FAZ 20.11.2025
14:59 Uhr

Deutsches Davis-Cup-Team: Mit Zverev widerwillig zum Titel?


Davis-Cup-Finalrunde 2025: Führt Alexander Zverev Deutschland zum Tenni-Titel in Bologna?

Deutsches Davis-Cup-Team: Mit Zverev widerwillig zum Titel?

Es gab auf der Pressekonferenz des deutschen Davis-Cup-Teams dann doch noch einen Moment, in dem es knisterte. Ein französischer Journalist wollte am Dienstag in Bologna von Alexander Zverev wissen, warum er denn überhaupt hier sei. Er habe das Event doch vor kurzem noch als „Exhibition“, als Showturnier, bezeichnet. Zverev, der die deutsche Mannschaft bei der Endrunde des Davis Cups als Nummer eins auf den Platz führen wird, blaffte zurück: „So wie Sie die Frage stellen, ist es klar, was Sie hören wollen.“ Aber Deutschlands bester Tennisspieler tat ihm den Gefallen zunächst nicht. Stattdessen umarmte Zverev gewissermaßen verbal seine Teamkollegen, die mit ihm und Kapitän Michael Kohlmann auf dem Podium in einem Seitenraum der Messehalle „Super Tennis Arena“ saßen. „Um ehrlich zu sein: Ich bin sehr gerne hier und ich freue mich auf die Spiele, die Jungs und die Zeit, die wir miteinander verbringen werden.“ Kritik an Format untermauert Und wenn er schon mal hier sei, fuhr Zverev fort, dann wolle er auch den Pokal gewinnen. „Ich glaube wirklich, dass wir mit diesem Team dieses Ding gewinnen können.“ Zverev, der noch vor wenigen Tagen bei den ATP-Finals in Turin, dem Jahresendturnier der besten acht Tennisprofis des Jahres im Einsatz war, wollte den Blick auf das Sportliche richten. An diesem Donnerstag spielt die deutsche Mannschaft im Viertelfinale von 17 Uhr an gegen Argentinien. Trotzdem wich er der kritischen Nachfrage nicht aus und untermauerte auch in Bologna seine Kritik am neuen Davis-Cup-Format: „Ich möchte kein ‚Hater’ sein und sagen, dass alles scheiße oder doof ist. Aber deswegen vermisse ich auch dieses alte Format so sehr, weil ich glaube, dass man diese Emotionen früher nur beim Davis Cup bekommen hat“, führte der Weltranglistendritte aus. „Auf zum letzten Hurra“ Aktuell wird der traditionsreiche Mannschafts-Wettbewerb in zwei Qualifikationsrunden und dann bei einem Finalevent mit acht Nationen an einem Ort ausgetragen. „Gegen Italien in Italien zu spielen, ist eine ganz andere Atmosphäre als gegen Italien in Spanien“, sagte Zverev: „Ich habe gegen Nadal in einer Stierkampfarena gespielt. Das ist für mich der wahre Davis Cup.“ Aber es hilft jetzt alles nichts. Und sowieso: Zverev hat die Leidenschaft für den Wettkampf in seinem Blut. Selbst am Ende dieser langen Tennissaison. In Bologna heiße es jetzt: „auf zum letzten Hurra“, sagte er. Wer Zverev kennt, ahnt, was es in ihm auslöst, am Donnerstag für sein Land auf dem Court zu stehen und die Mannschaft in seinem Rücken zu wissen. Alle deutschen Spieler kennen sich gut untereinander, als Team ist die deutsche Davis-Cup-Mannschaft sehr homogen und lange schon zusammengewachsen. Zverev als „Brecher“ an Nummer eins In Paris bei den Olympischen Spielen teilte sich Zverev mit den beiden Doppelspielern Tim Pütz und Kevin Krawietz sowie Jan-Lennard Struff eine WG. Alle vier sind auch in Bologna wieder zusammen. Komplettiert wird die deutsche Mannschaft von Yannick Hanfmann. Der Teamspirit, die gute Form (Struff gewann am vergangenen Wochenende das Finale beim Challenger-Turnier in Lyon) und Zverev als „Brecher“ an Nummer eins, so bezeichnete ihn Michael Kohlmann am Dienstag, das könnten die Faktoren dafür sein, dass Deutschland nach 32 Jahren wieder einmal den Davis Cup gewinnt. Für Pütz, 37, Struff, 35, Hanfmann, 34 und Krawietz, 33, ist es möglicherweise sogar die letzte Chance. Die Vier befinden sich auf der Zielgeraden ihrer jeweiligen Karriere. Die Chancen auf den Titel stehen gut. Nach der Absage von Carlos Alcaraz und Jannik Sinner, der Nummer eins und zwei der Welt, sind deren Nationen Spanien und Italien sichere Punktelieferanten weggebrochen. „Erinnern uns lieber an die Siege“ Nun scheint der Weg frei. Auch wegen des Modus‘: Nur zwei Einzel werden gespielt, anschließend ist das Duell entweder vorbei, oder es wird im abschließenden Doppel entschieden. Schon ein Sieg im Einzel – zum Beispiel vom Weltranglistendritten Zverev – bringt das Team des DTB mit seinen Doppelexperten Krawietz/Pütz in eine gute Ausgangsposition. Apropos Krawietz/Pütz: Das Duo könnte für die deutsche Mannschaft zum entscheidenden Pfund werden. Von bislang 16 gemeinsamen Einsätzen im Davis Cup haben die beiden lediglich eine Partie verloren. „Diese eine Niederlage blenden wir lieber aus“, sagte Krawietz mit Blick auf die Pleite gegen Denis Shapovalov und Vasek Pospisil im Jahr 2022. „Wir erinnern uns lieber an die Siege.“ Der Auftakt gegen Argentinien am Donnerstag in der über 10.000 Zuschauer fassenden Messehalle im BolognaFiere wird diffizil, aber machbar. „Es ist eine sehr gute Mannschaft, eine sehr gute Tennisnation“, sagte Zverev, der auch Topspieler Francisco Cerúndolo, möglicher Kontrahent im Einzel, lobte. In einem möglichen Halbfinale könnte es für Deutschland dann gegen Tschechien gehen – womöglich der härteste Gegner auf dem Weg zum Titel. Die Tschechen treten mit dem jungen Top-Duo Jiri Lehecka (17. der Weltrangliste) und Jakub Mensik (19.) an. Am Sonntag stiege dann das Finale. Vielleicht gegen die Italiener in deren eigener Halle. Das klingt dann doch verdächtig nach echtem Davis-Cup-Feeling.