FAZ 06.12.2025
12:39 Uhr

Die deutschen WM-Gegner: Orangenlikör und Abwehrstärke


Das deutsche Fußball-Nationalteam trifft in der Vorrunde bei der Fußball-WM 2026 auf Curaçao, Ecuador und die Elfenbeinküste. Was ist von den Gegnern zu halten?

Die deutschen WM-Gegner: Orangenlikör und Abwehrstärke

Für Curaçao bedeutet die Qualifikation zur Fußball-WM schon das größte Sportereignis in der Geschichte der Karibik-Insel. Für die Elfenbeinküste bedeutet die Teilnahme 2026 das Comeback auf großer Fußball-Bühne. Und das Team von Ecuador hat eine erstaunlich starke Qualifikationsrunde gespielt. Der Weltmeister-Besieger: Ecuador Die Fußball-Nationalmannschaft aus Ecuador hat im September geschafft, was in diesem Jahr davor und danach keine andere Auswahl geschafft hat: Sie hat gegen Argentinien gewonnen – gegen den Weltmeister, der in den 2020er-Jahren erst vier Spiele verloren hatte. Es war der achtzehnte und letzte Spieltag der südamerikanischen WM-Qualifikation, als die Ecuadorianer sich im Stadion in Guayaquil (fünf Meter über Meereshöhe) mit 1:0 gegen die damals Messi-losen Argentinier durchsetzten. Und wegen des speziellen Durchsetzungsvermögens, das sie sowohl in dem Spiel als auch in der gesamten Qualifikation gezeigt haben, muss man sie nun als den schwersten Gruppengegner der deutschen Nationalmannschaft einstufen. Das Toreschießen wäre den argentinischen Weltmeistern nämlich wohl auch mit Messi nicht leicht gefallen. An der ecuadorianischen Abwehr haben sich in den vergangenen anderthalb Jahren viele Torjäger Südamerikas die Zähne ausgebissen (was nicht nur daran liegt, dass der Uruguayer Luis Suárez aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist). Die Ecuadorianer verteidigen meistens mit einer Viererkette. Die drei prominentesten Mitglieder: Champions-League-Sieger Willian Pacho (Paris Saint-Germain, davor Eintracht Frankfurt), Piero Hincapié (FC Arsenal, davor Bayer Leverkusen) und Joel Ordóñez (Club Brügge). Vor der Viererkette wacht mit Moisés Caicedo außerdem ein Mittelfeldspieler, für den der FC Chelsea im Sommer 2023 alleine als Ablösesumme 116 Millionen Euro ausgegeben haben soll. Pacho, Hincapié, Ordóñez, Caicedo: Sie alle sind zwischen 21 und 24 Jahren alt und stehen damit für die neue, manche sagen sogar für die goldene Generation des ecuadorianischen Fußballs. Das Tor gegen Argentinien schoss dann allerdings ein Spieler, der noch zur alten Generation gehört: Enner Valencia, 36 Jahre alt, der in 103 Spielen 48 Tore erzielt hat und damit der Rekordtorschütze ist. Kann sich ein Team mit einem 36-jährigen Stürmer bei einem großen Turnier durchsetzen? In den 18 WM-Qualifikationsspielen hat Ecuador nur 14 Tore geschossen und ist in der Tabelle trotzdem nach Argentinien, aber vor Kolumbien, Uruguay und Brasilien Zweiter geworden. Denn die Mannschaft hat in 18 Spielen nur fünf Gegentore hinnehmen müssen. Das ist auch der Verdienst eines Argentiniers. Der Trainer Sebastián Beccacece hat das Team nach der Südamerikameisterschaft 2024 übernommen (damals ist Ecuador im Viertelfinale gegen Argentinien ausgeschieden, im Elfmeterschießen). Er hat seitdem eine Elf geformt, die auch Deutschland gefährlich werden kann: weil Ecuador bei seiner fünften WM-Teilnahme (bestes Ergebnis: Achtelfinale 2006) eher nicht Weltmeister werden wird, aber dafür weiß, wie man einen Weltmeister schlagen kann. (cfm.) Ohne Gegentor durch die Qualifikation: Elfenbeinküste Ein Drama, wie es wahrscheinlich nur der von seinen großen Emotionen bewegte Fußball Afrikas erzählen kann, wird mitschwingen, wenn Deutschland in den USA auf die Elfenbeinküste trifft. Nach der großen Ära dieser Fußballnation, die von Didier Drogba sowie den Brüdern Kolo und Yaya Touré geprägt war, lag das Team für etliche Jahre in Trümmern. Die Ivorer verpassten die Weltmeisterschaften 2018 und 2022, enttäuschten zuverlässig beim Afrika-Cup, schafften 2017 nicht einmal die Qualifikation. Beim Kontinentalturnier im eigenen Land 2024 war die Nation dann nach einer 0:4-Niederlage gegen Äquatorialguinea am Ende der Gruppenphase derart aufgebracht, dass kurzerhand Nationaltrainer Jean-Louis Gasset fortgejagt wurde. Nie zuvor hatte ein Gastgeber bei einem Afrika-Cup eine Niederlage in dieser Höhe erlitten; gerade noch rettete die Mannschaft sich als Gruppendritter in die K.o.-Phase. Gassets Assistent Emerse Faé übernahm, gewann tatsächlich den Titel, und der von seiner Krebserkrankung genesene frühere Dortmunder Sébastien Haller wurde zum Turnierhelden. Seither läuft es bei dieser Mannschaft, die eine bemerkenswerte Stabilität und eine große Widerstandskraft entwickelt hat – mit einer Abwehr, deren Zentrum die ehemaligen Bundesligaspieler Evan Ndicka (früher Frankfurt, heute AS Rom) und Odilon Kossounou (früher Leverkusen, jetzt Bergamo) bilden. Zwar fehlen echte Weltklasseleute in der gegenwärtigen Mannschaft, dafür gehören dem Kader etliche Spieler aus der Premier League an – genau wie Sporting Lissabons Kapitän Ousmane Diomande und das Leipziger Offensivtalent Yan Diomande, das derzeit in der Bundesliga leuchtet. Die große Stärke des Teams ist aber die Defensive. Ihre WM-Qualifikationsgruppe gewannen die Ivorer ohne Niederlage und ohne ein einziges Gegentor. (dat.) Das kleinste Land bei einer WM: Curaçao Ob die Fußballer im Nationalteam von Curaçao tatsächlich Spaß haben werden während der WM, ist ziemlich ungewiss. Nicht nur, weil das kleinste Land, das jemals für dieses Fußballturnier qualifiziert war, mit drei krachenden Niederlagen rechnen muss. Auch der Trainer Dick Advocaat, der irgendwann in seiner langen Karriere mit dem Beinamen „kleiner General“ ausgestattet wurde, hat keineswegs den Ruf, gute Laune zu verbreiten. Aber vielleicht ist der Achtundsiebzigjährige ja altersmilde geworden am Ende einer Karriere, in deren Verlauf er die Nationalmannschaften der Vereinigten Arabischen Emirate, von Südkorea, Russland, Serbien und dem Irak betreute. Hinzu kommt eine lange Liste verschiedener Klubs; unter anderem verbrachte er einige sehr freudlose Monate bei Borussia Mönchengladbach, lange blieb er nirgendwo. Aber als Chefcoach der nicht zuletzt durch die gleichnamigen Orangenliköre bekannten Karibikinsel Curaçao hat er wahrlich Erstaunliches bewegt. Bis 2010 war dieses 444 Quadratkilometer große Land Teil der Niederlande; inzwischen hat es den Status eines autonomen Landes innerhalb des Königreichs der Niederlande und eine eigenständige Fußballmannschaft. Die meisten Einwohner sind Nachkommen versklavter Afrikaner. Advocaat hat nun sehr konsequent nach in Europa ausgebildeten Fußballern gefahndet, die dort ihre familiären Wurzeln haben, und wurde fündig. Für Curaçao spielt beispielsweise Jordi Paulina, der beim 7:0-Auswärtssieg gegen Bermuda zwei Tore schoss und bei der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund aktiv ist. Hoffnung auf eine WM-Teilnahme macht sich auch Meghon Valpoort vom Südwest-Regionalligaklub SGV Freiberg. Die wertvollsten Spieler sind Sontje Hansen vom FC Middlesbrough und Tahith Chong (Sheffield Wednesday), die wie etliche andere Kollegen als Junioren für die U-Mannschaften der Niederlande spielten. (dat.)