FAZ 08.12.2025
11:40 Uhr

Differenzfeminismus: In Büchern von Männern sind Frauen oft nur Transvestiten oder Hirngespinste


Alice Ceresa war in den Sechzigern in der italienischen Avantgarde keine Unbekannte. Heute wird sie hierzulande wiederentdeckt. Was lässt sich von einer Feministin lernen, die auch den Feminismus dekonstruierte?

Differenzfeminismus: In Büchern von Männern sind Frauen oft nur Transvestiten oder Hirngespinste

Viele gängige Wörterbücher decken Begriffe von A bis Z ab. Nicht so Alice Ceresas „Kleines Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit“. Zwar beginnt auch darin alles erwartungsgemäß mit A (wie „Abtreibung“), doch endet das Ganze nach insgesamt 47 Einträgen bereits beim Buchstaben W (wie „Weiblichkeit“). Das hängt nur teilweise damit zusammen, dass hier die deutsche Fassung des 2020 auf Italienisch erschienenen „Piccolo dizionario dell’inugualianza femminile“ vorliegt, bei der die Begriffe unweigerlich in eine neue alphabetische Ordnung gebracht wurden – „ragione“ wurde zu „Vernunft“, „bellezza“ zu „Schönheit“. Entscheidend ist vielmehr, dass es sich um ein Fragment gebliebenes Werk aus dem Nachlass einer Autorin handelt, die mit herkömmlichen Vollständigkeitsansprüchen und Ordnungskategorien ohnehin nicht sonderlich viel anfangen konnte. Alice Ceresa, 1923 in Basel geboren, im Tessin aufgewachsen, begann früh als Journalistin und Übersetzerin zu arbeiten. 1950 ließ sich Ceresa in Rom nieder und war in Kreisen der italienischen Avantgarde bald keine Unbekannte mehr, erst recht nicht nach der Veröffentlichung ihres experimentellen Debütromans „La figlia prodiga“ 1967, ein feministischer Gegenentwurf zur biblischen Erzählung vom verlorenen Sohn (die Übersetzung „Die verlorene Tochter“ wird im kommenden Jahr erscheinen). Anfang der Siebzigerjahre begann Ceresa mit der Arbeit am „Kleinen Wörterbuch“, ihrer wohl nachdrücklichsten Auseinandersetzung mit der sogenannten Frauenfrage. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 sollte das Werk nicht fertig werden. Archaische Wut und postmoderner Spieltrieb Folgt man der Vorbemerkung zum „Kleinen Wörterbuch“, verfasst von der Herausgeberin Marie Glassl, die hierzulande die Entdeckung Ceresas vorantreibt, beruht diese Nichtvollendung des Werks auf der grundsätzlichen Abneigung der Autorin gegen alles Abgeschlossene, begrifflich und methodisch Festgezurrte. Ergänzend dazu findet sich im aufschlussreichen Nachwort der Schweizer Romanistin Tatiana Crivelli, die sich schon um die Originalausgabe des „Piccolo dizionario“ verdient gemacht hat, der Hinweis, dass Ceresa zudem auch eine von Selbstzweifeln und von maßlosem Perfektionismus geplagte Autorin war, die einmal Geschriebenes immer wieder verwarf oder manisch umformulierte. Eine Eigenschaft, die nicht zuletzt Ceresas schmale Publikationsliste zu Lebzeiten und ihren stattlichen Nachlass, der sich heute im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern befindet, erklärt. Den „Wörterbucheinträgen“ merkt man diese mühevolle jahrzehntelange Plackerei allerdings nicht an. Scheinbar anstrengungslos verbindet Ceresa hier archaische Wucht und postmodernen Spieltrieb mit beißender Ironie und nimmt dabei so analytisch wie komisch den apodiktischen Tonfall klassischer Lexika und Enzyklopädien aufs Korn. Doch bei aller stilistischen Eigenwilligkeit sind die kurzen Texte zu Stichworten wie „Mutterschaft“, „Kultur“ und „Katholische Kirche“ unverkennbar ihrer Zeit verhaftet. Denn anders als die vorangegangene Feministinnengeneration will sich Ceresa nicht mehr mit Gleichheitsforderungen begnügen. Sie setzt ganz auf den Abweichungs- und Differenzcharakter des Weiblichen, auf dessen prinzipielle Nicht-Integrierbarkeit in ein überkommenes omnipräsentes System, das sich noch so universalistisch und unhintergehbar geben mag, während es doch nur spezifisch männliche Sichtweisen und Dominanzansprüche repräsentiert. Neben Kernfamilie, Religion, Gesellschaft und Wissenschaft sind für Ceresa vor allem Sprache, Grammatik und Literatur durch patriarchale Mechanismen korrumpiert: Das Wort „uomo“ oder „homo“ beispielsweise, das im Italienischen und Lateinischen den Mann zum Repräsentanten schlechthin der Gattung Mensch erklärt. Auch an der „literarischen Frauenfigur“, die von einem männlichen Schriftsteller erschaffen wurde, lässt Ceresa kein gutes Haar, ist diese doch „im besten Fall als Transvestit zu betrachten, im schlechtesten Fall als bloßes Hirngespinst“. „Nur dem Namen nach weiblich“ Dabei läuft dieser differenzfeministische Ansatz bei Ceresa niemals Gefahr, eine neue Essenz des „Weiblichen“ oder eine für alle Frauen gleichermaßen gültige Gefühls- und Gedankenwelt einzuklagen, wie man es von einigen prominenten Vertreterinnen des Differenzfeminismus kennt, etwa von der Psychoanalytikerin Luce Irigaray oder der Linguistin und Science-Fiction-Autorin Suzette Haden Elgin. Ceresa hingegen bleibt der klassischen Dekonstruktion treu und fährt alles, was nach „Identität“ oder dem vermeintlich Natürlichem riecht, mal reichlich hemdsärmelig, dann wieder un­fassbar raffiniert gegen die Wand. Bemerkenswert ist zudem, wie Ceresa seitenlang auf dem Höhenkamm des Ab­­strakten balanciert und bei Gelegenheit ganz ungezwungen in die Niederungen des Anschaulichen sinkt. Das Urteil über ihre Heimatland, die Schweiz, die „nur dem Namen nach weiblich“ sei, illustriert sie durch den Verweis auf das Frauenwahlrecht, das hier auf Bundesebene erst 1971 eingeführt wurde. Zu Bestform läuft Ceresa zuverlässig auf, sobald sie sich einen kanonischen Großdenker vorknöpft. Unter dem Stichwort „Animus“ parodiert sie auf knapp zwei Seiten so lakonisch wie treffend Carl Gustav Jungs Ansichten zu den Risiken und Nebenwirkungen der intellektuellen, also nach Jung den „archetypisch männlichen“ Anlagen der Frau. Auch liegt sicher nicht falsch, wer die Ausführungen zu „Vernunft. Denken“ als Seitenhieb gegen die Erkenntnistheorie à la Kant liest. Doch ganz nebenbei enthält der Abschnitt eine vertrackte Selbstermahnung. Denn ohne die „zweifelhaften Inhalte“ des Geistes, ohne Ideen und Ideale, die hier aus vordergründig materialistisch-reduktionistischer Sicht angeprangert werden, kommt Ceresa mit ihrem emphatisch-avantgardistischen Literaturverständnis und ihrer Weigerung, sich mit bestehenden Verhältnissen abzufinden, ja offenkundig selbst nicht aus. Und weil sie keinerlei Probleme damit hat, sich Derartiges einzugestehen, gelingt ihr ein nur schwer zu überschätzendes Kunststück: radikal subversiv zu schreiben, ohne dass die Subversion zur wohlfeilen Geste verkommt. Alice Ceresa: „Kleines Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit“. Mit einem Vorwort von M. Glassl und einem Nachwort von T. Crivelli. Aus dem Italienischen von Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, Zürich 2025. 136 S., br., 18,– €.