Wollen Außenseiter bei einer Fußball-Weltmeisterschaft auch nur den Hauch einer Chance haben, sollten sie als Einheit auftreten. Die Erfolgsaussichten eines Teams, das gegen seinen Trainer opponiert, dürften dagegen noch geringer ausfallen als ohnehin. Dieses Axiom hat wohl auch der Fußballverband von Curaçao eingesehen und seinem Nationalcoach nahegelegt, sein Amt abzugeben – Trennung in beiderseitigem Einvernehmen, wie es dann stets heißt. Fred Rutten kam dem Wunsch nach. „Es darf kein Klima entstehen, das gesunde, professionelle Beziehungen innerhalb der Mannschaft und des Trainerteams untergräbt“, erklärte der Niederländer laut einer Verbandsmitteilung. „Daher ist es ratsam, zurückzutreten.“ Er „bedauere, wie sich die Dinge entwickelt haben“, wünsche aber allen „alles Gute“. Die Nationalspieler Curaçaos sollen sich zuvor über die Methoden des 63 Jahre alten Niederländers beschwert haben. In einem Online-Call mit Verbandspräsident Gilbert Matina forderten sie niederländischen Medien zufolge seinen Rücktritt – und benannten sogleich auch ihren Wunschtrainer. Ruttens Nachfolger, das bestätigte der Verband am Dienstagnachmittag, ist ebenfalls Niederländer und war zuvor schon dessen Vorgänger: Dick Advocaat. Unter der Regie des Altmeisters hatte sich das Nationalteam des karibischen Inselstaats sensationell für die WM qualifiziert. Advocaat war dann aber im Februar aus persönlichen Gründen zurückgetreten – er wollte sich um seine schwer erkrankte Tochter kümmern. Mittlerweile soll es ihr aber wieder besser gehen. Mit „Oranje 2“ zwei Superlative erreicht Die Nationalmannschaft des Inselstaats rekrutiert sich hauptsächlich aus Niederländern mit karibischen Vorfahren. Unter Ruttens Regie hatte „Oranje 2“ zwei Spiele absolviert und zweimal verloren: 0:2 gegen China und 1:5 in Australien. Nun trieb den Verbandspräsidenten die Sorge um, auch das Testspiel in Schottland Ende Mai könnte verloren gehen – und die Trainerdiskussion dann kurz vor der WM neu aufflammen. Auch wichtige Sponsoren sollen sich für eine Rückkehr Advocaats ausgesprochen haben. Die Chancen für Curaçao auf den WM-Titel werden von einem führenden Wettanbieter auf 1:2000 eingestuft. An dieser Quote änderte auch die Rückkehr Advocaats nichts. Doch zwei Superlative kann das Team für sich verbuchen: Noch nie hat sich ein kleineres Land für eine WM qualifiziert als der karibische Inselstaat „unter dem Winde“, in dem nur knapp 150.000 Einwohner leben. Und noch nie war ein WM-Trainer älter, als es Dick Advocaat wäre, wenn Curaçaos Mannschaft am 14. Juni in Houston tatsächlich unter seiner Führung ihr WM-Debüt geben würde – und das ausgerechnet gegen Deutschland. Dick Advocaat wird dann 78 Jahre und neun Monate alt sein, und mit seiner WM-Teilnahme kein Neuland betreten: 1994 war er als Nationaltrainer der Niederlanden in den USA dabei und erreichte das Viertelfinale. 2006 in Deutschland trainierte er Südkorea und schied nach der Vorrunde aus. Bisheriger Altersrekordhalter ist übrigens Otto Rehhagel, der mit knapp 72 Jahren bei der WM 2010 die Griechen betreute. Griechenland hatte 2004 unter Rehhagel den EM-Titel gewonnen – als krasser Außenseiter, aber als verschworene Gemeinschaft.
