FAZ 12.02.2026
08:13 Uhr

Die Show des Luis Díaz: Nicht der beste, aber der autonomste Bayern-Spieler


Der FC Bayern gewinnt im DFB-Pokal gegen Leipzig das nächste schwere Spiel. Vor den wichtigsten Wochen der Saison zeigt sich der Wert von Luis Díaz: Er scheint nicht so sehr auf den Flow der anderen angewiesen.

Die Show des Luis Díaz: Nicht der beste, aber der autonomste Bayern-Spieler

Im Fußballpodcast „Kicken kann er“, den die „Zeit“ im Januar dieses Jahres bedauerlicherweise eingestellt hat, ist Folge für Folge einer der besten Spieler der Welt mit Hilfe von vier Kategorien bewertet worden: Talent, Performance, Balance und, das führt zum FC Bayern München und zum Fußballer der Woche, Autonomie. Damit sollte dargestellt werden, wie abhängig ein Spieler von äußeren Umständen ist. Von seinem Trainer, von seinem Team, aber auch von Wind und Wetter. Für die Überprüfung dessen kann man die Frage heranziehen, die der frühere Fußballspieler Andy Gray als Experte eines englischen Fernsehsenders einmal so herrlich formuliert hat: But can he do it on a cold, wet Wednesday night in Stoke? Ja, Luis Díaz, 29 Jahre alt, hat als Spieler des FC Liverpool schon gezeigt, dass er es auch an einem nasskalten Mittwochabend in Stoke kann. (Auch wenn sein Stoke wegen des Abstiegs von Stoke City aus der ersten englischen Liga schon nicht mehr Stoke hieß.) Díaz macht den Unterschied Das ist ein Grund, warum der FC Bayern ihn im vergangenen Sommer verpflichtet hat und alleine als Ablösesumme mindestens 67,5 Millionen Euro ausgegeben haben soll. Die anderen Gründe wurden in dieser Woche mit jedem Dribbling, mit jedem Tor sichtbar. Und wer die ganze Show gesehen hat, kann vor den wichtigsten Wochen der Saison zu zwei Schlussfolgerungen kommen: Erstens, dass Díaz, Außenstürmer aus Kolumbien, in der besten deutschen Fußballmannschaft nicht der beste, aber der autonomste Spieler ist. Und zweitens, dass der FC Bayern in den vergangenen Saisons auch deswegen weniger gewinnen konnte, als er gewinnen wollte, weil er zu wenige autonome Spieler hatte. In dieser Woche hat Díaz im Stadion in München den bisher stärksten Beweis seiner Selbstständigkeit erbracht. Das fing am Sonntagabend an, als er im – bitte nicht vom Endergebnis täuschen lassen – schwierigen Bundesligaspiel gegen die TSG Hoffenheim (5:1) zwei Elfmeter herausholte und drei Tore erzielte. Das setzte sich dann auch am Mittwochabend fort, als er im schwierigen Pokalspiel gegen RB Leipzig (2:0) ein weiteres Tor erzielte (das andere schoss Harry Kane per Strafstoß). Er machte den Unterschied. Die erfreuliche Erkenntnis für den FC Bayern sollte sein, dass die Mannschaft sowohl gegen Hoffenheim als auch gegen Leipzig nicht immer im Flow gewesen ist – und diese schwierigen Spiele dennoch gewonnen hat, da es eben einen Stürmer gibt, der nicht so sehr auf den Flow der anderen angewiesen scheint. In dieser Saison hat Díaz in 31 Spielen schon 19 Tore und 14 Torvorlagen gesammelt. Und er hat nur deswegen 31 und nicht 34 von 34 Spielen gemacht hat, weil er in der Bundesliga für eine Partie gelb- und in der- Champions League für zwei Partien rotgesperrt war. In München wird der Trainer Vincent Kompany über Luis Díaz nie sagen, was der Trainer Louis van Gaal dort über Thomas Müller sagte. Doch Kompany muss gar nicht sagen, dass Diaz immer spielt, denn wichtiger ist sowieso etwas anderes: dass es gerade so aussieht, dass er immer spielen kann. Die Scheinselbstständigkeit der Vorgänger Das unterscheidet Díaz von seinen Vorgängern. An guten Tagen konnten auch Kingsley Coman und Leroy Sané als Außenstürmer den Unterschied machen. Doch weil ihre guten Tage sich auffällig mit den guten Tagen der anderen deckten, waren sie ständig im Verdacht der Scheinselbstständigkeit. Man könnte das auch so sagen: An einem nasskalten Abend in Stoke konnte man sich nicht auf sie verlassen. Im Vergleich mit Coman und Sané ist Díaz deutlich autonomer. Er ist nämlich nicht nur unabhängiger von Trainer, Team, Wind und Wetter, sondern auch „unabhängig von dem Ergebnis“. So sagte das Joshua Kimmich, als er sich am Mittwochabend in der Interviewzone des Stadions den Fragen stellte. Wie sehen die Stärken von Díaz aus? „Ein extremer Energiespieler“, sagte Kimmich, einer, dem es egal sei, ob seine Mannschaft 3:0 führe oder 0:2 hinten lege, denn: „Der gibt immer alles, der hat immer Bock auf Fußball, der hat immer Energie, der will sich in jeden Zweikampf reinhauen, der ist sich für keinen Lauf zu schade.“ Und weil diese Díaz-Eigenschaften auch Kimmich-Eigenschaften sind, sagte er einem Strahlen im Gesicht: „Bei ihm habe ich echt das Gefühl, der freut sich, alle drei Tage Fußball spielen zu dürfen. Das ist schon geil.“ Dort, wo Kimmich strahlte, stand davor schon Max Eberl, der Sportvorstand des FC Bayern und damit der Mann, der die Verpflichtung von Díaz verantwortet hat. Und weil die Verpflichtung kritisch kommentiert worden war, wurde er gefragt, ob ihm diese Woche Genugtuung gebe. „Keine Genugtuung“, sagte Eberl. „Wir haben einen guten Spieler geholt. Wir wussten, was wir tun, auch wenn uns am Anfang ein Stück weit Kritik begleitet hat. Wir waren davon überzeugt, dass er ein Spieler ist, der uns sehr, sehr gut zu Gesicht steht. Nicht nur mit seinen Toren, nicht nur mit seinen Assists. Sondern mit seiner Bereitschaft, mit seiner Intensität. Das hat er in Liverpool jahrelang gezeigt.“ So kam er zum Zwischenfazit, das sich dann aber doch ein klein bisschen nach Genugtuung anhörte: „Einfach ein guter Transfer.“ Und zur Zwischenbemerkung: „Wenn jetzt manche Menschen zurückrudern müssen und sagen ‚Okay, vielleicht doch nicht so schlecht gewesen‘, dann ist das in Ordnung.“ Die Verpflichtung von Díaz ist auch in der F.A.Z. kritisch kommentiert worden. Es wurde allerdings nicht angezweifelt, dass er ein sehr guter Spieler ist, sondern nur, wie lange er ein sehr guter Spieler sein wird. Das Argument: Wer einen großen Teil seines Budgets in einen Spieler in Díaz‘ Alter investiert, setzt sich selbst ein bisschen unter Druck, weil das Zeitfenster, in dem man mit einem Ende 20-Jährigen gewinnen kann, deutlich kleiner ist als mit einem Anfang 20-Jährigen. An der Gültigkeit dieses Argument hat sich nichts geändert. Doch im Spitzensport gilt ganz grundsätzlich auch: Wer gewinnt, hat recht. Und der FC Bayern steht mit Luis Díaz und mit dieser Mannschaft das erste Mal seit 2020 wieder im Halbfinale des DFB-Pokals.