„Hast du Lust auf Pasteten, Liv? Ich hätte da was“, fragt Mario Furlanello, Betreiber des „Bornheimer Ratskellers“, seine Auszubildende in einer Mittagspause. Liv Geller ist 20 Jahre alt und im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Köchin. Der Nachwuchswettbewerb „Championnat de France de Pâté‑Croûte des Écoles Hôtelières & CFA“ weckte auf Anhieb ihr Interesse. Als einzige nicht französische Auszubildende qualifizierte sie sich für das Finale in Lyon und belegte dort den dritten Platz. Die „Pastete im Teigmantel“ ist ein beliebtes Traditionsgericht unseres Nachbarlandes, das seine kulinarischen Traditionen hochhält. Für den hoch angesehenen Wettbewerb um die beste Fleischpastete trainieren Küchenchefs jahrelang. Liv Geller meldete sich trotz anstehender Zwischenprüfung an, mit einem Bewerbungsfoto und Rezeptbeschreibung dessen, was sie zubereiten wollte; sie schrieb am Tag vor Anmeldeschluss. „Eines Morgens wache ich auf, sehe eine französische Nummer, und dann steht da: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind eingeladen nach Lyon!“, berichtet sie jetzt. Zwölf Bewerber erhielten diese Nachricht, elf Teilnehmer aus Frankreich und Liv Geller – als erste und einzige Teilnehmerin aus Deutschland. Schon während der Schulzeit begeistert vom Kochen Wie läuft so ein Wettbewerb ab? Mit der Startnummer 4 habe sie am Finaltag, dem 1. Dezember, in Lyon 20 Minuten zum Präsentieren ihrer Pasteten Zeit gehabt. Pastete Nummer 1 blieb dabei ganz, Pastete Nummer 2 wurde aufgeschnitten – und mit Kürbispüree, Kürbiskernöl und zitternden Händen angerichtet, berichtet Liv Geller. Bei der Verkündung der Gewinner sei die Aufregung so groß gewesen, dass sie ihren eigenen Namen nicht verstanden habe. „Herr Fischer hat mich dann einfach nach vorne geschoben“, erzählt sie. David Fischer, ihr Berufsschullehrer und Stammkunde im Ratskeller, hatte sie, zusammen mit Mario Furlanello, nach Lyon begleitet, zum Dolmetschen. Und dann die Realisation: „Okay, krass, jetzt bin ich dabei“, erinnert sich Geller – unter den drei besten Nachwuchsköchen der Welt. Am Anfang ihrer Ausbildung hat Liv Geller damit sicherlich nicht gerechnet. Dabei begeisterte sie sich schon während ihrer Schulzeit für alles, was mit Kochen und Ernährung zu tun hat. Schon früh war für sie klar: „Ich muss etwas mit meinen Händen machen.“ Nach ihrem Abitur im Jahr 2023 ging sie, zusammen mit ihrer Familie, im Bornheimer Ratskeller essen – Furlanello bediente sie. Spontan fragte sie ihn, ob sie dort ihre Ausbildung anfangen könne. Er gab ihr auf der Stelle eine Führung durch das Restaurant, nur wenige Tage später reichte sie ihre Bewerbung ein. So gelingt die perfekte Pastete Für die perfekte Pastete müsse man Koch, Metzger und Bäcker zugleich sein, sagt Furlanello. Seit 2018 betreibt er das Restaurant, eine eigene Bäckerei und Metzgerei sind integriert. Beim Zerlegen der Tiere bleibe „eine Handvoll Kram übrig“, sagt er. Es liege ihm am Herzen, die Tiere komplett zu verarbeiten und nur das Nötigste entsorgen zu müssen. So bereitet der Koch seit rund zwei Jahren Pasteten zu, probiert immer wieder neue Rezepte aus. Für den Wettbewerb setzten der Chef und seine junge Auszubildende auf Tradition – keine Experimente. Die Füllung der Pastete, „Farce“ genannt, bestand dabei aus Schwein vom mittelhessischen Vogelsberg und aus Enten- und Hühnerbrust von Hofladen Antony aus dem südhessischen Rockenberg. Gefüllt gewesen sei sie außerdem mit Entenleber, Pistazien, Champignons, Aprikosen und diversen Gewürzen. Bis zu einer ganzen Woche stehe sie für eine perfekte Pastete in der Küche, sagt Liv Geller. Allein an der Verzierung habe sie volle neun Stunden gearbeitet. Der Mürbeteig sei der schwierigste Teil gewesen, da die perfekte Konsistenz nur selten gelinge. Einem genauen Rezept sei sie nicht gefolgt, „man tastet sich nach und nach ran“. Furlanello fungierte als Mentor, gab ihr Tipps. Die Jury des Wettbewerbs, bestehend aus ranghohen Sterneköchen Frankreichs, bemängelte die Qualität der Aprikosen, die die junge Köchin verwendet hatte. Wie in der letzten Szene des Films „Bella Marta“, meint Furlanello: „Ich weiß nicht, welchen Zucker du genommen hast, aber ich weiß, dass du nicht denselben Zucker genommen hast.“ Zucker spielt in der Welt der Pasteten zwar keine große Rolle, doch auf die Qualität der Aprikosen wolle sie beim nächsten Mal besser achten, sagt Liv Geller. Ein abermaliges Antreten im nächsten Jahr sei noch nicht ausgeschlossen. Pasteten sind ein Traditionsgericht, in der modernen Küche eher selten zu finden – sagt auch die Auszubildende. „Viele Leute haben diese Gerichte, die man früher mal bei Oma und Opa gegessen hat, gar nicht mehr im Kopf. Aber eigentlich können sie so viel.“ Findet auch Mario Furlanello, der in diesem Jahr ebenfalls am „Championnat du Monde de Pâté-Croûte“ teilgenommen hat. Beim Wettbewerb für fertig ausgebildete Köche gelten etwas andere Spielregeln, Furlanello hatte es mit seiner Idee der fugenlosen Pastete in den deutschsprachigen Vorentscheid (der Länder Deutschland, Schweiz und Liechtenstein) geschafft, für das Finale in Lyon habe es leider nicht gereicht: Zu viel Pistazie, zu wenig Fett, die falsche Backform – Furlanellos Pâté-Croûte sei für die strenge Jury zu gewagt gewesen, „die Franzosen stehen eben auf Tradition“, sagte er. Besonders stolz sei er deshalb auf seine junge Nachwuchsköchin. Auch, weil sie von den anderen Teilnehmern in Lyon unterschätzt worden sei, gar Verwirrung ausgelöst habe: Der französische Viertplatzierte habe sie nach der Siegerehrung nach ihrer Punktzahl gefragt, „weil er nicht glauben konnte, dass eine Frau den dritten Platz erreicht“, so Geller. Für sie steht fest: „Man sollte als Frau an sich glauben.“
