Am Sonntag ab 10:15 Uhr MEZ enden für Gerd Butzeck acht Monate Wahlkampf. In Gesprächen, Videokonferenzen und Telefonaten hat der Sechsundsechzigjährige seit April versucht, möglichst viele Mitgliedsländer von seinen Ideen zu überzeugen. Es war ein Vollzeitjob für den hauptamtlichen Geschäftsführer der europäischen Klubhandball-Vereinigung. Der Deutsche kandidiert für das Präsidentenamt in der Internationalen Handballföderation (IHF) und zeigt sich zuversichtlich: „Ich werde gewählt werden.“ Das würde bedeuten, dass er den aktuellen Präsidenten des Weltverbandes ablöst, den 81 Jahre alten Ägypter Hassan Moustafa. Dieser will sich am Sonntag in Kairo als Chef bestätigen lassen. Er würde den 25 Jahren an der IHF-Spitze dann vier weitere folgen lassen. „Vier weitere Jahre würden Stagnation statt Fortschritt und Weiterentwicklung bedeuten“, sagt Butzeck im Gespräch mit der F.A.Z.: „Wir brauchen Wandel, Transparenz und Professionalisierung bei der IHF.“ Sein Slogan lautet: „Handball deserves more.“ Also: Handball verdient Besseres. Damit der Handball seinen olympischen Status behält, will ihn Butzeck zu einem globalen Sport machen, der modern übertragen (Social Media!) und von starken Sponsoren getragen wird. Zudem solle Handball draußen gespielt werden können. Diverser, integrativer und nachhaltiger solle es zugehen – auch im Weltverband. Die verschlossene Kommunikation des Verbands Zuletzt hatte Hassan Moustafa beim Finalwochenende der Frauen-Weltmeisterschaft in Rotterdam gefehlt. Offizielle Begründung: Die Vorbereitung des Wahlkongresses sei vor allem wegen offener Visa-Fragen extrem aufwendig. Diese Antwort kam von IHF-Generalsekretärin Amal Khalifa. Bei ihr laufen die Fäden zusammen. Sie entscheide alles, heißt es in Handballkreisen, nicht der greise Präsident. Nachfragen, auch der F.A.Z, zu diversen Themen die Wahl und den Welthandball betreffend, bleiben unbeantwortet. Die verschlossene Kommunikation sei ein Kernproblem des Verbandes, sagt Gerd Butzeck: „Der internationale Basketballverband hat 200 Mitarbeitende. Die IHF hat 20. Ihre Leute sind gut. Aber viel zu wenige.“ Auch deswegen blieben dringend notwendige Entwicklungen bezüglich Marketing und Medien aus. Am Verbandssitz in Basel herrschen Frust und Angst: „Wenn ich dort anfange, werde ich als Erstes bestimmen, dass von nun an auch mal gelacht wird“, sagt Gerd Butzeck. Er kann sich der Unterstützung durch den Deutschen Handballbund (DHB) gewiss sein. Auch dessen Vorstandsvorsitzender Mark Schober wird sich an diesem Donnerstag auf die Reise nach Ägypten machen. Er sagt: „Wir wollen als Deutschland Verantwortung für den internationalen Handball übernehmen. Es wird uns nicht schaden, dass wir aktiv geworden sind und Gerd Butzeck unterstützen.“ Zuletzt hatte es Stimmen gegeben, dass der DHB Moustafa dankbar dafür sein müsse, wie viele Turniere Deutschland hätte ausrichten dürfen. So äußerte sich der Berliner Geschäftsführer Bob Hanning. DHB-Präsident Andreas Michelmann hielt dem entgegen, Dankbarkeit sei keine Grundlage der Zusammenarbeit. Es ist auch vielmehr so, dass die finanziell gesunde IHF von lukrativen Großturnieren in Deutschland profitiere, weil es der wichtigste Markt ist. 180 Vertreterinnen und Vertreter des Verbandes werden in Kairo erwartet. Jeder Verband besitzt eine Stimme, unabhängig von der Größe. Viele von ihnen sind Geisterverbände ohne Spielbetrieb oder Auftritt im Internet. Auch Telefonnummern oder Mailadressen sucht man vergebens. Gerade aus Skandinavien kommen dazu kritische Stimmen: Diese Nationen seien Moustafas „Stimmvieh“. Butzeck zeigt sich siegessicher Europa hat sich nicht auf einen Kandidaten einigen können. So treten Butzeck, der Niederländer Tjark de Lange und der Slowene Franjo Bobinac an. Eine europäische Einheit gegen Moustafa gibt es nicht. So spricht sich der französische Verbandspräsident Philippe Bana für eine weitere Amtszeit des Ägypters aus. Auch Schweden und Spanien halten die Füße still, weil ihre Vertreter auf Posten im Kabinett Moustafa hoffen. Gegenüber dem kritischen norwegischen Handballportal „Gohandball“ leugnete Bana die Existenz von „Geisterverbänden“. Seine Motivation könnte sein, dass er als Vizepräsident bald Moustafa nachfolgen könne, sollte dieser sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen. Bana verwies darauf, dass es dem Zeitgeist entspreche, Menschen in Verantwortung unbotmäßig zu kritisieren. Moustafa stehe für Kontinuität. Vor diesem Hintergrund ist ihm aus Kreisen auch angeboten worden, auf dem Kongress den Platz an der Spitze freizumachen und fortan als „Ehrenpräsident“ zu wirken. Das hat Hassan Moustafa abgelehnt. Gerd Butzeck zeigt sich derweil gewiss, am Sonntag gewählt zu werden. 80 Prozent der Europäer seien auf seiner Seite. In Asien und Südamerika seien es 40 bis 50 Prozent. Afrika stünde hingegen traditionell hinter Moustafa. Sollte der Amtsinhaber die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang verfehlen, werde es im zweiten Wahlgang zwischen ihm und Moustafa um alles gehen, sagt Butzeck: „Dann entscheidet sich das Schicksal des Handballs.“ Weder der deutsche Kandidaten noch der DHB wollten Einflussnahme von außen ausschließen. Wie vor 16 Jahren, als dem luxemburgischen Präsidentschafts-Kandidaten Jean Kaiser bei seiner Bewerbungsrede das Mikrofon abgestellt wurde.
