Manchmal sind es Kleinigkeiten, die Mut machen. Allerdings hat Lena Dürr am Sonntag in Copper Mountain schon etwas sehr Großes geschaffen, wahrscheinlich das Größte, was eine Skirennläuferin im Moment im Slalom erreichen kann, weil es eine gibt, an der nicht vorbeizukommen ist. So gesehen hat die Deutsche nach ihrem zweiten Platz gar nicht mehr viel auf die Details geachtet. Die Worte sprudelten aus der sonst oft nicht zum Überschwang neigenden Athletin vom SV Germering heraus. „Unglaublich glücklich“ sei sie, sie sprach von einem „coolen Hang“ und einem „schönen Wochenende“, das für Dürr am Samstag mit Platz sechs im Riesenslalom und damit bestem Karriereergebnis in dieser Disziplin schon sehr gut begonnen hatte. Aber in Colorado ist noch viel mehr Überraschendes passiert, in diesem Slalom auf rund 3000 Meter Höhe, und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Mikaela Shiffrin war zum ersten Mal nicht die Schnellste in einem Slalom-Lauf in diesem alpinen Weltcup-Winter. Sie gewann trotzdem mit üppigen 1,57 Sekunden Vorsprung, aber einen Großteil davon hatte sie auf Dürr schon im ersten Durchgang herausgefahren. Das Kunststück, besser zu sein als die Amerikanerin, gelang der jungen Caitline McFarlane aus Frankreich, die von einem schlechteren ersten Lauf und deshalb einer früheren Startnummer auf der nachlassenden Piste profitierte. 18 Hundertstelsekunden nahm sie Shiffrin ab. Es geht also doch, die Rekordfrau zu schlagen, aber vielleicht eben nur in einem Durchgang. Dürr war immerhin in zwei Teilabschnitten besser als Shiffrin. „Sprung nach vorne gemacht“ Für das andere erstaunliche Ereignis hat dann Dürr gesorgt. Endlich einmal war sie im zweiten Lauf besser als im ersten. „Ich freue mich, dass ich mal wieder einen Sprung nach vorne gemacht habe und nicht nach hinten“, sagte sie. Dass den Kurs im zweiten Lauf ihr Trainer Markus Lenz gesteckt hat, mag kein Nachteil gewesen sein, aber Dürr führt es eher auf ihre Fahrweise zurück. „Im ersten Durchgang“, gibt sie zu, „hat es nicht wirklich zusammengepasst.“ Sie, die eher weiche Piste und der Ski. Im Finale passte es dann zusammen, Dürr trotzte den schwierigen Bedingungen und verbesserte sich um sieben Plätze. Ähnlich weit nach vorne hatte sie es zuletzt Anfang des Jahres in Courchevel geschafft. Als zwischenzeitliche Achte war sie damals ebenfalls noch auf das Podest vorgefahren. Wenn Dürr in den vergangenen vier Jahren, nachdem sie mit 30 endlich in den Kreis der Podestfahrerinnen aufgerückt war, noch manchmal Kritik einstecken musste, dann weil sie zu oft eine gute Ausgangssituation vergab. Auch bei ganz wichtigen Rennen wie den Olympischen Spielen in Peking. Da verpasste sie als Führende nach dem ersten Durchgang die Medaille um ein paar Hundertstelsekunden. Es ist diese Erfahrung 2022, dieser „wahrscheinlich intensivste Tag in meinem Leben“, die sie mit nun 34 Jahren antreibt. Mit Peking hat sie ihren Frieden geschlossen, „mit ganz vielen positiven Emotionen“ blicke sie darauf zurück, sagt sie immer wieder. Aber in Cortina d’Ampezzo im kommenden Februar will sie es besser machen. Olympisches Edelmetall wäre ein perfektes Finale einer langen, aber erst spät erfolgreichen Karriere. Und sie hat einiges dafür getan in der Vorbereitung, dass sie bei ihren erst dritten Winterspielen in Medaillenform antreten kann. Es ging um „neue Reize“, wie es Cheftrainer Andreas Puelacher bezeichnet. Wenn eine Athletin wie Dürr so lange dabei sei, müsse man manchmal etwas verändern, erklärte der Österreicher. Und sie selbst sprach davon, dass sie im Sommer „immer wieder Bedenken“ habe, „ob ich das in die nächste Saison retten kann“. Die Form, die Motivation, das gute Gefühl auf dem Ski und für den Schnee. Außerdem stellte sie fest: „Das Feld im Slalom wird immer dichter.“ Also reiste Dürr mit Lenz im August nicht mit dem Rest der Mannschaft nach Südamerika, sondern nach Neuseeland. Zum ersten Mal seit sechs Jahren, seit sie den Kaderstatus einmal verloren und sich in Eigenregie auf die Saison vorbereitet hatte, war sie ohne Kolleginnen im Sommer unterwegs. Dafür trainierte sie mit Skirennläuferinnen anderer Nationen, den Amerikanerinnen zum Beispiel. Nicht nur vom Vergleich auf Schnee profitierte sie, sondern auch davon, „mal zu sehen, was die anderen machen, um etwas für sich herauszuziehen“, um besser zu werden. In den ersten beiden Slaloms sah es noch nicht so aus, als ob sich der Aufwand tatsächlich gelohnt hätte. Die Plätze vier in Levi und sieben in Gurgl waren ordentlich, aber für ihre Ansprüche nicht gut genug. Nun scheint Lena Dürr zurück zu sein. Im Kreis der Besten hinter Shiffrin.
