Das zweite Jahr ist immer das schwerste, heißt es über Aufsteiger im Sport. Analog dazu ist eine erfolgreiche Titelverteidigung komplizierter als ein Überraschungscoup. „Das kann man so zusammenfassen“, sagt deshalb auch Curling-Bundestrainer Uli Kapp: „Die Bestätigung ist schwierig.“ Im vergangenen Jahr gewannen die deutschen Curler um Skip Marc Muskatewitz überraschend den Europameister-Titel in Lohja (Finnland) durch einen 9:7-Finalerfolg gegen das favorisierte schottische Team um den viermaligen Europameister Bruce Mouat. In diesem Jahr kämpfen sie an gleicher Stelle noch um den Einzug ins Halbfinale, der sich erst nach dem letzten Vorrundenspiel am Donnerstag (14 Uhr) gegen Polen entscheiden wird. Der Spielplan war herausfordernd, denn gleich in der ersten von neun Partien der Runde „Jeder gegen jeden“ trafen Muskatewitz und seine Mannen auf Mouat und Kollegen. Sie unterlagen knapp mit 7:8, die Entscheidung fiel mit dem vorletzten Stein im zehnten End, den Muskatewitz vermasselte. Auch gegen die Schweden und Italiener konnten die deutschen Spieler „in entscheidenden Momenten nicht abrufen“, was sie zuvor trainiert hatten, sagt Kapp. Gelegentliche Rückschläge einkalkuliert Der Coach hatte in der Trainingsarbeit mit seinem Team einige technische Feinheiten im Abspiel der Steine umgestellt. „Optimieren, um dann besser zu werden“, begründete er seine Vorgehensweise. Er strebt ein höheres Basisniveau an, wenn die Anpassung abgeschlossen ist – kalkuliert bei den Zwischenresultaten aber gelegentliche Rückschläge mit ein. Der vierundfünfzigjährige Kapp war selbst dreimaliger Europameister in den 1990er-Jahren. 2006 trat er bei den Olympischen Spielen in Turin im Team seines Bruders Andy an – dessen Sohn Benjamin nun zum aktuellen Team gehört. Curling ist Familiensache. Teamleader Marc Muskatewitz gilt als analytischer Spielertyp, den von der Eisbeschaffenheit bis zur Luftfeuchtigkeit alle Parameter rund um das 150 Fuß (etwa 45 Meter) lange Curling-Spielfeld interessieren, um das Rutschverhalten der 19,96 Kilogramm schweren Steine aus schottischen Granit bestmöglich vorhersagen zu können. Dem angehenden Ingenieur stehen drei junge Sportsoldaten zur Seite – neben Benjamin Kapp noch Felix Messenzehl und Johannes Scheuerl –, die alle erst Anfang 20 sind und sich als Curling-Profis versuchen. Gemeinsam treten sie wie einst Andy und Uli Kapp für den CC Füssen an und haben als „Team Muskatewitz“ dank einer erfolgreichen Weltmeisterschaft die erste Olympia-Qualifikation einer deutschen Mannschaft seit 2014 geschafft. Nach ihrem überraschenden Titelgewinn bei der EM 2024 wurde das Füssener Team zudem mehrfach zu Grand-Slam-Turnieren eingeladen, die zumeist im fernen Kanada stattfinden, wo Curling einen ungleich größeren Stellenwert als in Deutschland genießt. Die Teilnahme an den Turnieren der besten 16 Teams der Welt gilt als Ritterschlag im Curling. Doch sie diente der deutschen Mannschaft vor allem als Simulation der Olympischen Spiele. Auch die aktuelle Europameisterschaft hat für sie den Stellenwert einer „Standortbestimmung vor Olympia“, wie es Kapp ausdrückt. Nach vier Siegen in Serien konnte sich das deutsche Team im Tableau aus zehn Mannschaften wieder in die Spitzengruppe vorarbeiten. „Wenn der Einzug ins Halbfinale gelingt, ist alles drin“, sagt Kapp über die Aussichten, abermals bei der Titelvergabe mitzusprechen, „aber Platz fünf oder sechs ist auch okay.“ Curling wird oft als „Schach auf Eis“ bezeichnet, weil die Platzierung der Spielsteine ein großes strategisches Geschick erfordert. „Mental Game“ nennt es Kapp, weshalb zum Betreuungsteam auch ein Sportpsychologe gehört. Zugleich ist die körperliche Belastung nicht zu unterschätzen. Das Wischen erfordert hohen Einsatz, um den Lauf des Steins bestmöglich zu beeinflussen. Und schließlich ist Ausdauer gefordert, da bei einem Turnier zumeist zwei Spiele pro Tag ausgetragen werden, mit jeweils gut zwei Stunden Bruttospielzeit. Noch vor Weihnachten wird das Team Muskatewitz abermals zu einem Grand Slam nach Kanada reisen. Im Januar soll dann das Feintuning zu Hause in Füssen erfolgen, bei dem auch einige Testspiele gegen befreundete Schweizer Teams zum Programm gehören. Danach wird sich zeigen, ob die Maßnahmen in Summe gefruchtet haben. „Abgerechnet wird in Cortina“, schaut Kapp voraus.
