„Goodbye, America“, lauten die letzten Worte eines Buchs, das jetzt erschienen ist und das sich wie ein Kommentar zu dem liest, was sich in Venezuela abspielte und sich für Grönland andeutet. Amerika nimmt sich imperialistisch, was es will. Und die Welt schaut zu. Bundeskanzler Friedrich Merz nennt es eine „komplexe Lage“, um Trump nicht zu verärgern, nicht zuletzt weil der seine Unterstützung der Ukraine sonst womöglich von einem Tag auf den anderen beenden könnte. Und steht innenpolitisch in der Kritik. Zusammen mit Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Großbritannien und Dänemark unterzeichnet Deutschland eine gemeinsame Erklärung, die klarmacht: Grönland gehört den Grönländern. Aber bewirkt sie etwas? Welche Gegenwehr kann sich Europa leisten? Besser ohne Minderwertigkeitskomplexe „Das erwachsene Land: Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“, heißt der Titel des Buchs von Holger Stark, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“ und Leiter des dortigen Investigativressorts, das ein eindringliches Plädoyer dafür ist, sich aus einer Abhängigkeit zu befreien, die Deutschland und Europa paralysiert. Stark verweist dabei auf Willy Brandt, der schon Anfang der Achtzigerjahre diagnostizierte, es sei eine „veraltete Vorstellung“, zu glauben, Sicherheitspolitik könnte „nur darin bestehen, zusätzlichen Forderungen eines amerikanischen Präsidenten (. . .) nachzukommen“. Und der sagte: „Wir sollten aus diesem etwas komischen, auch von Minderwertigkeitskomplexen geprägten Verhalten herauskommen – als ob wir immer erst mal darauf zu achten hätten, ob in bestimmten Washingtoner Büros jemand die Stirn kräuselt.“ 45 Jahre danach sei es an der Zeit, Brandts Worte endlich ernst zu nehmen. Ohne Amerika kein Europa, ohne US-Soldaten keine Sicherheit – das war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Gewissheit, die unumstößlich zu sein schien. Wie sehr dieses transatlantische Bündnis schon während der ersten Amtszeit Donald Trumps erschüttert wurde, zeigte der Auftritt des damaligen US-Präsidenten 2017 beim NATO-Sondergipfel, auf dem dieser Deutschland als „furchtbaren NATO-Partner“ beschimpfte und eine Passage über die sogenannte „Beistandsklausel“ aus seiner Rede strich. Merkel, davon nachhaltig beeindruckt, hielt kurz darauf in einem Bierzelt in Trudering eine Rede, in der sie betonte, dass „die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, ein Stück weit vorbei“ seien, weshalb „wir Europäer unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen“ müssten. Es passierte trotzdem: nichts Worte, die Konsequenzen hatten. Denn, so rekapituliert es Stark in seinem Abriss des deutsch-amerikanischen Verhältnisses, mit einer Großmacht sei es so: Ermahnt die Großmacht ein abhängiges Land, es müsse mehr Verantwortung übernehmen, dann ist das Führungsstärke. Sagt die Staatschefin eines abhängigen Landes das Gleiche, kommt es einem politischen Verrat nahe. In Washington sah man Merkel von da an als Gegnerin. Trotzdem wurde die Rede in Trudering nicht zum Wendepunkt. Merkel verfolgte in den kommenden Jahren eher die Strategie eines „passiven Widerstands“. Ein politisches Programm wurde daraus nicht. „Es scheint“, heißt es in „Das erwachsene Land“, „als hätte sich die aufsässige Kraft darin erschöpft, dass sie diese Sätze ausgesprochen hat.“ Das stellt sich jetzt als verpasste Chance heraus. Denn in der zweiten Amtszeit Trumps geht es nicht mehr bloß um Bündnispflichten oder Vereinbarungen, die auf dem Spiel stehen. Europa, das hat US-Vizepräsident J. D. Vance 2025 vor der Münchner Sicherheitskonferenz klargemacht, wird längst feindselig betrachtet: Die größte Bedrohung für Europa, so Vance vor den versammelten europäischen Staatschefs, gehe nicht von Russland aus, mit seinen Panzern und Raketen, sondern von Europa selbst, das mit seinen Einschränkungen der freien Rede von einer Diktatur nicht weit entfernt sei. Waren in Deutschland früher die Konservativen von CDU und CSU die natürlichen Verbündeten für die Republikanische Partei in den USA, ist es heute die AfD. Dass die US-Regierung versuchen könnte, die liberale Gesellschaft zum Kippen zu bringen, indem sie die AfD an die Macht katapultiert, stellt ein durchaus ernst zu nehmendes Szenario dar. Warum liegt das deutsche Staatsvermögen in New York? Was ist also zu tun? Wenn Stark davon spricht, dass es „mehr Mut“ brauche, und einen „zweiten Mauerfall-Moment“ herbeiruft, klingt das zunächst pathetisch und sehr allgemein. Doch entwickelt er im Verlauf des Buchs einen ganzen Katalog von Möglichkeiten für Deutschland und Europa, sich aus der Abhängigkeit zu befreien: Warum stellen die Europäer nicht sicher, dass alle internationalen Geschäfte der EU in Euro abgewickelt werden und nicht mehr in Dollar? Warum entkoppelt man nicht das Bankensystem SWIFT, über das große Teile des internationalen Zahlungsverkehrs abgewickelt werden, von den USA? Warum liegt in New York, in den Tresorräumen der US-Notenbank Federal Reserve, noch immer ein erheblicher Teil des deutschen Staatsvermögens, nämlich 1239 Tonnen an Gold? Warum produzieren wir digitale Schlüsseltechnologien nicht in Europa? Unabhängigkeit von Amerika würde auch bedeuten, sich militärisch eigenständig verteidigen zu können – etwa im europäischen Verbund. Oder perspektivisch die US-Airbase in Ramstein zu schließen. Das Problem an dem Weg heraus aus der Abhängigkeit besteht allerdings darin, dass Verbindungen nicht einfach gekappt werden können, sondern die USA Deutschland oder Europa in diese Unabhängigkeit begleiten müssten. Noch im Weg heraus ist man also abhängig. Doch muss das nicht davon abhalten, einen eigenen Weg zu beschreiten. Holger Stark: „Das erwachsene Land. Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“. Propyläen, 336 Seiten, 26 Euro.
