Posthum veröffentlichte Werke sind seit jeher eine Streitfrage der Literatur. Hätte sich Max Brod an die Bitte seines Freundes gehalten, wäre heute deutlich weniger von Franz Kafkas Literatur erhalten. Auch in jüngster Zeit beschäftigten derartige Debatten die Öffentlichkeit, so bei dem 2022 erschienenen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Mit welchem Recht lesen wir diese intimen Briefe, wenn von beiden Schriftstellern bekannt ist, dass sie gegen eine Veröffentlichung des Briefwechsels waren? Die „Notizen für John“ der amerikanischen Autorin Joan Didion fallen ebenfalls in diese Kategorie: Sie wurden zwar nicht gegen den ausdrücklichen Willen der 2021 verstorbenen Autorin veröffentlicht, allerdings sind sie ähnlich intim wie der Briefwechsel der beiden Liebenden. Es handelt sich um Notizen von psychotherapeutischen Sitzungen, die „in einem kleinen Ordner in der Nähe ihres Schreibtisches“ (so die Begleitinformation des Textes) gefunden wurden; dass diese Aufzeichnungen intimer Natur sind, lässt sich auch daran erkennen, dass sie im gleichen Ordner wie die Hochzeitsrede für ihre Tochter oder Computerpasswörter verwahrt wurden. Gleichwohl hat Didion als Autorin und Publizistin stets auch ihr privates Leben schreibend verarbeitet, gehörte es doch zu ihren Überzeugungen, dass das Persönliche, Subjektive auch immer etwas über das Allgemeine, Gesellschaftliche aussage. In ihrem Essay „Why I Write“ erläutert sie, inwiefern ihr Schreiben Selbstfindung ist. Antje Rávik Strubel, die Didion seit zwanzig Jahren ins Deutsche übersetzt, beschreibt Herkunft, Sprachskepsis und Vergänglichkeit als die drei zentralen Themen im Werk der amerikanischen Autorin. Romane wie „Das Jahr magischen Denkens“ (2005) und Essays wie „Woher ich kam“ (2019) haben sie auch in Deutschland einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Die „Notizen für John“ sind ebenfalls durchzogen von dieser thematischen Trias: Es geht zwar hauptsächlich um das Verhältnis Didions zu ihrer Tochter Quintana, aber auch die eigene familiäre Herkunft (ihre Kindheit am Ende des Zweiten Weltkriegs), die Sprache (Überlegungen zu den Begrifflichkeiten rund um die Psychotherapie) und die eigene Sterblichkeit und Verletzlichkeit (ihre Erkrankung an Depression und Brustkrebs sowie ihr Altern) finden Eingang in die Gesprächsnotizen. Didions Gefühl, für die Leiden ihrer Tochter verantwortlich zu sein Die Tochter schuf für Didion den Anlass, überhaupt erst eine Therapie zu beginnen: „Quintana hatte ihrem eigenen Psychotherapeuten gesagt, ihre Mutter sei depressiv und solle mit jemandem reden.“ Das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Mutter und Tochter führte beiderseitig zu psychischen Erkrankungen: Didion hatte als Mutter zu viel Fürsorge übernommen, weswegen ihre Tochter nicht lernte, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Auch als Dreißigjährige hatte sie Schwierigkeiten, einen passenden Job zu finden, Beziehungen zu führen, sie litt an Alkoholismus und Depression. Da Didion gleichzeitig das Gefühl hatte, für das Leiden ihrer Tochter verantwortlich zu sein, erkrankte auch sie an einer Depression. Oder wie sie in ihren Notizen die Worte des Therapeuten festhält: „Die Sorge ist in Ihrem Kopf vollkommen mit der Liebe vermischt. Sie glauben, Sie könnten nicht lieben, ohne sich Sorgen zu machen.“ Auch abseits der spezifischen Dynamik zwischen Didion, ihrem Partner und ihrer Tochter kommen Erziehung und das Eltern-Kind-Verhältnis im Allgemeinen zur Sprache. So geht es beispielsweise darum, dass ungesunde Muster oder Verhaltensweisen häufig über Generationen hinweg vererbt werden. Das wiederum entlastet dann Elternteile oder relativiert deren Schuld an einer fehlerhaften Erziehung. Didions Therapeut appelliert an sie: „Ich versuche, Ihnen zu sagen, dass Sie mit sich selbst nicht so hart sein sollen. Das, was Sie Quintana vielleicht nicht beigebracht haben, hat man Ihnen auch nicht beigebracht. Sie sind nicht allmächtig. Auch Ihre Eltern waren nicht allmächtig. Sie können andere nur das lehren, was Sie selbst wissen.“ Um die gegenseitige Abhängigkeit aufzulösen, müsse Quintana sich also nicht mehr schuldig fühlen, die Erwartungen ihrer Eltern zu enttäuschen, und Didion sich nicht mehr verantwortlich fühlen für die Depression, den Alkoholismus und das krisenhafte Leben ihrer Tochter. Die Notizen enden kurz vor den zwei schlimmsten Schicksalsschlägen Darüber hinaus begründete sich Didions Lebenskrise zusätzlich durch das Thema ihrer eigenen Sterblichkeit: Sie beschäftigte der Gedanke, „das eigene Leben dahingehend aufzurechnen, was es wert war, welches Vermächtnis man hinterließ“. Diese späte und sozusagen rückblickende Sinnkrise durchzieht die Notizen, in denen es auch immer um Didions Arbeit und deren heilsame Wirkung für ihr Leben geht, um ihr Schreiben als Selbstermächtigung oder wie sie es selbst beschreibt: den „Trost in der Arbeit“. Die Gesprächsnotizen enden am 9. Januar 2003. Später in diesem Jahr starb Didions Ehemann John Gregory Dunne an einem Herzinfarkt, und Quintana erkrankte schwer; sie starb 2005 im Alter von 39 Jahren. Auch diese beiden schweren Verluste verarbeitet Joan Didion in ihrem Schreiben. Aus literarischer Perspektive lässt sich ihr Vermächtnis kaum beziffern, so gewaltig ist es: Didions Publizistik wird als Aushängeschild des New Journalism betrachtet, und ihre Literatur prägt die USA bis heute. Die postum veröffentlichten „Notizen für John“ ergänzen das umfassende Werk und sind, wie von Antje Rávik Strubel gewohnt, hervorragend ins Deutsche gebracht: ein sprachlich präziser und schonungsloser Blick auf die Sorgen und Abgründe der großen Autorin. Joan Didion: „Notizen für John“. Aus dem Englischen von Antje Rávik Strubel. Ullstein Buchverlage, Berlin 2025. 256 S., geb., 23,99 €.
