FAZ 07.01.2026
14:30 Uhr

Die große Bilanz: Höhenflug und Absturz bei der Vierschanzentournee


Am Ende der Vierschanzentournee bejubelt Domen Prevc einen überlegenen Sieg, während die Österreicher das stärkste Teamergebnis erzielen. Die Bilanz anderer Skisprungnationen fällt dagegen enttäuschend aus.

Die große Bilanz: Höhenflug und Absturz bei der Vierschanzentournee

Nach der abschließenden Flugshow der 74. Vierschanzentournee am Dreikönigstag gab es in Bischofshofen gleich zwei Sieger. Domen Prevc, der aus einem Dorf bei Kranj in Sloweniens Norden stammt, hatte die Trophäe für den besten Skispringer dieser Serie gewonnen, einen Goldenen Adler. Der Österreicher Daniel Tschofenig hingegen erkämpfte sich den Tagessieg. Tschofenig kam als Tournee-Vorjahressieger auch die Aufgabe zu, seinem Nachfolger den Greifvogel-Pokal zu überreichen. Nachdem die Hymnen der beiden Sieger-Nationen gespielt worden waren, endete eine Veranstaltung, die zwar vom ersten Tag an auf den späteren Gewinner hindeutete. Die darüber hinaus aber viele Erkenntnisse lieferte. „Domenator“ Domen Prevc (26) stellt derzeit die Avantgarde des Skispringens dar. Er gewann die beiden ersten Wettkämpfe der Tournee in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen mit jeweils fast surrealem Vorsprung. Er sprang so überlegen und flog so harmonisch, ruhig und weit durch die Luft, dass sich die Frage stellte, ob er jemals wieder einen Mitkonkurrenten an sich vorbeilassen würde. Schon in Innsbruck und Bischofshofen war es dann aber so weit: Seinen beiden Siegen ließ Prevc zwei zweite Plätze folgen – das reichte zum überlegenen Tourneesieg. Seinen Flugnamen hatte er da schon längst erhalten, er war naheliegend und lautete: „Domenator“. Nachdem er von zwei Teamkollegen auf Schultern durch den Auslauf der Bischofshofener Schanze getragen worden war, teilte Prevc mit: „Für mich geht ein Kindheitstraum in Erfüllung. Dieser Sieg kommt nicht einfach so zustande. Das ist das Ergebnis harter Arbeit und Hingabe für den Sport.“ Domen Prevc schrieb am Dienstag auch die Erfolgssaga seiner Familie weiter. Vor zehn Jahren gewann sein Bruder Peter Prevc die Tournee, die beiden sind nun das erste Brüderpaar, das diese traditionsreiche Veranstaltung gewonnen hat. Hinzu kommt, dass Domen Prevc und seine Schwester Nika bei den Frauen die Weltcup-Gesamtwertung anführen, auch das ist ein Novum. Österreich Das Team des Ko-Gastgebers war das mannschaftlich stärkste in den Tagen der Tournee. Fünf Austria-Flieger landeten in Bischofshofen unter den besten sieben des Tagesklassements. In der Tournee-Gesamtwertung belegten Jan Hörl (27) und Stephan Embacher (19) die Plätze zwei und drei, insgesamt waren fünf Österreicher unter den Top Elf der Springerserie zu finden. Das ist das Ergebnis von kluger Stützpunktarbeit in Stams, Eisenerz und Saalfelden. „In ­Österreich gibt es gerade eine Talentschwemme“, sagt Werner Schuster, der einstige deutsche Bundestrainer und derzeitige Chefcoach für den deutschen Nachwuchs. Deutschland In Deutschland existiert so etwas nicht. Es fehle an „Qualität und Quantität“ im Nachwuchsbereich, sagte Schuster der F.A.Z. An der Spitze des deutschen Teams stehen derzeit Felix Hoffmann (28) und Philipp Raimund (25), die bei der Tournee grundsätzlich überzeugen konnten. Hoffmann wurde Dritter in Oberstdorf, Sechster in Garmisch, Fünfter in Innsbruck und Zehnter in Bischofshofen. Die Tournee beendete er als ­Gesamt-Sechster. Raimund, der als Mitfavorit angereist war, belegte im Abschlussklassement Platz acht. Beide jedoch hatten schon in Innsbruck, Tournee-Station drei, und schließlich in Bischofshofen Probleme im Gepäck. Hoffmann machte eine Reizung im linken Knie publik, deren Auswirkungen in einer MRT-Untersuchung gecheckt werden. Raimund war stark erkältet, Halsweh und heftiger Husten raubten ihm in Bischofshofen bei Tagesplatz zwölf die Kraft. Doch dahinter klafft eine riesige Lücke. Vor allem die mehrmaligen Weltmeister Andreas Wellinger und Karl Geiger sind völlig außer Form. Sie schafften es in keinem der vier Springen in den zweiten Durchgang der besten 30 Athleten. Geiger verpasste sogar die Qualifikation für Oberstdorf. Dennoch hält Bundestrainer Stefan Horngacher auch bei der nächsten Weltcup-Station in Zakopane an seinen beiden Sorgenspringern fest. Auch, weil sich niemand aus der zweiten Reihe aufdrängt. Wellinger soll aber vor der Skiflug-WM, die in zweieinhalb Wochen in Oberstdorf beginnt, ein weiteres Sondertraining einlegen und auf die Weltcup-Reise nach Sapporo Mitte Januar verzichten. Geiger aber wird konstant im Weltcup eingesetzt, ihm fehlt noch die Norm für die Olympia-Qualifikation. Disqualifikationen Insgesamt sprach die Jury des Weltverbandes FIS zehn Disqualifikationen aus. Gleich zweimal rasselte der Slowene Timi Zajc durch die Abnahme. Diese Konsequenz ist neu und eine Reaktion auf den flächendeckenden Anzugbetrug des norwegischen Teams bei der Heim-WM in Trondheim vor gut einem Jahr. Die Fis lobt sich nun für ihr verschärftes Kontrollsystem und ihre Enttarnungen. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass weiterhin versucht wird, mit allen Tricks zu arbeiten und stets an die Grenzen zu gehen. Die Norweger wiederum haben mit den aktuellen Anzügen Probleme in der Neuzeit des Skispringens. Ihr Bester, Johan-André Forfang, belegte Rang 13 in der Tournee-Gesamtwertung. Und Halvor Egner Granerud, einer ihrer Springer, rasselte einmal durch den Materialcheck. Skiflug-WM und Winterspiele Zwei Saisonhöhepunkte stehen noch an, die Skiflug-WM in Oberstdorf vom 23. bis zum 25. Januar und die Olympischen Spiele, die Anfang Februar beginnen. Skifliegen ist eine Domäne der Slowenen und speziell von Domen Prevc. Auch auf den Olympia-Schanzen von Predazzo kommt er bestens zurecht. Neben Team Österreich und den Japanern Ryoyu Kobayashi und Ren Nikaido ist Prevc der Topfavorit auf beide olympischen Einzeltitel.