FAZ 28.11.2025
16:37 Uhr

Deutsche handball-Frauen: Riesenchance für Gen Z bei Handball-WM


Bundestrainer Gaugisch präsentiert zum gelungenen Start der deutschen Handball-Frauen bei der Heim-WM nicht nur die alte Achse, sondern ein sehr vielfältiges Team.

Deutsche handball-Frauen: Riesenchance für Gen Z bei Handball-WM

Uruguay? Handball? Die Videositzung zum nächsten Gegner wird knapp ausgefallen sein. Nur spärliches Material liegt vor. Zwar scheute man sich beim Deutschen Handballbund (DHB), die Südamerikanerinnen als Exotinnen zu bezeichnen. Vor ihrer Stärke wollte im Sinne der Wahrhaftigkeit allerdings auch niemand warnen – mit frischem Selbstvertrauen startet die Nationalmannschaft in ihr zweites Spiel der Weltmeisterschaft in den Niederlanden und Deutschland an diesem Freitag (18 Uhr/Sporteurope.TV). Uruguay soll ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Gruppenfinale gegen die Serbinnen am Sonntag sein, wenn es auch wieder auf 16 beinahe gleichstarke Spielerinnen ankommen wird. Der Schlüssel zum erwünschten Erfolg – Stichwort: Halbfinale – soll, anders als früher, in der Ausgeglichenheit der Gruppe liegen: Beim 32:25 gegen Island am Mittwochabend in der ausverkauften Stuttgarter Arena schenkte Bundestrainer Markus Gaugisch 15 seiner Profis Spielminuten. Sowohl aus der Öffentlichkeit als auch verbandsintern war vor dem Turnier die Forderung an ihn laut geworden, einem größeren Kreis zu vertrauen. Gaugisch konterte, erst müsse das Niveau der hinteren Reihe besser werden. Nun ist es soweit – munter verteilte er die Zeit im strahlenden Hallenlicht auf viele; so stachen bei dem überzeugenden Auftritt die 21 Jahre alten Viola Leuchter im rechten und Nieke Kühne im linken Rückraum heraus. Beide nutzten tatkräftig ihre Chance, trafen zusammen neunmal. „Auf dem Feld ist jede gleich wichtig“ „Die Mischung macht’s“, antwortete Viola Leuchter, „wir sind überall doppelt besetzt und haben den perfekten Kader.“ Auch an der guten Chemie haben die beiden ihren Anteil: „Wir bringen Spaß ins Team und versuchen, die Leichtigkeit beizubehalten“, sagte Nieke Kühne und gab zu, die „älteren Frauen“ in der Gruppe manchmal mit Jugendsprache zu verwirren. Die Neulinge erfüllen ihre Rolle angemessen selbstbewusst, stellen sich nicht hinten an. Kühne sagt: „Wir haben schon eine Hierarchie. Aber auf dem Feld ist jede gleich wichtig. Jede von uns ist zu recht hier.“ Während sie Schnelligkeit und Dynamik einbringt, wirft Viola Leuchter mit ihren 185 Zentimetern Körpergröße hart und genau über die Abwehr der Gegnerinnen. Auch die 22 Jahre alte Nina Engel gehört zur GenZ im deutschen Rückraum. Gaugisch war froh und erleichtert, nach dem herbeigesehnten Auftakterfolg „alle Spielerinnen ins Turnier“ bekommen zu haben – ein Auftrag, den er auch gegen Uruguay erfüllen will: „Wir haben die Belastung und die Verantwortung verteilt. Ich vertraue jeder Spielerin zu 100 Prozent, dass sie das Richtige tut, wenn sie auf der Platte steht. Ich bin happy, dass jede ,on fire’ ist, wenn sie reinkommt.“ Natürlich ergeben sich ganz andere taktische Möglichkeiten; die DHB-Auswahl wirkt schwieriger auszurechnen, tritt mal mit vier Rückraumspielerinnen auf, versucht sich auch im Sieben gegen Sechs, wenn das eigene Tor zu Gunsten einer zusätzlichen Feldspielerin leer bleibt. Auch auf die routinierte Achse kommt es an Deutschland ist also viel mehr als die bekannte und routinierte Achse Xenia Smits – Emily Vogel – Alina Grijseels. Wobei die drei weiterhin qua Erfahrung die Mannschaft führen werden wie gegen Island. Aber die Zeiten sind vorbei, als Spielerinnen auf der Bank verharrten oder sich in Sekunden-Einsätzen kaum zeigen konnten. Gaugisch tauschte vor der Halbzeit munter durch und bekommt bald noch mehr Möglichkeiten: Dass sich in Annika Lott eine Spielmacherin mit dem X-Faktor nach überstandenen Schulterschmerzen in Turnierform bringt, ist eine zusätzlich positive Nachricht. Bekanntlich müssen erste Spiele bei solch großen Veranstaltungen nicht perfekt aussehen, sondern gewonnen werden. Das war Gaugischs Gruppe sogar weitgehend ansehnlich gelungen. Abgestreift hat sie nun auch die Phase des ewigen Wartens, ist doch seit dem März-Lehrgang von nichts anderem als der Heim-WM die Rede. Gaugisch sagte: „Ich sehe Lockerheit und Fokus einer Gruppe, die gern Zeit miteinander verbringt. Beim Essen, beim Spielen, immer sitzen andere Gruppen zusammen. Diese Mannschaft weiß, welche Riesenchance sie hier hat.“ Die erste Hürde auf dem Weg zur erhofften Medaille ist genommen – auch dank der neuen Vielschichtigkeit im deutschen Frauenhandball.