Modern zu sprechen, das hieß ja mal: „Cheri, Cheri Lady“ und „Sexy, Sexy Lover“ zu hauchen. Das hieß mal: E-Gitarre spielen und gleichzeitig in die Hände klatschen. Das hieß mal: Stefan Raab zu Gast beim „Sonnenbank-Baron“ Dieter Bohlen im Buchsbaumgarten – mit blonder Löwenmähne und VitaminE-Tabletten auf dem Küchentisch. As time goes by oder: „Diamonds never made a lady“. Denn heute, im November 2025, bedeutet „Modern Talking“ offenbar, möglichst oft „Scheiße“ zu sagen. Heißt modern über Deutschland zu sprechen, gut gebräunt dessen Untergang zu beschwören. Ein Mann, der sich richtig gut fühlt Mit verdeckter Knopfleiste und straff gebügeltem weißen Hemd sitzt Bohlen bei einem katastrophensüchtigen Goldhändler im Youtube-Studio und packt seinen „Besiegtenstolz“ aus. Lustvoll zählt er die Hunde auf, vor die dieses Land gegangen sei: die KI verpennt, bei den Elektroautos abgehängt, bei der Steuerlast Weltmeister. Er selbst sitzt auf gepackten Koffern, sagt Bohlen lächelnd, und wäre, wenn die Vermögensteuer kommt, „in sechs Stunden weg“. Weg wohin? Nach Dubai oder Amerika. Und warum in genau sechs Stunden? Wahrscheinlich, weil er so lange braucht, um seine Goldbarren aus dem Keller zu holen. Zehn Prozent seines Vermögens hat der spätpubertäre Countertenor aus Tötensen in Gold angelegt, sicher ist sicher. Dieter Bohlen mit einundsiebzig – das ist ein Mann, der sich richtig gut fühlt und richtig oft „Scheiße“ sagt. Zu Deutschlands Moralinsauerkeit gegenüber China zum Beispiel: „Wenn du jemanden ins Gesicht scheißt, kannst du nicht erwarten, dass er dich liebt“, oder zur notwendigen Bro-Diplomatie mit Russland „Da muss man sagen: ich find dich zwar scheiße, aber wir reden miteinander.“ Und auch die Medien, die ihn am Anfang „scheiße“ fanden, sind heute genau das: „Scheiße“. Die Zwangsabgaben für die Öffentlich-Rechtlichen findet Bohlen ungerecht, genauso wie den Umstand, dass er so viel Steuern zahlen muss und dafür noch nie ein Dankeschön bekommen hat. Dass Apple in Deutschland angeblich weniger Steuern zahlt als er, „das ist doch Scheiße“. Querfronten der Abfälligkeit Hin und wieder rutschen ihm noch ein paar Füllwörter aus seinem früheren Songtext-Leben wie „Empfinden“ oder „Herz“ heraus, aber vor allem sagt er, um richtig modern zu wirken, eben oft „Scheiße“. Bohlen ist immer mit der Zeit gegangen, war immer an der Spitze des mülligen Fortschritts, vielleicht also keine Überraschung, dass er sich heute im kapitalstarken Milieu der Shitverkäufer wiederfindet. Das Antideutsche ist inzwischen zum Verkaufsschlager geworden. BSW und AfD, Nius und „Berliner Zeitung“, Bohlen und Böhmermann, alle überbieten sich darin, Querfronten der Abfälligkeiten zu bilden. Ein bisschen persönliche Enttäuschung ist bei Bohlen allerdings auch dabei. Er ist enttäuscht davon, dass Friedrich Merz ihn nicht zu seinem persönlichen Elon Musk ernannt hat. Seine Hilfe als Wirtschaftsweiser hatte er ihm angeboten, aber der Bundeskanzler wollte lieber ein paar Musiktipps von ihm. Und nicht mal die hat er befolgt. Bohlen muss sich also mit seiner neuen Rolle als Klartexter begnügen oder, um es in seinen Worten zu sagen: damit, aus Scheiße Gold zu machen.
