Im mobilen Kunstbetrieb meldete der Steward bislang nur das „Boarding completed“ im Flieger von einer Messe zur nächsten Biennale. Seit einiger Zeit mischt er sich indes auch unter die Kuratoren. Von „Stewardship“ ist jedenfalls die Rede, wenn Onlineauftritte von Museen gepflegt, also kuratiert werden, wenn Zugänglichkeit und Teilhabe für Zeitgenossen zu regeln sind, die klicken, posten, ein Wörtchen mitreden wollen. Die schwer übersetzbare „Stewardship“ bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dafür zu sorgen, dass Plattformen nicht durch automatisierte Softwareprogramme lahmgelegt werden. Bots zu stoppen, sei eine Herausforderung für alle öffentlich zugänglichen Infrastrukturen, legte Grischka Petri, Karlsruher Spezialist für Urheberrecht, in einem informativen und launigen Vortrag über „Ethics of Access and Sustainability“ auf der Tagung über „Digital Curating“ dar, die an der Universität Münster in Kooperation mit der privaten Universität Witten/Herdecke stattfand. Das englischsprachige Symposium entfaltete sein ausführliches Programm vor dem Hintergrund der technischen Optionen für Archive, Vergangenes wieder sichtbar zu machen, und für Museen, ihr Zielpublikum auf den magischen Kanälen von Social Media anzusprechen. Zugleich sehen sich diese Institutionen unter Zugzwang gesetzt, vielleicht auch in Abhängigkeiten gestürzt, wirken doch Einflüsse von Künstlicher Intelligenz, Google und Algorithmen auf die Inhalte zurück, die für die Öffentlichkeit vorgehalten werden. Ohne mediale Ansprache ist man scheintot. Sprachbarrierefreiheit gibt es nicht ohne Regeln Zugang für alle ist cool – aber auch per se demokratisch? Nicht unbedingt, antwortete Hauke Behrendt (Stuttgart), denn die Voraussetzungen für „Access“ müssten durch „Governance“ geregelt sein, so gelte es zum Beispiel, Sprachbarrieren abzubauen und darauf zu achten, wessen Stimme welche Reichweite zukommen solle. Was Museen bildender Kunst tun, um die Teilhabe an ihren Sammlungen, Ausstellungen und überhaupt allen Angeboten zu ermöglichen, wurde auf dem dreitägigen Treffen in mehreren Beiträgen verhandelt. So haben sich das Museum Ulm und der Düsseldorfer Kunstpalast gemeinsam auf ihre Fahnen geschrieben, ihre Häuser durch „Swarm Curation“ zu verändern, dies explizit „nachhaltig“ – wiederum mit dem Anspruch, „mehr Demokratie“ zu wagen und eine „zukünftige Relevanz“ fürs junge Publikum zu sichern. Auf einer auf vier Jahre angelegten Plattform unter Leitung (Stewardship) von Marina Nething und Alina Fuchte war Mitmachen Trumpf – sinngemäß nach der Devise: Kunst und Kuration können alle, man muss es ihnen nur ermöglichen. Als die beiden Kuratorinnen in ihrem lebhaften Vortrag die Resultate an die Wand warfen, priesen sie die hohe Frequentierung; der Rest war Kunst, vielfach Kitsch und ihnen kaum der Rede wert. Was „Audience Engagement“ für das Frankfurter Städel (offizieller Name heute: Städel Museum) bedeuten kann, erläuterte Chantal Eschenfelder als Leiterin der Kunstvermittlung im Traditionsinstitut am Museumsufer. In einer sich radikal wandelnden, auch alternden Gesellschaft, da viele Menschen generell an Institutionen zweifelten und Unterhaltung vorrangig daheim suchten, müssten sie sehr gezielt angesprochen werden. Der heutige Museumsbesuch beginne auf dem hauseigenen Onlineportal, nicht an der Pforte am Main, und führe auch dorthin zurück. Besucher können sich vorab detailliert über 25.000 einzelne Werke aus der Sammlung informieren. Hito Steyerls Warnung Je tiefer sie auf der Homepage des Museums in die Materie einstiegen und sich mit Bildern in Wechselausstellungen vertraut machten, desto eher seien sie, so die durch Besucherbefragungen ermittelte Erfahrung, im Hause selbst auch an einem Audioguide interessiert. Das Interesse an online aufbereiteter Information steigert demnach die Neugier vor den Originalen. Grundsätzlich gelte es, sagte Eschenfelder, möglichst vielfältige Zugänge zu eröffnen, was etwa über die Verschlagwortung zu bewerkstelligen sei und über Möglichkeiten, Suchwörter zu kombinieren. Die Stimmungen auf der Münsteraner Konferenz durchliefen die ganze Bandbreite zwischen High-End- und Tech-Positivismus auf der einen und einer gewissen Skepsis in Sachen Big Data auf der anderen Seite. Beatrice von Bismarck (Leipzig) etwa sprach darüber, wie schwierig es ist, eine Erinnerungskultur angemessen zu visualisieren, ohne, mit einem Wort der digital und sozial unüberbietbar avantgardistischen Künstlerin Hito Steyerl, einer „Objectifiction“ auf den Leim zu gehen. Von solchem Zweifel zeigte sich Sarah Kenderdine, Professorin für Digitale Museologie in Lausanne, unbeeindruckt. Sie demonstrierte an diversen Beispielen, was an „Expanded Perception“, an Digitalisierung und 3D-Replikas auch riesiger Panoramen möglich ist, wenn sowohl die Datenkapazitäten als auch die Finanzierung nach oben nicht begrenzt sind. Auch ökologische Aspekte gerieten in Münster in den Forscherblick. Was an Ressourcen allein für die Fotografie ausgebeutet worden sei, legte Michael Klipphahn-Karge (Leipzig) in seinen Ausführungen über das „Bild als Last“ dar. Anhand diverser Folien über die Gewinnung von Silber und Aluminium am Lake Lafroy in Australien, verschiedene Gruben in Brasilien oder das Lithium-Becken im chilenischen Salar de Atacama machte er das Ausmaß der Ausbeutung von Natur und Mensch deutlich. Dazu passte auf sarkastische Weise ein kurzer Film über Bernd und Hilla Becher aus Ohio anno 1987: Um freie Sicht auf einen Silo zu schaffen, holzte das Düsseldorfer Fotografenpaar damals kurzerhand einen Baum ab. Duale Denkmuster von online und offline und damit eine heute vielleicht schon obsolete Spaltung zu überwinden hatte sich Marie-France Rafael vorgenommen. Die Zürcher Kunsthistorikerin empfahl einen Auftritt von HERVISIONS in der Tate Britain als Modell: Das feministische Kollektiv hatte dort vor einigen Jahren einen partizipativen Raum eingerichtet, der digitale und physische Erfahrungsebenen verschränkte, um Gegennarrative im Sinne der Institutionskritik und eine „sorgende digitale Praxis“ zu etablieren. Von der Warte der Künstlerin referierte Anna Sokolova aus Düsseldorf, eine Bildhauerin, die mit großen Lichtinstallationen auf vorgegebene Orte reagiert. Helle, weiße Linien durchmessen den Raum auf schwarzem Grund in der Tradition der konkreten Kunst, wandern auf zahlreichen Bildschirmen, kreuzen sich, entfachen Komplexität aus einfachen Strukturen. Die Lebensdauer dieser Settings ist naturgemäß limitiert. Was tun? Sich selbst digital kuratieren, lautet Sokolovas Lösung mit einem virtuellen Museum namens „Kinburn“, eingerichtet im Stil der Pittura metafisica auf der gleichnamigen Halbinsel im Schwarzen Meer. Mit Gaming-Elementen in Gestalt eines Avatars navigiert man durch eine ständige Sammlung, bei der unbegrenzt Raum um Raum angebaut werden kann. In diesem Open-Space-Museum liefen sämtliche Stränge der Tagung kongenial zusammen.
