Und jetzt auch noch Jordi Ribera. Der dritte spanische Handballcoach in nur fünf Turniertagen, mit dem es Bundestrainer Alfred Gislason und die deutschen Nationalspieler im Spiel gegen Spanien am Montagabend (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker und im ZDF) zu tun bekommen. Derjenige, der von allen der erfahrenste und erfolgreichste Coach ist und über eine umgemodelte Mannschaft verfügt, die eine gute Mischung bietet aus Alt und Jung, routiniert und resolut. Ribera könnte an diesem Montag dazu beitragen, dass die Europameisterschaft für die Auswahl des Deutschen Handballbundes weitaus früher endet als erwartet. Der Zweiundsechzigjährige wäre der zweite Spielverderber in der EM-Vorrunde nach seinem Landsmann Raúl González, der das serbische Team zu einem 30:27 über die DHB-Auswahl führte. Was das Coaching angeht, hat González seinen Kollegen Gislason am Samstagabend deutlich ausgestochen. Dass Spanier als Spieler und Trainer begehrt und erfolgreich sind im internationalen Handball, ist an sich nichts Neues. Aber dass bei dieser EM gleich fünf Iberer eine Nationalmannschaft betreuen und drei davon in derselben Vorrundengruppe sind, ist durchaus außergewöhnlich. Auch wenn die Beteiligten die aufeinanderfolgenden direkten Duelle herunterspielen, was zum einen an ihrer Bescheidenheit liegt, zum anderen an der Häufigkeit ihrer Treffen. Wenn einer wie er zwanzig Jahre im Welthandball unterwegs sei, sagte Serbiens Nationaltrainer Gonzalez am dänischen EM-Spielort Herning, „dann hast du eine Reihe von Freunden auf der anderen Seite“. Also spanische Landsmänner wie Iker Romero, der Österreichs Nationalteam betreut und im direkten Aufeinandertreffen an diesem Montag die Serben ins Stolpern bringen könnte. Oder den fürs ungarische Team zuständigen Chema Rodriguez sowie Jesús Javier González, der Polens EM-Auswahl betreut. Trainerausbildung dauert in Spanien traditionell länger In aller Freundschaft geht die spanische Armada in Skandinavien aufeinander los. Ribera hat zwar mehr Kracher in seiner Truppe als González und Romero. Doch wenn es um die taktischen Bordmittel geht, bringen alle die gleichen Voraussetzungen mit. Zum Beispiel Romero: Er gehe „sehr akribisch“ vor, sagte Österreichs Linksaußen Sebastian Frimmel zum Turnierstart über seinen Nationaltrainer: „Er verlangt von uns viel Struktur in der Defensive. Jeder weiß, was er zu tun hat und was von ihm erwartet wird.“ Solche Qualitäten sind es, die Vereine in Europa und Verbände in aller Welt dazu bringen, immer wieder spanische Trainer zu verpflichten. Benjamin Chatton, Manager der deutschen Nationalmannschaft, setzte selbst auf spanische Expertise, als er zwischen 2011 und 2018 beim Bundesligaklub TSV Hannover-Burgdorf die Geschäfte führte. Er holte zunächst Roi Sánchez als Jugendtrainer und Ko-Trainer der Bundesligamannschaft, später übernahm Iker Romero – als Assistent des spanischen Chefcoaches Carlos Ortega – bis 2021 die Scharnierrolle zwischen Nachwuchs und Profis. „Die taktische Tiefe hat den Spielern gutgetan“, zeigt sich Chatton bis heute überzeugt: „Sie bekamen einen breiten Eindruck über unsere eigenen Ausbildungsinhalte hinaus.“ Justus Fischer hat damals als Bundesliganeuling von Romeros Förderung profitiert. „Er ist der Trainer, der mir am meisten beigebracht hat“, sagte der Kreisläufer dem Magazin „Bock auf Handball“. Wie Fischer und Juri Knorr, der als Jungprofi ein Jahr beim FC Barcelona verbrachte, kennt auch Nationalmannschaftsmanager Chatton die spanische Handballschule aus der Nähe. Und kann darum nachvollziehen, warum seine Kollegen aus anderen Nationalverbänden auf deren Absolventen setzen. Die Trainerausbildung dauert in Spanien traditionell länger und ist detaillierter als anderswo. Das macht sie laut Chatton zwar nicht zwingend besser als andere: „Doch durch die Dauer können mehr und andere Inhalte vermittelt werden.“ Die Trainerausbildung habe einen „sehr starken sportwissenschaftlichen Hintergrund“ und sei in den Universitäten verwurzelt, erklärt Erik Wudtke, Assistenztrainer der deutschen Nationalmannschaft. Die Folgen reichten über den Handball hinaus: „Ich finde, dass spanische Trainer in den verschiedensten Sportarten insbesondere im taktischen Bereich sehr clevere Lösungen finden.“ „Verglichen mit Basketball ist die deutsche Liga die NBA“ So hoch die taktischen Anforderungen sind und so penibel alle Winkelzüge einstudiert werden: Die Stärken des spanischen Systems können gelegentlich zur Schwäche werden. Nämlich dann, wenn das taktische Korsett des Teams so eng ist, dass Individualisten kaum Raum zur freien Entfaltung bekommen. „Dass es klare Vorgaben gibt, schränkt manchmal die Kreativität ein“, sagt Chatton. Wie in vielen Belangen sind aber nicht nur die Lehrpläne entscheidend, sondern auch die Lehrer, die sie mit Leben füllen. Spanische Coaches genießen den Ruf, sich mit den personellen Gegebenheiten im Team abzufinden und ihre Spielweise entsprechend anzupassen. So wie Romero, der es bei der Arbeit mit Österreichs Auswahl mit anderen Typen zu tun hat als im Alltag beim deutschen Zweitligaklub SG BBM Bietigheim und ihnen auch Freiheiten gibt. Die spanische Art, Handball zu denken, wird von den erfahrenen Trainern auf ihre Spieler und Nachfolger in spe übertragen. So wurde der heute 45 Jahre alte Iker Romero vom zwölf Jahre älteren Juan Carlos Pastor beeinflusst. Der studierte Chemiker führte Spanien als 36 Jahre alter Nationaltrainer zum WM-Titel 2005 und setzt seit einigen Tagen die spanische Tradition in Hannover fort. Die Bundesliga sei eines seiner „großen Lebensziele“ gewesen nach vielen Jahren in seiner Heimat, in Ungarn und als Trainer der ägyptischen Nationalmannschaft, sagte Pastor in einem vom Verein veröffentlichten Interview: „Verglichen mit Basketball ist die deutsche Liga die NBA.“ Seine Spieler sollten in Hannover „alles, was wir machen, verinnerlichen“. Wieder so ein Satz, der im Handball allen spanisch vorkommt. In Herning trägt die iberische Handballschule nun dazu bei, dass die Versetzung der deutschen Mannschaft in die EM-Hauptrunde extrem gefährdet ist.
