FAZ 17.12.2025
13:18 Uhr

Digitalministerin Sinemus: „Ich will das Thema Rechenzentren in Berlin platzieren“


Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus umwirbt die Datacenter-Branche, um sie vor allem nach Rhein-Main zu locken. Im Interview erklärt sie, wie die Region davon profitiert, und kritisiert die Abwehrhaltung der Frankfurter.

Digitalministerin Sinemus: „Ich will das Thema Rechenzentren in Berlin platzieren“

Frau Sinemus, im Frühjahr wurden Sie als Kandidatin für das neue Bundesdigitalministerium gehandelt, das Amt ging dann an Karsten Wildberger. Aber Sie haben beim Koalitionsvertrag ordentlich mitgeredet, und wenn heute etwa Google seine Milliardeninvestitionen verkündet, sieht man Sie in erster Reihe in Berlin. Sind Sie eine Art Schattenministerin? Ich habe lange die Schaffung eines Bundesdigitalministeriums gefordert, und nun möchte ich auch, dass es erfolgreich ist. Insofern helfe ich sehr gerne, wo ich kann. Als dienstältestes Digitalministerium haben wir in Hessen die meisten Erfahrungen, und deshalb hört man uns in Berlin und auch in anderen Bundesländern gerne zu. Aber natürlich will ich auch Themen platzieren, die Entwicklung der Rechenzentren ist eines davon. Zu ihrer Entwicklung und Ansiedlung wird nun in Berlin eine Strategie erarbeitet. Sie arbeiten zudem an einer regionalen Rechenzentrumsstrategie. Was wollen Sie damit erreichen? Das Rhein-Main-Gebiet ist in Kontinentaleuropa der Datacenter-Standort  Nummer eins, und wir wollen unsere führende Position weiter festigen und ausbauen. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir als Land und gemeinsam mit dem Bund das Ziel verankern, Europa als digitalen Leuchtturm zu stärken. In vielen Kommunen im Rhein-Main-Gebiet stehen schon Rechenzentren. Was soll die Strategie darüber hinaus leisten? Das Ziel ist ein konkreter Plan mit Forderungen und Maßnahmen, der sich an den Bund, an Europa, aber auch an das Land selbst richtet. Es geht darum, gezielt Rechenzentren anzusiedeln, ihre Energieversorgung zu sichern, Abwärmenutzung zu fördern, ein Potentialflächenkataster zu schaffen und gegebenenfalls ein nationales Kompetenzzentrum für Rechenzentren einzurichten, das Flächen und Energie zentral koordiniert. Eine Strategie ist noch keine Stromleitung. Wenn Sie sich für einen Standort in Deutschland entscheiden, müssen die Investoren darauf vertrauen, dass das Stromnetz rechtzeitig ausgebaut ist. Angesichts der vielen Probleme in der Infrastruktur könnten sie zweifeln. Das stimmt, wir schaffen Verbindlichkeiten, aber Garantien gibt es nicht. Aber Investoren sagen uns, dass sie gerne nach Hessen kommen, weil sie hier verlässliche Ansprechpartner, pragmatische Lösungen und offene Türen finden – auch bei schwierigen Fragen. Mit welchen Problemen sprechen die Datacenter-Betreiber und Unternehmen wie Google denn vor? Häufig geht es um rechtliche und politische Rahmenbedingungen: Wann tritt die Novelle des Energieeffizienzgesetzes in Kraft? Wird die Kommune zustimmen? Wie kann das Land vermitteln? So haben wir monatelang mit dem französischen Betreiber Data4 in Kontakt gestanden. Nun investiert er in Hanau rund zwei Milliarden Euro, sein bislang größtes Investment. Solche Erfolge entstehen, weil es kompetente Ansprechpartner gibt. In Frankfurt stehen mit Abstand die meisten Rechenzentren, weiteren Ansiedlungen steht die Stadt nun schon länger abwehrend gegenüber. Das Rhein-Main-Gebiet ist ein Motor für ganz Europa – das müssen wir pflegen. Eine reine Verhinderungspolitik hilft niemandem. Wir brauchen einen Mittelweg zwischen begründeter Zurückhaltung und wirtschaftlicher Entwicklungsfähigkeit. Hier hat die Stadt Frankfurt offenbar kein Interesse an der Weiterentwicklung des digitalen Ökosystems. Wie ist die Stimmung in den anderen Kommunen? Unterschiedlich, aber insgesamt offener. Wir sehen, dass der Informationsaustausch hilft: Erfahrene Bürgermeister beraten diejenigen, die noch neu im Thema sind. Manches Vorhaben scheitert schlicht an Unsicherheit. Da helfen wir mit unserem Rechenzentrumsbüro, bieten Struktur und Begleitung an. Rechenzentren verbrauchen enorme Ressourcen, Flächen, Strom, Wasser. Was antworten Sie denen, die deshalb grundsätzlich gegen weiteres Wachstum der Branche sind? Rechenzentren sind Teil der digitalen Infrastruktur – ohne sie gibt es keine digitale Wirtschaft. Aber natürlich müssen sie verantwortungsvoll geplant werden: energieeffizient, integriert in die Stadtplanung, mit Nutzung der Abwärme. Und manchmal braucht es auch kreative Kompromisse, um in den Kommunen zu überzeugen. Etwa Ausgleichszahlungen oder soziale Projekte vor Ort. Der finanzielle Anreiz allein kann nicht genügen, denn steuerlich lohnen sich die Datacenter für die Kommunen wenig, wie gerade eine Studie ergeben hat, die unter anderem vom hessischen Wirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde. Ob sich die Ansiedlung eines Rechenzentrums in steuerlicher Hinsicht lohnt, hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere natürlich der Attraktivität der Fläche und ob ich es zum Beispiel schaffe, eine Betriebsstätte anzusiedeln, eine Garantiezahlung zu vereinbaren oder einen städtebaulichen Vertrag zu schließen. Hier sehe ich den Bund tatsächlich in der Position, mehr Rechtsklarheit für die Kommunen schaffen zu können. Wenn das gelingt, habe ich zumindest eine verlässliche Einnahmesituation. Kritiker befürchten auch, dass die riesigen Gebäude irgendwann stillstehen, wenn Strompreis oder -verfügbarkeit zum Problem werden. Diese Sorge ist verständlich, aber unbegründet. Im Koalitionsvertrag steht ausdrücklich, dass die Strompreiskompensation dauerhaft verlängert und auf weitere energieintensive Branchen ausgeweitet werden soll – auch auf Rechenzentren. Das Wirtschaftsministerium will das im nächsten Jahr umsetzen. Die meisten Rechenzentren werden von ausländischen, häufig amerikanischen Konzernen betrieben, und die Gewinnmargen sind groß. Müssen wir sie auch noch mit Steuergeld subventionieren? Nein, wir investieren in Standortpolitik. Natürlich profitieren auch internationale Player, aber gleichzeitig fördern wir unsere digitale Souveränität, europäische Standards und heimische Anbieter. Gibt es überhaupt Chancen für kleinere, womöglich lokale Betreiber? Ja, durchaus. Wenn Deutschland künftig große KI‑Infrastrukturen oder AI‑Gigafactories aufbaut, werden auch deutsche und europäische Betreiber profitieren. Der Markt ist in Bewegung. Das sieht man auch an den Investitionen der Schwarz-Gruppe. AI-Gigafactories, wie sie nun die Schwarz-Gruppe und die Telekom planen, sind in der Region bislang nicht geplant. Warum entstehen sie nicht hier? Andere Standorte sind vielleicht schneller einsatzbereit, aber eine finale Entscheidung ist noch nicht getroffen. Hat das Rhein-Main-Gebiet, in dem die Strommengen auf Jahre hinaus verteilt sind, für die nächsten Jahre einen Wettbewerbsnachteil? Nur, wenn wir jetzt nicht handeln. Wenn wir die Stromversorgung, Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen und die Kommunen auch außerhalb des Kerngebiets einbinden, können wir unsere Position sogar stärken. Außerhalb des Kerngebiets? Auch außerhalb des Rhein-Main-Gebiets gibt es geeignete Flächen mit ausreichender Stromversorgung. Mit einem nationalen Kompetenzzentrum könnten wir solche Potentialflächen zentral erfassen und koordinieren. Das wäre ein wichtiger Schritt. Ihr Haus hat dann bald drei große Strategien für Hessen vorgelegt: für  Digitalisierung, für Künstliche Intelligenz und für Rechenzentren. Mancher sagt, man verliere mit diesen Arbeitsgruppen und Papieren Zeit, in der man handeln könnte? Wir handeln ja gleichzeitig, und wir passen die Strategien immer wieder an. So schaffen wir aktuell aufbauend auf der KI-Zukunftsagenda mit dem Bertramshof in Frankfurt einen physischen Ort für Hessens KI‑ und Quanten-Ökosystem. Wir schaffen dort eine Plattform für Anwendung, Forschung und Wirtschaft. Die ersten Initiativen arbeiten schon, die offizielle Eröffnung ist für März geplant. Bislang sind die KI-Initiativen in Hessen zahlreich, aber auch unübersichtlich. Das ändern wir, der Bertramshof wird eine zentrale Anlaufstelle für das KI-Ökosystem. Das House of Digital Transformation zieht von Darmstadt nach Frankfurt, und wir holen den AI Quality  and  Testing Hub dorthin. Auch hessian.AI wird dort präsent sein. Damit entsteht ein echter Knotenpunkt für Anwendung, Forschung und Netzwerke. Warum bleibt das House of Digital Transformation nicht in Darmstadt, und alle anderen ziehen dorthin? Immerhin gibt es in der Stadt noch eine ganze Reihe anderer Institutionen rund um KI und Datensicherheit. Weil die Themen in Frankfurt zusammenlaufen – geographisch, wirtschaftlich, inhaltlich. Dort steht das Datacenter-Cluster, sind die Finanz- und Mobilitätsunternehmen. Die Forschung, also der Hauptstandort von hessian.AI, bleibt natürlich an der TU Darmstadt. Aber die anwendungsorientierten Teile ziehen um. So entsteht ein funktionierendes Ökosystem mit Spitzenforschung in Darmstadt und Umsetzung in Frankfurt. Gemessen an dem, was in Ländern wie den USA und China an Investitionen in KI-Entwicklungen fließt, wirkt das alles trotzdem sehr kleinteilig. Wie kann Hessen, wie kann Deutschland da überhaupt mithalten? Indem wir Mittel bündeln, Synergien schaffen und da fördern, wo wirklich digitaler Mehrwert entsteht. Wir haben in Deutschland ein Wertschöpfungspotential von rund 330 Milliarden Euro im Bereich Künstliche Intelligenz, davon knapp 30 Milliarden Euro in Hessen – das wollen wir heben. Mit der Eröffnung des Bertramshofs wollen wir auch Risikokapital anziehen und internationale Kooperationen knüpfen. Trotz der zentralen Ausgangslage und der Förderung ist in Hessen noch kein großer digitaler KI-Leuchtturm gewachsen, ein Unternehmen, dem man ein Potential zutraut wie etwa Aleph Alpha in Baden-Württemberg. Unser Ziel ist, dass sich solche Erfolgsgeschichten künftig in Hessen abspielen, wir haben das Wachstumspotential dafür. Aber ein Leuchtturmprojekt entsteht nicht über Nacht. Wir brauchen eine kritische Masse an Start-ups und gute Bedingungen für Wachstum – dann entstehen automatisch auch die großen Namen.