FAZ 07.02.2026
12:29 Uhr

Die Kolumne Küchenhilfe: Delikater Flugverkehr im Schlaraffenland


Höchste Zeit für eine Ehrenrettung: Tauben genießen in Deutschland nicht den besten Ruf – völlig zu Unrecht, wie der Berliner Zwei-Sterne-Koch Michael Kempf findet, der den feinen Vogel mit puristischer Raffinesse zubereitet.

Die Kolumne Küchenhilfe: Delikater Flugverkehr im Schlaraffenland

Heilige Tiere isst man nicht. Das ist in allen Religionen und Kulturen eine gottesfürchtige Grundregel – mit einer Ausnahme: Den wunderbaren Geschmack der Tauben lassen sich die Menschen seit den Zeiten der Pharaonen und Kalifen nicht entgehen, so heilig ihnen das Geflügel auch sein mag. Frieden und Fruchtbarkeit symbolisierte die Taube im antiken Orient und die Kraft der Liebe in der griechischen Mythologie, die Aphrodite aus einem Taubenei schlüpfen ließ. Für Reinheit und Lauterkeit steht der Vogel im Judentum, für den Heiligen Geist im Neuen Testament und im Alten für die frohe Botschaft an Noah auf seiner Arche, dass die Sintflut nun vorbei sei. Und dass den Tauben dank ihrer Sensibilität für das Erdmagnetfeld die göttliche Gabe einer übermenschlichen Orientierungsfähigkeit innewohnt, erkannte schon Julius Cäsar – der eine regelrechte Tauben-Luftpost für seine Legionen einrichtete. Einst waren die Vögel Königen und Kaisern vorbehalten Nicht ins gallische Feindesland oder an die römische Heimatfront, sondern direkt in den Mund glücklicher Faulenzer fliegen die Tauben seit Sebastian Brandts „Narrenschiff“ im Schlaraffenland. Und genau dort hält sie der Berliner Spitzenkoch Michael Kempf auch am besten aufgehoben. „Tauben sind mein absolutes Lieblingsgeflügel, weil sie so saftig und kraftvoll sind, einzigartig im Aroma und dabei feiner als jedes andere Geflügel“, sagt Kempf, der sich im „Facil“ in Berlin seit 2013 Jahr für Jahr zwei Michelin-Sterne erkocht und so sein Haus zum dienstältesten Sternerestaurant der Hauptstadt gemacht hat. Das erste Mal in seinem Leben habe er Taube bei der Drei-Sterne-Legende Dieter Müller im Schloss Lerbach gegessen, seinem Lehrmeister, „ganz klassisch als Crépinette mit Trüffelfarce und Gänsestopfleber“ – und seither ist es um ihn geschehen, seither kann er sich ein Leben ohne die Vögelchen, die einst Königen und Kaisern vorbehalten waren, nicht mehr vorstellen. Unerklärlich bleibt für Michael Kempf deswegen die Skepsis vieler Deutscher gegenüber den Täubchen, die biologisch völlig widersinnig als „Ratten der Lüfte“ diffamiert werden. „Wahrscheinlich ist das für viele ­Menschen eine Kopfsache, und wahrscheinlich kennen die meisten, wenn überhaupt, nur durchgegarte Tauben, die so aber ihr gesamtes Aroma und all ihre Finesse verlieren. Vom phantastisch nussigen Wildgeschmack bleibt dann nichts mehr übrig.“ Rosa gebraten müsse der feine Vogel ­zwingend sein, der das Kurzbraten viel besser vertrage als ein Rebhuhn oder eine Wachtel, sagt Michael Kempf, der sein Täubchen im Gegensatz zu Dieter Müller ganz puristisch zubereitet und ihr zum Schluss noch kräftige Röstaromen als Kontrast zur rosa Fleischfärbung verpasst. Und so bleibt das Schlaraffenland keine heißhungrige Narretei, sondern wird zur wunderbaren Aromenwirklichkeit.