FAZ 30.01.2026
14:00 Uhr

Deutschlands Industrie in Gefahr: Bosch meldet Gewinneinbruch um 45 Prozent


Einer der großen Arbeitgeber in Deutschland kommt nicht aus der Krise. Bosch-Chef Hartung beklagt nach einem schmerzhaften Jahr die Haltung in Gesellschaft und Politik gegenüber Technologie und Innovationen.

Deutschlands Industrie in Gefahr: Bosch meldet Gewinneinbruch um 45 Prozent

Betrachtet man die Pläne, die Stefan Hartung für sein Unternehmen hat, im Lichte des Vertrauens, das die Deutschen in neue Technik setzen, müsste der Bosch-Chef eigentlich noch vorsichtiger agieren und noch pessimistischer nach vorne blicken. „Wir wollen in Deutschland bleiben, hier arbeiten und zwar mit vielen Köpfen – dazu brauchen wir neue Dinge, neue Technik, neue Produkte“, sagte Hartung, um frustriert zu konstatieren, dass nicht einmal zwei von drei Deutschen an die positive Wirkung des technischen Fortschritts glaubten. Angesichts des Drucks, unter den gerade diejenigen Branche gerieten, die in der Vergangenheit den Wohlstand in der Bundesrepublik gesichert haben, sei das „ein höchst alarmierendes Zeichen“, wie der Hartung bei der Vorstellung der vorläufigen Geschäftszahlen 2025 am Donnerstagabend im ältesten Bosch-Werk in Stuttgart-Feuerbach sagte. „Besser wäre es, wenn wir jetzt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Gesellschaft und Politik alles daransetzen, neue Technologien entschlossener und mutiger als bisher zu erschließen.“ Rückstellungen für Abfindungen belasten das Ergebnis von Bosch Dass auch das Traditionsunternehmen aus Baden-Württemberg zu den Konzerne zählt, denen die weltwirtschaftliche Lage immer mehr zu schaffen macht, zeigten dann die Zahlen, die Hartung im Anschluss vorstellte. Weder bei Umsatz noch beim Ergebnis hat Bosch die selbstgesteckten Ziele erreicht. „2025 war ein schwieriges, teils schmerzhaftes Jahr für Bosch“, sagte Hartung. Der operative Gewinn (Ebit) ging um 45 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zurück. Hauptgrund sind nicht zuletzt Rückstellungen für das wohl größte Jobabbauprogramm in der Unternehmensgeschichte in Höhe von 2,7 Milliarden Euro. 22.000 Stellen will Bosch allein in der Autosparte streichen, zählt man die Arbeitsplätze dazu, die der Konzern bei Hausgeräten und Elektrowerkzeugen zusätzlich abbaut, summiert sich die Zahl auf fast 28.000. Ohne die Rückstellungen wäre der operative Gewinn um mehr als eine Milliarde Euro gestiegen. So schrumpfte die Umsatzrendite bei einem leicht erhöhten Umsatz von 91 Milliarden Euro um gut anderthalb Prozentpunkte auf 1,9 Prozent. In der Autosparte, dem mit Abstand größten Geschäftsbereich, lag der Umsatz mit 56 Milliarden Euro etwas über Vorjahr. Bosch muss Milliarden einsparen Die Verhandlungen mit Betriebsräten sind an vielen Standorten noch nicht abgeschlossen. Der Abbau soll zu jährlichen Einsparungen von rund 2,5 Milliarden Euro führen. „Wir hoffen, dass wir in den nächsten Jahren in der Größenordnung nichts mehr machen müssen“, sagte Hartung. „Aber eine langfristige Prognose zu den notwendigen Kapazitätsanpassungen in der Industrie kann ich auch nicht geben.“ Neben geopolitischen Unsicherheiten, Zöllen und neuen Handelsschranken sowie der Konkurrenz chinesischer Wettbewerber nannte der Bosch-Chef vor allem „die an vielen Stellen überzogene Regulierung in Berlin und Brüssel“ als Grund für die Unsicherheit. Der Bosch-Chef hat da nicht zuletzt die vor wenigen Wochen aktualisierten Bestimmungen der Europäischen Union zum Ausstieg aus der Verbrennertechnik im Blick. „Die jetzige Regulierung führt zu keiner Verbesserung der Sachlage. Das Risiko, dass im Jahr 2035 die Verkäufe schlagartig absinken und der Markt entsprechend kleiner wird, ist immer noch da“, sagte Hartung. Die Sorge ist, dass die bisher noch sehr mangelhafte Ladeinfrastruktur in großen Teilen Europas nicht aufgebaut wird. Die Verbraucher würden dann lieber länger alte Verbrenner fahren als Elektroautos zu kaufen. „Ich bin der Ansicht, dass diese Regulierung geändert werden muss“, erklärte Hartung. Zum anderen forderte der Bosch-Chef, der sich „eigentlich als für Wettbewerb kämpfender Marktwirtschaftler“ sieht, in bestimmten Bereichen sogenannte „Local-Content“-Regeln für in Europa verkaufte Produkte. „Es fehlt eine Antwort auf die protektionistische Politik unserer wichtigsten Handelspartner“, sagte Hartung. „Nur auf diese Weise können wir den Verbleib von technischem Wissen und der entsprechenden Wertschöpfung in der EU sicherstellen.“ Hartung ist damit derselben Meinung wie der Bosch-Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Frank Sell, der vor wenigen Wochen im F.A.Z.-Interview genau das gefordert hatte. Ende 2025 beschäftigte die Gruppe rund 412.400 Menschen auf der ganzen Welt – 5400 weniger als ein Jahr zuvor. Dabei zeigte sich eine deutliche Verschiebung von Europa in andere Weltregionen. Überproportional von der Entwicklung betroffen war Deutschland, wo knapp 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten. Insgesamt waren das zuletzt rund 123.100 Menschen – und damit 6500 oder fünf Prozent weniger als zum Ende des Vorjahres.Für das laufende Geschäftsjahr erwartet der Konzern keine Entspannung. „Der Wettbewerbs- und Preisdruck dürfte nochmals zunehmen und die gestiegenen Zölle sich erstmals im vollen Umfang auswirken“, sagte Finanzchef Markus Forschner. Er rechnet aber mit deutlichen Fortschritten bei der Umsetzung der Sparmaßnahmen – und mit einer entsprechend besseren Ertragslage. Am Ziel einer operative Umsatzrendite von sieben Prozent hält Bosch fest, Bosch werde es aber frühestens 2027 erreichen. „Ich bin vorsichtiger geworden, wir haben das Ziel schon mehr als einmal verschoben“, erklärte Hartung. „Es ist nach wie vor in Stein gemeißelt, aber der Stein steht immer wieder an einer anderen Stelle.“