FAZ 25.11.2025
13:30 Uhr

Deutsche Zoos: Zehntausende Tiere, viele Millionen Euro – und ein Dauerthema


Deutschlands Zoos ziehen trotz Kritik viele Besucher an. Der Grat zwischen Artenschutz und Tierwohl ist schmal, aber Zoo ist nicht gleich Zoo.

Deutsche Zoos: Zehntausende Tiere, viele Millionen Euro – und ein Dauerthema

Illustration: Felipe Gonzalez Schneller Schlau Zehntausende Tiere, viele Millionen Euro – und ein Dauerthema Von JULIA BELLAN, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 24. November 2025 · In Deutschland gibt es schätzungsweise mehr als 800 Zoos. 2024 setzten sie zusammen mehr als eine Milliarde Euro um. Das geht aus einer Analyse von Statista Market Insights hervor. Alleine der Leipziger Zoo kam im Jahr 2023 auf einen Umsatz von fast 37 Millionen Euro. Aber: Zoo ist nicht gleich Zoo. Paragraph 42 des Bundesnaturschutzgesetzes definiert Zoos als „dauerhafte Einrichtungen, in denen lebende Tiere wild lebender Arten zwecks Zurschaustellung während eines Zeitraumes von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden“. Darunter können kleinere, privat finanzierte, aber auch große und staatlich unterstützte Einrichtungen fallen. Abgrenzen und vergleichen lassen sich in Deutschland die 56 wissenschaftlich geführten Einrichtungen, die Mitglied des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) sind. Viele von ihnen erhalten Förderung von den Kommunen. Ihr Auftrag lautet: Artenschutz, Forschung, Bildung – und Haltung nach aktuellen wissenschaftlichen Standards. Jahr für Jahr strömen Millionen Besucher in die zoologischen Gärten, um sich Wildtiere aus den verschiedensten Regionen des Planeten anzuschauen. Der meistbesuchte Zoo im Jahr 2023 war der Zoo Berlin mit 3,9 Millionen Besuchern, gefolgt vom Tierpark Hellabrunn München mit 2,5 Millionen und dem Zoo Leipzig mit 1,9 Millionen Gästen. Der Zoo Berlin ist auch in einer weiteren Kategorie Spitzenreiter: Mehr als zwanzigtausend Tiere aus über eintausend Arten werden laut Zahlen des VdZ im ältesten Zoo Deutschlands gehalten. Das wohl prominenteste Tier unter ihnen war der von Hand aufgezogene Eisbär Knut, der von 2006 bis 2011 im Zoo Berlin lebte. Der Tierpark Hellabrunn München zählt gut 10.000 Tiere aus 690 verschiedenen Arten. Der Zoo Leipzig, der bei Umsatz und Besucherzahlen zu den Top Drei gehört, hat wiederum mit 3630 Exemplaren aus 510 Arten vergleichsweise wenig Tiere in seinem Besitz. Kernaufgabe der VdZ-Einrichtungen ist der Erhalt der Artenvielfalt. Dazu gehören gezielte Züchtungen bedrohter Tierarten im Rahmen der Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP). In diesen zooübergreifenden Projekten wird mithilfe von Zuchtbüchern versucht, einen optimalen Genpool der Zoopopulationen aufrechtzuerhalten und Inzucht zu vermeiden. Dort, wo ein sicherer Lebensraum zur Auswilderung der Tiere fehlt, werden laut VdZ von den Zoos Naturschutzprojekte vor Ort unterstützt. Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert indes, dass es bei der Zucht immer wieder zu „überzähligen“ Tieren komme. Für Empörung sorgte im Sommer dieses Jahres die Tötung von zwölf Pavianen im Tiergarten Nürnberg. Die Tiere waren Teil einer über die Jahre durch die Zucht gewachsenen Population, das Gehege wurde zu klein. Der Tiergarten gab an, kein anderer Zoo habe die zwölf gesunden Paviane aufnehmen wollen. Sie wurden daraufhin eingeschläfert und teilweise an andere Zootiere verfüttert. Wenn nicht gewährleistet werden könne, dass Tiere gut unterbracht werden, solle auf die Zucht verzichtet werden, findet Paulina Kuhn vom Fachreferat für Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. „Der Schutz bedrohter Arten ist sinnvoll und wichtig, darf aber nicht den Tierschutz aus dem Blick verlieren. Eine Wiederauswilderung der meisten Tiere ist in naher Zukunft meist gar nicht vorgesehen oder überhaupt möglich. So um jeden Preis Arten zu erhalten, ist eine fragwürdige und einseitige Vorgehensweise“, sagt Kuhn. Seit 1973 wird mit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) der internationale Handel mit gefährdeten Arten frei lebender Tiere und Pflanzen überwacht. Laut CITES-Datenbank wurden in den vergangenen zehn Jahren 1340 Wildtiere unter Angabe des Zwecks „Zoologische Gärten“ nach Deutschland importiert, darunter befanden sich überwiegend Vogelarten. Knapp 85 Prozent waren in Gefangenschaft gezüchtete Tiere, nur gut fünf Prozent (70 Tiere) wurden der Natur entnommen. Im selben Zeitraum wurden 171 Tiere zum Zweck der Auswilderung aus Deutschland exportiert. Wie viele davon explizit aus Zoos stammen, lässt sich der Datenbank nicht entnehmen. Aus den Daten geht allerdings hervor, dass drei Viertel von ihnen aus Zucht in Gefangenschaft stammten, ein Viertel waren ursprünglich Wildfänge. Das muss nicht heißen, dass ein Tier in Deutschland in der Natur gefangen wurde. Es kann sich auch um Exemplare handeln, die im Ausland der Natur entnommen, nach Deutschland importiert und dann wieder exportiert wurden. Die Auswilderung von in Gefangenschaft gezüchteten Tieren ist selten, kann aber bei bestimmten Arten gelingen – wie erfolgreiche Beispiele der Sumpfschildkröte und der Mhorrgazelle zeigen. Trotz der Kritik durch Tierschützer werden deutsche Zoos gern besucht. Eine Forsa-Studie im Auftrag des VdZ ergab: 82 Prozent der Deutschen befürworten Zoos, lediglich zwölf Prozent lehnen sie ab. Drei Viertel der Befragten finden freilich, dass Zoos verpflichtet sein sollten, bestimmte Mindestgrößen und Standards für die Gehege von Wildtieren einzuhalten. Nur knapp die Hälfte erklärte, dass Zoos auch verpflichtet sein sollten, bestimmte Arten von Wildtieren nicht zu halten. Und nur 22 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Zoos keine Wildtiere halten sollten. Den geringen Platz, den viele Wildtiere in den Gehegen haben, kritisieren auch Tierschützer. Arten wie Elefanten oder Eisbären legen in ihrem natürlichen Habitat weite Strecken zurück. Im Zoogehege kann der Platzmangel zum sogenannten „Pacing“ führen: Die Tiere laufen immer wieder die gleiche Strecke ab. Tierpfleger versuchen daher die Tiere durch kognitive Aufgaben auszulasten. Der Tierpark Hellabrunn argumentiert zudem, die viele Bewegung der Tiere in der Wildnis diene großenteils der Suche nach Nahrung oder Fortpflanzungspartnern. Eigentlich seien die Tiere aber Energiesparer. Im Zoo sei beides gesichert – und daher weniger Bewegung nötig. F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Der Verlust an Biodiversität beschleunigt sich F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Bis dass der Regen euch scheidet Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge