Vier Jahre sind seit dem Start des „Deutschen Zeitungsportals“ im Herbst 2021 verstrichen. Die Internetseite macht alte Zeitungen aus allen Teilen des Landes, große und kleine, im Faksimile und Volltext verfügbar. Die Aufbauphase ist abgeschlossen. Aber das heißt nur, dass die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft vorbei ist. Die Bestände müssen wachsen. Wie ist der Stand der Dinge? Fragen an die Projektleiterin Lisa Landes. Zum Projektstart im Herbst 2021 haben Sie viereinhalb Millionen alte Zeitungsseiten online gestellt. Wie hat sich das Portal seither entwickelt? Wir digitalisieren nicht selbst. Das muss ich vorausschicken. Wir arbeiten mit Bibliotheken und Archiven zusammen, die uns ihre Sammlung von digitalisierten historischen Zeitungen zur Verfügung stellen. Beim Start hatten wir neun solcher Datenpartner, die uns 600.000 Ausgaben aus 247 Zeitungen bereitgestellt haben. Heute sind es dreiundzwanzig mit 4,1 Millionen Ausgaben und fast 2000 Zeitungen, 26 Millionen Seiten gesamt. Das ist ein rasantes Wachstum. Neunzig Prozent der Blätter lassen sich per Volltext durchsuchen. Regional gibt es große Unterschiede: Zeitungen aus Nordrhein-Westfalen sind sehr stark vertreten, weil es dort mit „Zeitpunkt.nrw“ ein eigenes Portal gibt, das allein 18 Millionen Seiten umfasst. Für andere Regionen ist das Angebot dünn. Weshalb ist das so? Wir profitieren von solchen Projekten. Wir haben aber keinen Einfluss darauf, was von unseren Datenpartnern geliefert wird. Sie haben zur Digitalisierung unterschiedliche Etats und Ressourcen. Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn sich die finanzielle Ausstattung der Einrichtungen in dieser Hinsicht verbessern würde. Manche Städte wie Frankfurt oder München fehlen völlig. Es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis unser Portal ein flächendeckendes Angebot hat. Frankfurt ist zum Beispiel noch kein Datenpartner. Man kann aber doch auch mal sagen, dass das Glas schon halb voll ist. München ist eine schmerzliche Lücke, die sich bald schließen wird. Die Bayerische Staatsbibliothek hat ein eigenes Portal namens Digipress. Das sind große Bestände, auf die wir uns freuen. Ist das Einscannen alter Zeitungsbände denn so kompliziert? Wie gesagt: Wir digitalisieren nicht selbst. Es ist aber nicht so, dass man die Bände einfach auf einen Scanner legen kann, und dann ist es gemacht. Das sind längere Prozesse, die da ablaufen, abhängig von den Ressourcen vor Ort, und auch die Rechte müssen manchmal geklärt werden. Bei der Reihenfolge ziehen die Einrichtungen dann oftmals jene Bestände vor, die vom Verfall bedroht sind. Zeitlich bewegt sich der Großteil der verfügbaren Bestände in den Jahren 1860 bis 1945. Wie gehen Sie mit Publikationen aus der Zeit des Nationalsozialismus um? Wir schalten einen Disclaimer vor, weil wir uns als Portal dazu entschieden haben, diese Inhalte bereitzustellen. Manche Bibliotheken digitalisieren Zeitungen aus dieser Zeit und stellen sie online, andere nicht. Wir haben als „Deutsche Digitale Bibliothek“ den Auftrag, zu Zwecken von Bildung, Wissenschaft und staatsbürgerlicher Aufklärung Millionen Objekte des Kulturerbes öffentlich zugänglich zu machen, auch im Sinne eines demokratischen Zugangs zu diesen Quellen. Dazu können eben auch schwierige Quellen wie NS-Zeitungen gehören. Wir stellen sie bereit, kontextualisieren sie aber durch den Disclaimer, der von den Nutzern aktiv weggeklickt werden muss, und eine virtuelle Ausstellung zur Presse in der Zeit des Nationalsozialismus. Die ist im Disclaimer verlinkt. Kann es sein, dass andere Länder wie Österreich beim Aufbau ähnlicher Portale schneller vorankommen? Die Zeitungsbestände sind in Deutschland auf die Universitäts- und Staats- und Landesbibliotheken verteilt. Fast alle Bestände, die Sie im österreichischen Portal „Anno“ finden, werden in der dortigen Nationalbibliothek gesammelt. Das ist eine andere Ausgangslage. Es war schon immer möglich, alte Zeitungen zu lesen, aber man musste dafür in die Büchereien und Archive gehen, wo sie in Papierform oder auf Mikrofilm einsehbar waren. Heute kann man sie sogar per Volltextsuche durchforsten. Wie gut funktioniert diese Suche? Inzwischen recht gut. Auch da schreitet die Technik voran. Es gibt aber auch Bestände, bei denen die alte Schrift schlecht erfasst werden. Da muss man andere Suchstrategien entwickeln und versuchen, mit sogenannten „Platzhaltern“ oder Abstandssuchen oder alternativen Suchworten zu operieren. Wer nutzt Ihr Portal? Eine Nutzergruppe ist die Wissenschaft, vor allem, aber nicht nur, die Geisteswissenschaft. Die profitiert unter anderem von der Möglichkeit, über eine standardisierte Schnittstelle große Mengen an Daten herunterzuladen, um sie dann mit einer eigenen Software zu analysieren. Auch Familienforscher besuchen das Portal, weil sie zum Beispiel Hochzeits- und Todesanzeigen darüber finden. Wir waren deshalb auch auf Genealogentagen präsent. Insgesamt kommen wir aktuell auf ungefähr 20.000 Nutzer im Monat. Die Aufbauphase gilt als abgeschlossen. Wie geht es weiter? Das Zeitungsportal ist jetzt eines von drei Subportalen der „Deutschen Digitalen Bibliothek“, die ja etwa auch Museumsobjekte, Plakate oder anderes Schriftgut zugänglich macht. Im kommenden Jahr wollen wir im Zeitungsportal unter anderem eine Kartenansicht der verfügbaren Bestände einbauen. Es wird wohl auch Verlinkungen geben, die mehr Kontext zu einzelnen Zeitungen liefern. Und wir machen die Bibliotheken natürlich weiter auf das Angebot aufmerksam, damit es wächst, über Workshops zum Beispiel oder auch die bereits existierende Website für Profis (DDBpro), die sich direkt an Datenpartner richtet. Unser Fernziel besteht darin, von allen Einrichtungen, die historische Zeitungen sammeln, Bestände ins Portal zu bekommen. Das können auch Bestände aus Dorfarchiven sein. Kleine Blätter haben besonderen Reiz, auch für die Regionalwissenschaft. Meine Lieblingszeitung ist eigentlich immer die, die wir gerade neu eingespielt haben. Bei manchen von ihnen wie der „Kölnischen Zeitung“ oder dem „Schwäbischen Merkur“ ist die lange Laufzeit das Besondere. Bei anderen wie der Zeitung „Die Radlerin. Internationales Sportblatt der radfahrenden Damen“, einem Blatt aus dem Kaiserreich, ist es die inhaltliche Ausrichtung. Und man kann ja wirklich in allem stöbern, allein die Werbung von damals. Gerade eben haben wir ein großes Update aus der Badischen Landesbibliothek erhalten. Wer will, kann sehr viel Zeit mit dem Portal verbringen.
