Als Michael Lauber 2020 in Pension ging, stand eins für ihn fest: Ein ruhiger Lebensabend sollte es nicht werden. Lauber war zuletzt für das Auswärtige Amt vier Jahre lang als Kanzler und stellvertretender Generalkonsul in Toronto tätig, davor im Rahmen des kulturellen Wiederaufbaus in Kabul, wiederum davor als Entsandter an den deutschen Botschaften in Peking und Bangkok und noch davor als Mitglied und Delegierter in der Ständigen Vertretung bei der UNESCO in Paris und den Vereinten Nationen in Wien. Nun lebten er und seine Frau in einem hübschen Haus in Falkensee westlich von Berlin, das sie kurz nach dem Regierungsumzug gekauft hatten, und dachten darüber nach, was sie mit ihrer neuen Freiheit und Sesshaftigkeit anfangen wollten. Seine Frau fand bald ein Herzensprojekt im regionalen Igelschutz – und Lauber kandidierte noch im selben Jahr für den Seniorenbeirat der 45.000-Einwohner-Stadt im Landkreis Havelland. Anders als in anderen Städten und Gemeinden wird der Seniorenbeirat in Falkensee nicht von der Stadtverordnetenversammlung berufen, sondern von den dort wohnenden Senioren gewählt; alle Wahlberechtigten ab 60 Jahren dürfen sich daran beteiligen. Ein Nachbar hatte Lauber auf die Idee gebracht, zu kandidieren, „und zu meiner eigenen Überraschung wurde ich tatsächlich gewählt“. In der ersten Sitzung hieß es dann: „Wer macht was, wer hat eine Idee?“ Die Isolation mit E-Mail und Whatsapp aufbrechen Dann kam der große Corona-Lockdown. Unter der zunächst leichten, dann besonders strengen und langen Schließung von November 2020 bis Mai 2021 zerrannen viele Pläne des neuen Seniorenbeirats – übrig blieb fast zwangsläufig nur ein einziges, großes Thema: die nahezu vollständige Vereinsamung der alten Menschen in ihren Wohnungen und Pflegeheimen. „Die Isolation der Älteren damals, während sich gleichzeitig die Digitalisierung extrem zu beschleunigen begann, brachte uns auf den Gedanken, genau hier zu helfen, zu erklären: Was ist Whatsapp, was ist E-Mail, wie geht das alles?“, berichtet Lauber. Er fand schnell Mitstreiter, eine ehemalige Schuldirektorin, eine frühere Lehrerin, die zuletzt in der freien Wirtschaft gearbeitet hatte und überaus internetaffin war, drei pensionierte Unternehmens- und IT-Berater. Mit Hausbesuchen samt Maske und Desinfektionsmittel begannen sie, die alten Leute aus ihrer Isolation zu holen, wo immer es gerade möglich war. Das Projekt, das damals tastend unter den extremen Bedingungen der Pandemie und mit nichts weiter als ein paar Referenten begann, hat sich seitdem in der Stadt zu einer festen Institution in der Hilfe für Senioren entwickelt, die Anschluss an die Digitalisierung suchen (und behalten wollen). Hausbesuche machen Lauber und seine Mitstreiter immer noch, außerdem Kaufberatungen für Senioren bei der Suche nach einem neuen Handy oder Laptop, denn: „Das schlechteste Handy ist immer das alte, abgelegte, das der Enkel nicht mehr haben will“, sagt Lauber lächelnd. Herzstück der Beratungen sind jedoch mittlerweile Schulungen in Präsenz in einem „Digitalcafé“, die in Kooperation mit dem Arbeiter-Samariter-Bund zweimal im Monat stattfinden. An einem Montag im Herbst ist es wieder so weit; diesmal heißt das Thema „1000 kleine Dinge – Das wird schon werden!“. Etwa 25 Teilnehmer haben sich an diesem Vormittag bei Kaffee, Tee und Keksen versammelt, manche von ihnen sind weit über 80 Jahre alt. Sie plaudern und scherzen, viele kennen sich schon seit Bestehen der Gruppe. „Es ist für uns zu einem Treffpunkt geworden, wo wir uns auch für andere Dinge verabreden“, sagt eine Teilnehmerin. „Wie muss ich das denn machen?“ Im Vortrag geht es dann darum, wie man Icons auf dem Bildschirm verschiebt, was man tut, wenn plötzlich die E-Mail weg ist, an der man gerade schrieb, wie man Anhänge öffnet und bearbeitet, Fotos in der Galerie sichert, Links weiterleitet oder neue Kontakte anlegt. Bald rauchen den Teilnehmern die Köpfe. „Mir auch“, sagt der Vortragende, ebenfalls ein pensionierter IT-Fachmann, und alle lachen. Er erklärt die „1000 kleinen Dinge“ erst für Samsung-Handys, ein anderer Ehrenamtlicher dann auch für Apple. „Die Sache ist schon schwer zu verstehen“, sagt er, „die einen brauchen Erklärungen für Gmail, die anderen für Outlook, und wo da die Unterschiede sind, muss man auch erst einmal erklären.“ Und er verspricht: „Wir üben das gleich!“ So kämpfen sich die Teilnehmer durch die Tücken des Netzes. Sie beharren, verzweifeln, verstehen, lachen. Haben es doch nicht ganz mitbekommen, fragen nach, probieren aus, erklären es sich untereinander. Immer wieder wird es in den Reihen unruhig, wenn einer ein Symbol auf seinem kleinen Smartphone sucht und seine Nachbarn um Rat fragt. „Wenn man heute lebt, muss man sich damit beschäftigen“, sagt eine resolute Dame. „Sonst kannste gleich in den Sarg gehen.“ Oder wie es ein anderer Teilnehmer formuliert: „Ich bin alt, aber kein Idiot.“ Er ist 86 Jahre alt, sieht aber aus wie 75. Für die Teilnehmer ist es, andersherum betrachtet, aber auch ein Ort, an dem sie genau die Fragen stellen können, für die sie fürchten, von anderen für dumm oder umständlich gehalten zu werden – und ihren gestressten Kindern und Enkeln damit auf die Nerven zu gehen. „Ich habe hier sechs Apps, die sind ganz hinten, sollen aber nach vorn. Wie muss ich das denn machen?“, fragt ein Herr. Und ein anderer: „Wie kann man denn das Menü länger leuchten lassen? Bevor ich das alles gelesen habe, ist es schon wieder aus.“ Wenn sie sich dann nicht gleich alles merken können, nimmt es ihnen hier keiner übel – sondern erklärt es einfach noch einmal. Die Vorträge werden anschließend per Mail verschickt, die wichtigsten Punkte auf Papier ausgedruckt: zum Mitnehmen, ganz analog. Für Lauber und seine Mitstreiter geht es jetzt darum, das Angebot technisch und in der Reichweite noch stärker auszubauen, um noch mehr älteren Menschen die Teilhabe an der digitalen Gesellschaft zu ermöglichen. „Wir haben zum Beispiel vor Kurzem eine Lautsprecheranlage installiert, damit wir auch in den hinteren Reihen gut verstanden werden“, sagt Lauber, „das Vortragen in dem voll besetzten Saal war auch für die Referenten selbst immer sehr anstrengend.“ Unterstützung erhalten sie dabei vom Digitalpakt Alter, einer 2021 ins Leben gerufenen Initiative des Bundesseniorenministeriums und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, die wiederum als Dachverband verschiedener Vereine und Organisationen für die Belange älterer Menschen fungiert. Seit 2023 sind dem Digitalpakt Alter alle Bundesländer angeschlossen. Anfang Oktober zog der Digitalpakt Bilanz seiner ersten Förderperiode von 2023 bis 2025: Er förderte demnach in den ersten zwei Jahren mit rund 3,3 Millionen Euro 315 „Erfahrungsorte“ wie das Digitalcafé in Falkensee. Mehr als 80.000 ältere Menschen nahmen an den Angeboten teil, mehr als 5300 Ehrenamtliche waren in den Projekten engagiert. Auch Büchereien machen Angebote Mehr als 600 weitere Projekte hatten sich 2023 jedoch auch vergeblich für eine Förderung beworben, sie erhielten aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel keinen Zuschlag. Der Bedarf ist also deutlich größer, als ihn der Digitalpakt Alter derzeit abdecken kann. Projektleiterin Astrid Mönnikes schätzt unter Berufung auf aktuelle Studien, dass mindestens vier Millionen Menschen über 60 Jahre „noch komplett offline“ sind. „Darüber hinaus gibt es unzählige ältere Menschen, die zwar ein Smartphone besitzen, aber nicht so sicher im Umgang damit sind, dass sie sich komplexere digitale Anwendungen zutrauen“, sagt Mönnikes. Einstweilen sind die Organisatoren jedoch froh, dass der Digitalpakt von der neuen Bundesregierung gerade um zwei Jahre verlängert wurde und bis 2027 weitermachen kann. Neben der Betreuung der Projektträger bietet das Digitalpakt-Team auch Workshops und Sprechstunden für die freiwilligen Helfer an, die die Projekte an Ort und Stelle durchführen, stellt Informationen und Materialien bereit und baut eine Datenbank auf, in der die Angebote in Form einer Landkarte auffindbar sind. Sie enthält derzeit rund 1550 Projekte in ganz Deutschland und ist nach Angaben der Macher damit die größte derartige Datenbank bundesweit. Hier einen Überblick zu schaffen, ist tatsächlich dringend nötig. Denn das Angebot an Digitalprojekten (nicht nur für Senioren) ist unübersichtlich und oft nur schwer zu finden – gerade für diejenigen, die am dringendsten Hilfe brauchen. Oft gehören Projekte im selben Ort zu verschiedenen Netzwerken und werden von unterschiedlichen Trägern angeboten; wer wüsste schon, ob er danach nun beim „Silbernetz“ oder bei der „Seniorenunion“, beim Malteser Hilfsdienst, Sozialverband VdK oder beim Volksbildungswerk suchen muss? „Unser Ziel für die neue Förderperiode ist es, auf unserer Plattform alle bundesweit verfügbaren kostenlosen Angebote und Anlaufstellen sichtbar zu machen, die sich um den digitalen Kompetenzerwerb älterer Menschen bemühen“, sagt Mönnikes. Gleichzeitig entwickelt und evaluiert das Digitalpakt-Team auch neue Wege, um älteren Menschen die Digitalisierung näherzubringen. Ein ganz anderes System erprobt man beispielsweise derzeit in Berlin: Dort werden seit 2023 die öffentlichen Büchereien und Bibliotheken zu Orten digitaler Hilfestellung ausgebaut. Die Stadt will damit dem 2017 erlassenen Onlinezugangsgesetz entsprechen, das öffentliche Institutionen zur Bereitstellung und Vernetzung digitaler Dienstleistungen und zu einem barrierefreien Zugang verpflichtet. „Die Büchereien sind schon fest etablierte Bildungsorte in den Bezirken“, sagt Projektleiter Jacob Philipsen Svaneeng, „jetzt sollen sie auch zu Anlaufstellen werden, wenn man Fragen zu seinem Smartphone hat, zu einzelnen Anwendungen, zum PC oder Drucker oder wenn man einfach nur schnell ins Internet will.“ Die Vorteile der örtlichen Büchereien liegen auf der Hand: Die Nutzerinnen und Nutzer wissen, wo sie sind, und besuchen sie oft schon seit vielen Jahren oder finden sie zumindest leicht. Grundschulkinder werden in den ersten Schuljahren in die Büchereien in ihren Stadtteilen eingeführt und erledigen später dort ihre Hausaufgaben, Ältere besuchen Lesungen, treffen sich in Lesekreisen oder helfen als Lesepaten Kindern beim Lesenlernen. „Die Büchereien werden immer stärker zu sozialen Orten der Daseinsvorsorge“, sagt Svaneeng. Bei Alten lässt die elektrische Leitfähigkeit der Haut nach Das Modellprojekt namens „Digital-Zebra“ wird von der Stadt und der EU finanziert und erhielt gerade den Berliner Verwaltungspreis. Nach Angaben der Leiter ist es das erste seiner Art in Deutschland, 28 der insgesamt 85 Berliner Büchereien und Bibliotheken sind schon daran angeschlossen. Zahlreiche Computerarbeitsplätze wurden dafür eingerichtet, die man für eigene Erledigungen nutzen kann, um Termine zu buchen, E-Mails zu verschicken oder Tickets zu kaufen. Vor allem aber gehören 18 „Digitallotsen“ dazu: hauptamtliche Mitarbeiter, die den Besuchern bei der Nutzung helfen. Die Beratungen finden regelmäßig und zu festen Zeiten statt; man kann einfach hingehen, wann es passt. „Wir wollen das Angebot so niedrigschwellig wie möglich halten“, erklärt Svaneeng, „individuelle Termine würden zu verbindlich wirken und nur neue Hürden aufbauen.“ In der Zentralbibliothek auf der Berliner Museumsinsel finden zum Beispiel an vier Tagen in der Woche vormittags und nachmittags jeweils mehrstündige Beratungen statt. In den Lesesälen dort herrscht entspannte Ruhe, in großen, lichtdurchfluteten Räumen lesen, stöbern, blättern an diesem Nachmittag nicht zu viele Leute, im Café im Innenhof machen einige gerade Kaffeepause. Am Schalter des Digital-Zebras hat gerade eine junge Bibliothekarin Dienst. „Heute Vormittag war eine ältere Dame hier, die mit ihrem Handy Pflanzen bestimmen wollte. Wir haben dann zusammen verschiedene Apps rausgesucht und an den Pflanzen im Innenhof ausprobiert“, berichtet sie. Manchmal habe sie aber auch Kunden, die noch nie zuvor ein Smartphone in der Hand hatten. „Sie kommen mit einem Handy und wissen nicht, wie sie es einschalten sollen oder wie es dann weitergeht. Das üben wir dann hier.“ Wichtig am Konzept der Bibliotheken sei, immer Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, also nicht die Aufgabe anstelle des Nutzers zu erledigen. „Wir nehmen ihnen darum niemals das Handy aus der Hand.“ Mittlerweile habe sie viele Stammkunden, die mit immer wieder neuen Fragen in die Beratung kommen, berichtet die Bibliothekarin. Die Mitarbeiter werden ihrerseits immer weiter geschult, es geht um sensible Ansprache, kulturelle Unterschiede oder einfach um technische Details. „Ich wusste zum Beispiel nicht, dass bei älteren Menschen die elektrische Leitfähigkeit der Haut nachlässt und sie deswegen Touchscreens nicht so gut bedienen können“, berichtet die junge Frau. „Jetzt empfehlen wir unseren Kunden oft, dafür Eingabestifte zu benutzen.“ So lernen am Ende nicht nur die älteren Leute dazu, wenn sie in die Beratungen kommen, sondern mitunter auch die jungen. Stück für Stück nähern sie sich damit der Hoffnung an, die auch Michael Lauber und seine Mitstreiter im Falkenseer Digitalcafé antreibt: „Dass sich die Senioren nicht denken: ,Ich bin alt, wozu brauche ich das noch?‘ Sondern dass sie schreiben können: ‚Hallo Enkel, möchtest du in meine Whatsapp-Gruppe kommen?‘“
