Alfred Gislason freut sich auf seine Mannschaft. Dass es „seine“ ist, daran lässt der Handball-Bundestrainer keinen Zweifel: „Vor mir waren nur Andi, Kohli, Rune und Golli dabei“, sagt der 66 Jahre alte Isländer. Während Torwart Andreas Wolff, Kreisläufer Jannik Kohlbacher, Linksaußen Rune Dahmke und Abwehrchef Johannes Golla schon vor Februar 2020 Nationalspieler beim Deutschen Handballbund (DHB) waren, sind einige unter Gislason hinzugekommen, die heute als Stützen gelten: Julian Köster, Juri Knorr, Marko Grgic, Renars Uscins. Nicht ohne Stolz erzählt Gislason, wie und warum er diese Reihe schon in sehr jungen Jahren zu wichtigen Bestandteilen der Nationalmannschaft gemacht hat. Es ist der von ihm gelenkte Umbruch. „Jeder Punktverlust kann das Aus bedeuten“ Gislason ist am Samstag aus Island von der Familie zurückgereist, nachdem er Weihnachten mit Freundin Hrund bei seiner Tochter in Kiel verbracht hat. Nun sitzt er im Hotelfoyer in Hannover. In der niedersächsischen Hauptstadt beginnt die Vorbereitung auf die anstehende Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen. Für Deutschland geht es am 15. Januar in Herning gegen Österreich los. Danach warten Serbien und Spanien in der „Jyske Bank Box“ auf Gislasons Sieben. Wie vor zwei Jahren bei der Heim-EM ist das Halbfinale ausgemachtes Ziel – doch der Weg dorthin ist steinig, denn in der Hauptrunde warten höchstwahrscheinlich Dänemark, Frankreich, Norwegen und Portugal. Schon vier Minuspunkte könnten da zu viel sein, rechnet Gislason vor: „Jeder Punktverlust kann das Aus bedeuten“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Er tut das nicht alarmiert, sondern mit der ihm eigenen Ruhe. Was soll ihn in seinem achten großen Auftrag in DHB-Diensten auch schrecken? Er erwartet eine frischere, gesundere Mannschaft als vor einem Jahr. Da schleppte sich sein Team müde und angeschlagen durch die Weltmeisterschaft, verpasste das Halbfinale durch eine Niederlage nach Verlängerung gegen Portugal. Diesmal, nach einer drei Tage längeren Neujahrspause, braucht es kein Gestolper gegen vermeintlich Kleinere wie Anfang 2025, sondern überzeugende Auftritte gegen Gleichrangige. Das sei ein Vorteil, sagt Gislason. Eine Blaupause liefern ihm die Frauen: „Sie waren eine Turniermannschaft mit starker Leistung und hervorragender Teamchemie. Mit jedem Spiel wurden sie selbstsicherer und besser.“ Am Ende stand Silber zu Buche. Er vertraut seiner jungen, erfahrenen Gruppe. Fast schon lachen muss Gislason wegen der Vielzahl an Kandidaten im linken Rückraum: „Da haben wir ja eine Warteliste!“ Das war noch vor zwei Jahren ganz anders. Auch ohne die fehlenden Luca Witzke (verletzt) und Sebastian Heymann (im Aufbau) hat Gislason die Qual der Wahl, kann sich im Rückraum für Köster und Knorr oder nur einen von beiden entscheiden, kann Grgic in der Mitte spielen lassen oder Nils Lichtlein. Zudem hat er im Gummersbacher Miro Schluroff einen polyvalenten Akteur zum Nationalspieler gemacht, der als Rechtshänder Sorgen auf der Linkshänderposition lindern kann – da stehen „nur“ Uscins und Franz Semper bereit. Den Kader hat Gislason über die Jahre kaum verändert. Die Mannschaft ist eingespielt, greift im Training auf Automatismen zurück. Wieder hat Gislason den Nationalspielern Spielsequenzen geschickt, die zeigen, was er von ihnen erwartet. Er will das Beste aus Berliner, Flensburger und Gummersbacher Angriffen im DHB-Dress so zusammenführen, dass jeder seine Stärken ausleben kann. „Ich habe es mal ohne Handball versucht. Das war nicht schön“ Mit drei ziemlich anderen Mittel-Leuten (Knorr, Lichtlein, Köster) soll Deutschland schwieriger auszurechnen sein. Hoffnung spenden zudem die formstarken Grgic und Knorr – Grgic hat sich in Flensburg eine Hauptrolle geschnappt. Knorr ist in Aalborg inzwischen integriert, gibt Interviews auf Dänisch und hat eine starke Halbserie hinter sich. Torwart Andreas Wolff reihte in Kiel Sahnetage aneinander und soll mit seinen Paraden das deutsche Tempospiel ins Laufen bringen. Im Positionsangriff wollen die Deutschen die Schwäche im Überzahlspiel beseitigen, um die erste Medaille von einem kontinentalen Wettstreit seit 2016 mitzubringen. An der Performance in Herning hängt Gislasons Verbleib beim DHB. Mit Vertrag bis nach der Heim-WM 2027 ausgestattet, geht er in seine voraussichtlichen Schlussrunden als Bundestrainer. Zuletzt hatte Präsident Andreas Michelmann das Thema verschärft, als er sagte, natürlich werde man im Falle eines frühen Ausscheidens reden müssen: „Wovon ich nicht ausgehe.“ Gislason hat entspannt auf die fehlende Jobgarantie reagiert, hervorgehoben, wie gern er für den DHB arbeite. Die beiden kennen sich. Aber Gislason hat sich auch als unabhängiger Kandidat gezeigt: „Sollte es hier nicht weitergehen, werde ich anderswo im Handball arbeiten. Ich habe es mal ohne Handball versucht. Das war nicht schön.“ Für die mögliche Kür seines Nachfolgers gab er dem DHB mit auf den Weg, dass es in Deutschland eine ganze Reihe „richtig guter“ junger Trainer gebe.
