Auf dem Höhepunkt der Eurokrise, in der ersten Hälfte der Zehnerjahre, gab es einen Witz. Ein deutsches Ehepaar geht in seinem Heimatort in ein griechisches Restaurant, isst, steht auf und sagt dem Wirt: „Wir haben schon bezahlt.“ Als Griechenland durch internationale Hilfsprogramme und Umschuldungen vor einem ungeordneten Zahlungsausfall bewahrt wurde, flossen auch deutsche Steuergelder nach Athen. Davon geblieben ist, politisch betrachtet, nur die AfD. Die Partei wurde 2013 vor allem wegen der europäischen Staatsschulden- und Währungskrise gegründet. Die damalige Euro-Rettungspolitik, insbesondere der Hilfsprogramme für Krisenländer wie Griechenland, lehnte die AfD strikt ab. Heute, ein gutes Jahrzehnt später, boomt Griechenland. Für das laufende Jahr rechnet die EU-Kommission mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent, bereits 2025 legte das griechische Bruttoinlandsprodukt um 1,7 Prozent zu. Das spiegelt sich auch an der Börse von Athen wider. Der Athex Composite, der die 60 größten und umsatzstärksten griechischen Unternehmen abbildet, legte seit Jahresbeginn um 28,32 Prozent zu. Der Euro Stoxx 600 kommt nur auf ein Plus von 8,77 Prozent, der deutsche Leitindex Dax kletterte seit Anfang Januar um 4,03 Prozent. Allerdings gilt es zu bedenken, dass die im Athex gelisteten Banken des Landes eine Schlüsselrolle bilden und den Index dominieren. Der europäische Bankensektor hat ohnehin derzeit einen guten Lauf, nicht nur in Griechenland. Der Euro Stoxx Banks legte in diesem Jahr um 21,75 Prozent zu. Hinzu kommen Nachholeffekte in Griechenland. Die notleidenden Kredite aus der Krisenzeit wurden stark abgebaut, die Bilanzen sind stabiler, die Profitabilität deutlich höher. Das erlaubt den Instituten, wieder Dividenden auszuschütten und Aktienrückkäufe vorzunehmen. Zudem zieht die Kreditvergabe an Unternehmen wieder an. So investieren auch internationale Anleger vermehrt in den griechischen Bankensektor, der von der Piraeus Bank, der National Bank of Greece, der Alpha Bank und der Eurobank dominiert wird. Die Börse Wien profitiert von Osteuropa Die Banken sind auch der Grund für den Erfolg der Wiener Börse. Der ATX konnte in diesem Jahr um 29,51 Prozent zulegen, obwohl die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich ähnlich schwach verläuft wie in Deutschland. Dominiert wird der Leitindex aber wie in Athen von Banken. Schwergewichte sind Erste Group, Raiffeisen Bank International und Bawag. Die Institute verdienen ihr Geld überwiegend in Osteuropa. Laut der Österreichischen Nationalbank entfällt rund ein Drittel der ausgegebenen Kredite auf diese Region. Die Stärke der Wiener Börse ist daher weniger eine Stärke der Wirtschaft in dem Alpenland, als vielmehr der in Osteuropa. Starkes Wachstum in Polen So überrascht es auch nicht, dass die Börse in Warschau zu den stärksten in Europa in diesem Jahr gehört. Der Wig 20 legte bislang um 32,58 Prozent zu. Hier spiegelt sich die gegenwärtige wirtschaftliche Stärke des östlichen deutschen Nachbarn wider, der am Anleihemarkt noch als Schwellenland zählt. Die EU-Kommission erwartet für 2026 ein Wachstum von etwa 3,5 Prozent, getragen von privatem Konsum und umfangreichen EU-finanzierten Investitionen. Das ist ein Vielfaches des erwarteten deutschen Wachstums von 0,6 Prozent. Zwar spielt auch der starke Bankensektor eine Rolle beim Kursplus in Warschau. Der Aufschwung in Polen ist aber viel breiter getragen. Das Land bietet steigende Einkommen, einen wachsenden Konsum, Nachholbedarf in der Infrastruktur, zunehmende Kapitalinvestitionen und eine größere wirtschaftliche Dynamik. Das haben auch ausländische Investoren erkannt. Die Kapitalzuflüsse verstärken die Aufwärtsbewegung zusätzlich. Der Erfolg der polnischen Wirtschaft ist aber auch Europa zu verdanken, denn das Land profitiert enorm von Mitteln aus dem EU-Haushalt.
