FAZ 12.02.2026
07:24 Uhr

Die neue Weltordnung: Trump, die NATO und Europas Bewährungsprobe


Lassen sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Risse der vergangenen Monate noch kitten? Oder steuern wir geradewegs auf eine posttransatlantische (Un-)Ordnung der Großmächte zu?

Die neue Weltordnung: Trump, die NATO und Europas Bewährungsprobe

Die Münchner Sicherheitskonferenz trägt die transatlantische Allianz in ihrer DNA. Die Konferenz wird in diesem Jahr in besonderer Weise ein Barometer des Bündnisses sein. Die Grönland-Krise – Annexionsdrohung der Amerikaner gekoppelt mit Strafzöllen gegen EU-Staaten – drohte zur bislang schwersten transatlantischen Erschütterung zu werden. US-Präsident Donald Trump hat sie in Davos selbst entschärft. Vorläufig. Nach der europafeindlichen Vance-Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) 2025 und Wolodymyr Selenskyjs öffentlicher Demütigung im Weißen Haus war sie ein drittes Schockerlebnis, das Europa die Augen öffnete. Der Vertrauensverlust ist massiv. Allenthalben ertönt nun der europäische Ruf nach Lösung der Abhängigkeiten von den USA. Überlebenstest für die NATO Einiges spricht dafür, dass Todesprophezeiungen verfrüht sind. Trump mag NATO-Partner verhöhnen (wie etwa mit dem Vorwurf mangelnder Tapferkeit in Afghanistan), doch US-Kongress und Militär stehen weiter fest zum Bündnis. Die Grönland-Krise ist indes keineswegs vom Tisch. Das von NATO-Generalsekretär Mark Rutte eilig verhandelte „Rahmenabkommen“ ist noch hohl. Schwierige trilaterale Verhandlungen zwischen den USA, Dänemark und Grönland stehen bevor. Eines hat Trump allerdings bereits jetzt erreicht: Allen – vor allem den Europäern – ist nun die geostrategische Bedeutung der Arktis klar. Sie wird künftiger Schauplatz der Großmachtrivalität der USA, von Russland und China sein. Die dringendste Herausforderung der NATO ist es nun, eine Arktis-Mission zu entwickeln. Sie muss den geostrategischen Interessen der USA entgegenkommen, gleichzeitig aber die legitimen Hoheitsrechte Grönlands und Dänemarks wahren. Die USA in der NATO engagiert zu halten, ist ein strategisches Sicherheitsinteresse Europas – nicht nur für den Abwehrkampf der Ukraine. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die US-Truppenstärke in Europa verringert wird. Die diesem Januar veröffentlichte „National Defence Strategy“ bereitet dafür den Boden. Für diesen Fall bedarf es eines Plans B. Bleibt Trump in der Ukraine-Frage engagiert? Die Venezuela-Operation und die Grönland-Krise haben für kurze Zeit den Ukrainekrieg in den Hintergrund gedrängt. Ohne die Vermittlung der USA beziehungsweise der überlasteten amerikanischen Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner geht nichts mehr. Europa spielt nach wie vor nur eine Nebenrolle. Einerseits versprachen die USA Selenskyj Sicherheitsgarantien im Falle eines Waffenstillstandes. Andererseits setzen sie die Ukrainer offenbar unter Druck, beim existenziellen Thema Territorium die Donbas-Forderungen des russischen Machthabers Wladimir Putin zu erfüllen. Erstmalige trilaterale Gespräche in Abu Dhabi haben Hoffnungen geweckt. Anzeichen für Putins Abkehr von seinen Kriegszielen gibt es jedoch nicht. Im Gegenteil, er kann sich durch Trumps Vorgehen in Venezuela und Grönland als dessen Bruder im Geiste fühlen. Ganz nach der Devise: Großmächte haben freies Spiel in ihren Einflusssphären! Nach wie vor sieht Putin die Zeit auf seiner Seite. Er weiß, dass der Durchhaltewille dieser Administration begrenzt ist. Die amerikanische National Security Strategy bezeichnet einen Waffenstillstand zwar als „Kerninteresse“ der USA. Zugleich aber sagt US-Vizepräsident J. D. Vance: „not our war“. Neoimperialismus statt Isolationismus Zu Beginn der zweiten Amtszeit galt Trump als Vertreter einer isolationistischen Denkweise: Schluss mit der kostspieligen US-Rolle als Weltpolizist! Die Realität spricht eine andere Sprache: Interventionen im Gazakrieg, im Jemen, in Iran, Venezuela, Grönland, sogar in Nigeria – ein erneuter Militärschlag gegen das Regime in Teheran steht möglicherweise bevor. Statt Rückzug nun das Nutzen der gewaltigen US-Militärmacht für wirtschaftlichen und geopolitischen Machtzuwachs – das ist die neue Marschrichtung. An einigen der Schauplätze ist ein unverhohlener US-Ressourcenimperialismus am Werk. Schwebt Trump ein neues globales Ordnungsmodell vor, ein Konzert von Großmächten mit eigenen Einflusszonen?  Denken in Institutionen und Ordnungssystemen ist ihm fremd. Aber faktisch behandelt er Putin und den chinesischen Präsidenten Xi Jinping als Gleiche auf Augenhöhe, mit denen es „Deals“ zu schmieden gilt. Seine neoimperialistischen Züge sind nicht ideologisch begründet, sondern konkreten Opportunitäten geschuldet. Ihm geht es situativ um Gewinnmaximierung: wirtschaftlich und machtpolitisch, stets auch auf eigenen Ruhm bedacht. Dabei ist er erstaunlich risikobereit – wie die Militäroperationen in Iran und Venezuela zeigen. Das Glück war ihm bislang hold. Multilaterale Kooperation auf dem Rückzug Weitreichende Folgen für die globale Governance-Struktur hat Trumps Abkehr von multilateralen Organisationen – von der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation, WTO) über die G 20 bis zum System der Vereinten Nationen. Insgesamt 66 Organisationen und Programme sind vom US-Rückzug betroffen, 31 mit Bezug auf die Vereinten Nationen. Ein schwerer Schlag für die Weltorganisation, die durch die Großmachtrivalität ohnehin stark geschwächt ist. Trumps in Davos begründeter „Friedensrat“ ist ein untauglicher Versuch, eine Parallelorganisation unter seiner persönlichen Führung aufzubauen. Weit über die ursprünglich mandatierte Gaza-Zuständigkeit hinausgehend, mit willkürlich zusammengewürfelter Mitgliedschaft, dubioser Finanzierung und einer Vetomacht für Trump ist diese Konstruktion eine Mischung aus außenpolitischer Hybris und „Trump-Show“ ohne jede internationale Legitimität. Dass der „Friedensrat“ über Gaza hinaus nachhaltige Wirksamkeit entfaltet, ist unwahrscheinlich. Nutznießer China Hauptprofiteur von Trumps aggressiver Handelspolitik und des US-Rückzugs aus der multilateralen Ordnung ist China. Mit einem neuen Lizenzierungsregime für Seltene Erden hat Peking ein machtvolles Instrument gegen US-Zwangsmaßnahmen gefunden. Es hat gleichzeitig das Potential, die globale Geographie der Lieferketten zu verändern. Im Handelskrieg mit Trump hat China vorläufig die Oberhand behalten. Der Globale Süden – von den USA mit Zöllen bestraft – betreibt „hedging“, einen Ausgleich. Auch westliche Staaten wie Kanada oder Großbritannien gehen auf China wieder pragmatischer zu. China wird den Zerfall der westlichen Ordnung mit Wohlwollen betrachten, birgt er doch Chancen für die eigene globale Machtprojektion. Andererseits ist Peking über Trumps Unberechenbarkeit beunruhigt. Die massiven US-Militäreinsätze, wie in Iran und Venezuela, schaden zentralen Machtinteressen Chinas. Im Inneren hat Xi durch die spektakuläre Säuberung der militärischen Führung nochmals die eigene Allmachtsstellung gestärkt. Die Rückwirkungen auf die Taiwan-Frage sind noch unklar. Fest steht indes: Trump ist alles andere als ein „Taiwan-hawk“. Europas Kurs: „Wertebasierter Realismus“ Folgt aus dem Grönland-Schock ein Ruck, der durch Europa geht? An politischen Absichtserklärungen fehlt es nicht. Auch die Rezepte liegen auf dem Tisch: Stärkung der autonomen europäischen Verteidigungskapazitäten, der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, der digitalen Souveränität, der politischen Geschlossenheit. Die Grönland-Krise führte auch zu einer neuen Entschlossenheit, die Stärke der Handelsweltmacht EU einzusetzen. Die Abschlüsse der Handelsabkommen mit Mercosur und Indien sandten zur rechten Zeit eine geopolitische Botschaft aus. Die Welt der Einflusssphären großer Mächte ist zurückgekehrt, die multilaterale Ordnung ist schwach wie selten zuvor. Ob die sogenannte regelbasierte internationale Ordnung noch eine Chance hat oder vollends zerbirst, ist noch nicht entschieden. Viel hängt von Europa ab, das indes mit eigenen EU-feindlichen Kräften im Inneren zu kämpfen hat. Kann es mit gleichgesinnten Partnern des Westens und des Globalen Südens Teile dieser multilateralen Rechtsordnung auffangen? Es ist ein Balanceakt: Europa muss eine eigenständige geopolitische Rolle spielen, gleichzeitig die Sicherheitspartnerschaft mit den USA aufrechterhalten und gegen die Hegemonialbestrebungen der Großmächte die Grundprinzipien der internationalen Rechtsordnung hochhalten. Das ist eine Mammutaufgabe. Sie verlangt – wie es der finnische Präsident Alexander Stubb nannte – ein hohes Maß an „wertebasiertem Realismus.“