen. Vielmehr warb der dänische NATO-Botschafter für eine vertragliche Zusicherung, dass die USA alle Rechte aus dem Vertrag von 1951 auch nach einer vollständigen Unabhängigkeit Grönlands behalten dürften. Das könnte etwa durch eine Zusatzvereinbarung erreicht werden, die auch Grönland mitunterzeichnet. In diesem Sinne sollen sich auch der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen und die grönländische Außenministerin Vivian Motzfeld eingelassen haben, als sie am Montag – nach den hektischen Telefonaten – mit Rutte berieten. Rutte muss klar geworden sein, dass er selbst diesen Konflikt nicht würde schlichten können. Allerdings versicherte er sich, dass er Trump eine Überarbeitung des Abkommens und langfristige Sicherung der US-Präsenz auf Grönland zusagen konnte. Und so rief er diesen an, um ihm die drei Elemente als großen Fortschritt zu verkaufen. Widerstand im Kongress Trump, der da schon mächtig Gegenwind aus dem Kongress bekommen hatte und außerdem die nervösen Märkte im Auge hatte, zeigte sich interessiert. Schon am Sonntag hatte er mit Rutte gesprochen und danach seine Zolldrohungen nicht mehr wiederholt. „Ich hatte ein sehr gutes Telefonat mit Mark Rutte“, schrieb er am Montag auf seiner Plattform Truth Social. „Ich habe einem Treffen der verschiedenen Parteien in Davos, Schweiz, zugestimmt.“ Das wurde dann ein Treffen am frühen Mittwochabend zwischen ihm und Rutte. Bei seiner öffentlichen Rede hatte Trump schon auf den Einsatz von Gewalt in Grönland verzichtet. Nach dem Gespräch räumte er dann auch die Strafzölle ab – wegen der Rahmenvereinbarung. Inhaltlich sagte er dazu nur, dass sie „für immer“ sei, der „ultimative Langzeit-Deal“. Da konnte man wohl ein Echo von Ruttes Worten durchhören. Freilich hatte sich der Niederländer an sein Mandat gehalten und Trump klargemacht, dass die Details mit Dänemark und Grönland ausgehandelt werden müssten. Ob dies zu einer Vertragsergänzung oder zu einer Statusänderung der Militärbasen führt, hängt davon ab. In der NATO herrscht die Erwartung, dass die trilateralen Verhandlungen rasch beginnen, womöglich im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz. Parallel dazu wird die Allianz über eine dauerhaft höhere Präsenz im hohen Norden beraten. Das betrifft nicht nur einen Überwachungseinsatz, über den der SACEUR allein entscheiden kann. Erwogen wird auch, ein neues Arktis-Kommando einzurichten, das von einem US-Militär geleitet werden könnte – darüber müsste der NATO-Rat befinden. Ein formeller Beschluss dazu könnte beim NATO-Gipfel Anfang Juli in Ankara fallen. Bis dahin sollen auch die trilateralen Verhandlungen zu Grönland abgeschlossen sein. Im Ergebnis würde die NATO dann gestärkt aus dieser Krise hervorgehen – das ist jedenfalls die Hoffnung.
