FAZ 15.01.2026
16:34 Uhr

Deutsche Gebärdensprache: „Wir werden im Alltag oft vergessen“


Die Deutsche Gebärdensprache ist seit 2002 anerkannt. Doch Barrieren prägen weiterhin den Alltag hörgeschädigter Menschen.

Deutsche Gebärdensprache: „Wir werden im Alltag oft vergessen“

Wenn Lena Krächan einen Iced Matcha Latte bestellt, nimmt sie meist ihr Handy zu Hilfe. In der Notizen-App schreibt sie ihre Bestellung auf und zeigt sie dem Barista. Denn obwohl Krächan in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, wird Deutsch als Lautsprache immer eine Fremdsprache für sie bleiben: Krächan ist taub, ihre Muttersprache ist die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS. Die DGS verwendet Handbewegungen, Mimik, Körperhaltung und Mundbewegungen mit einer eigenen Grammatik, die anderen Regeln als die deutsche Laut- und Schriftsprache folgt. Erst im April 2002 hat das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz die Deutsche Gebärdensprache offiziell als eigenständige Sprache anerkannt. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, eine in­ternationale Sprache gibt es nicht. In anderen Ländern wie Neuseeland ist die Ge­bärdensprache auch Amtssprache. Ei­ne Amtssprache wird auch von Behörden und Gerichten als offizielles Kommu­nikationsmittel anerkannt und verwendet. Mit der Anerkennung als eigene Sprache habe sich langsam das Verständnis in Deutschland etabliert, dass Gehörlose Dolmetscher brauchten, sagt Julia Cramer. Sie ist Gebärdensprachdolmetscherin und Leiterin des entsprechenden Studiengangs an der Hochschule Fresenius. Von den Lippen lesen funktioniert nicht richtig Wie viele andere Taube kann Krächan in der Lautsprache sprechen. Manchmal sei das auch nötig in der „hörenden Welt“, sagt sie. Dabei stoße sie nicht selten auf Irritation oder Unverständnis, wa­rum sie sprechen, aber nicht hören könne. „Manchmal gibt es dann auch Diskussionen. Deswegen nehme ich gern einen Dolmetscher mit, um auch ganz deutlich zu zeigen: Ich habe meine Sprache, und die ist anders als die gesprochene Sprache.“ Deswegen passe auch das früher oft benutzte Wort „taubstumm“ nicht, erklärt Krächan. „Erstens können wir sprechen, und zwar in der Gebärdensprache. Sie ist als Sprache da, zwar nicht als Tonsprache, aber wir sind nicht stumm.“ Das „stumm“ stehe für „sich nicht ausdrücken können“, sagt Krächan. „Aber wir können uns ausdrücken.“ Auch gehörlos möchte sie nicht genannt werden, lieber taub. Denn das Wort „gehörlos“ lege den Fokus auf das Negative, darauf, dass etwas fehle, sagt sie. Cramer und andere Dolmetscher verwenden oft beide Wörter. Die 30 Jahre alte Krächan hat sich in ihrer Schulzeit häufig „kommunikationslos“ gefühlt, wie sie sagt. Denn obwohl ihre Schule sich eigentlich auf taube und schwerhörige Menschen eingestellt habe, sei dort im Unterricht nicht richtig gebärdet worden, sondern nur begleitend zur Lautsprache der Lehrer. Für Krächan war das schwierig: „Das waren gar keine richtigen Sätze.“ Außerdem hätten die Lehrer sie oft nicht verstanden, wenn sie im Unterricht etwas gebärdet habe. Viele taube Kinder und Jugendliche kennen das Gefühl, nicht richtig verstanden zu werden: 90 bis 95 Prozent der gehörlosen Kinder haben hörende Eltern, die in der Regel keine Gebärdensprache können. „In früheren Zeiten war es leider lange üblich, nichthörende Kinder nach der sogenannten Deutschen Methode lautsprachlich zu erziehen“, sagt Cramer. Alles sei auf die hörende Kultur ausgerichtet gewesen. „Kinder sollten von den Lippen ablesen, aber das funktioniert einfach nicht.“ Denn die Art und Weise, wie jemand spreche oder ob er ei­nen Bart trage, beeinflusse, wie gut etwas von den Lippen abgelesen werden könne, sagt auch Krächan. Sie bekomme maximal 30 Prozent von dem mit, was jemand sage, wenn sie versuche, von den Lippen abzulesen. „Für Eltern war so der Beziehungsaufbau zu ihren Kindern erschwert, angefangen mit Wärme und Zugewandtheit, weil keine Sprache da war, um diese zu zeigen“, sagt Cramer. Fehlende Kommu­nikationsmöglichkeiten haben schlimmstenfalls sogar zu einer sogenannten Sprachdeprivation geführt, also einer Verzögerung der Sprachentwicklung, die sich auch auf die Entwicklung von Emotionen oder sozialen Kontakten negativ auswirken kann. Betroffenen fällt es un­ter anderem schwerer, ihre Gefühle zu benennen und zu regulieren, oder sie isolieren sich. Gebärdensprache hat eine eigene, andere Grammatik als Lautsprache Krächan ist froh, dass es ihr anders ging. Auch ihre Eltern sind taub, schon als Baby wurde mit ihr gebärdet. Damit gehört sie zu den fünf bis zehn Prozent der tauben Kinder, deren Eltern die gleichen Erfahrungen teilen. Der Deutsche Gehörlosen-Bund geht von etwa 80.000 Gehörlosen und Menschen mit Hörbehinderung in Deutschland aus. Da Hörbehinderungen nicht meldepflichtig sind, vermutet der Verein eine hohe Dunkelziffer. Krächans Eltern haben in ihrer Kindheit nicht nur viel Wert auf eine gemeinsame Sprache gelegt, sondern ihr auch die Lautsprache und deren Schriftsprache nahegelegt. „Von klein auf haben sie mir Bücher zum Lesen gegeben.“ Deshalb sei Lesen für sie mittlerweile kein Problem, außer bei sehr komplizierten Texten, da sei sie manchmal unsicher. Denn die Grammatik der DGS ist anders als die der deutschen Sprache. So steht in einem Text vielleicht: „Der Weihnachtsmann legt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer.“ In der Gebär­den­sprache wird daraus „Wohnzimmer Weihnachtsbaum Weihnachtsmann Geschenke leg-unter“, passend dazu wird die Richtung, in der die Geschenke abgelegt werden, gebärdet. Es wird mit dem ganzen Körper sozusagen eine Szene dar­gestellt. Wenn Krächan etwas schreibt, macht sie deshalb manchmal Grammatikfehler. „Wie zum Beispiel bei Artikeln, die gibt es in der DGS ja nicht“, sagt sie. Nicht alle gehörlosen Menschen kommen so gut mit der Schriftsprache zurecht wie Krächan. Viele sind auf einen Dolmetscher angewiesen, wenn sie etwa of­fizielle Unterlagen für Ämter oder Arzt­besuche lesen müssen, sagt Julia Cramer. Und Dolmetscher zu bekommen, sei nicht immer einfach. Es gebe in Deutschland zu wenige für Menschen mit Hörschädigung, sagt sie. Auch Krächan weiß, wie mühsam es sein kann, Dolmetscher zu finden: Für jede Vor­lesung in der Uni benötige sie mindestens zwei Dolmetscher, für Meetings auf der Arbeit oder eben bei Behördengängen sei ebenfalls ein Dolmetscher nötig. Die Kosten dafür würden übernommen, etwa vom Landeswohlfahrtsverband. Bei nichtoffiziellen Anlässen wie einer Familienfeier muss Krächan die Kosten aber selbst tragen. Dass sie überhaupt studieren oder eine Ausbildung machen konnte, war nicht selbstverständlich. Sie habe einen Eignungstest machen, Beratungsgespräche führen und mit einem Psychologen sprechen müssen, bevor sie ihre Ausbildung habe beginnen können. „Dabei habe ich ganz normales Zentralabitur gemacht und hatte meinen Ausbildungsvertrag schon in der Tasche“, sagt Krächan. Auch für ihr Studium habe sie Anträge stellen und begründen müssen, warum sie studieren wolle. Jedes Semester würden ihre Noten kontrolliert, jedes Semester müsse sie einen neuen Antrag stellen, auch damit die Kosten für die Dolmetscher weiterhin übernommen würden. Das ärgert Krächan, es sei behindertenfeindlich. Hörbehinderte brauchen unterschiedliche Hilfsmittel Sie hofft, dass sich das durch das Bar­rierefreiheitsstärkungsgesetz ändern wird, das im Sommer 2025 in Kraft ge­treten ist. Unter anderem verpflichtet es Unternehmen, bestimmte Produkte wie Handys oder auch Selbstbedienungsterminals wie Ticketautomaten barrierefrei anzubieten. Zwar würden dank des Ge­setzes häufiger Angebote auch in Gebärdensprache gemacht, sagt Cramer. Aber weil Gehörlosigkeit eine „unsichtbare Behinderung“ sei, verstünden noch immer nicht genügend Menschen, dass Taube unterschiedliche Hilfsmittel bräuchten. So könne zum Beispiel eine schwerhörige Person, die mit Lautsprache aufgewachsen ist, gut mit schriftlichen Texten und Untertiteln arbeiten, sagt Cramer. Aber jemand wie Lena Krächan, deren Muttersprache Gebärdensprache ist, benötige eher einen Dolmetscher. Die hörende und die Gemeinschaft der tauben Menschen unterschieden sich in manchen Aspekten, meint Julia Cramer. „Weil beide im gleichen übergeordneten Kulturraum leben und es so viele Gemeinsamkeiten gibt, ist das manchmal kaum zu erkennen.“ Kulturell würden einige Dinge aber unterschiedlich gehandhabt, wie etwa das simple Beschaffen von Informationen. „In der Taubengemeinschaft werden Informationen oft eher aus Gesprächen mit anderen Personen gewonnen, während für die hörende Kultur in der Informationsbeschaffung Lesen ei­ne wichtigere Rolle spielt.“ Das Aufwachsen mit Barrieren über den gesamten Lebensweg sei für Hörgeschädigte eine prägende Erfahrung. „Wir Tauben werden im Alltag oft vergessen“, besonders bei kulturellen Angeboten, sagt Krächan. Sie habe keine Lust, die hörende Gemeinschaft immer wieder daran zu „erinnern“, auch Angebote für sie zu machen. Sie wünscht sich, dass „einfach mehr selbstverständlich Dolmetscher bei Angeboten dabei sind und wir uns auch aussuchen können, in welches Theaterstück wir gehen wollen“, sagt sie. „Wir brauchen schon so viel Energie für Behörden, Anträge, Dolmetscher und so weiter, ich würde mir wünschen, dass die Leute von selbst an uns denken.“ Manche solcher Menschen gibt es schon, wie etwa Julia Cramer und auch die Frankfurter Schauspielerin Kathrin Enders. Sie ist ebenfalls Gebärdensprachdolmetscherin und hatte vor ihrer Ausbildung keinen Kontakt zur Gehörlosen­gemeinschaft. Das sei eher unüblich, sagt Cramer. Viele ihrer Studenten haben schon einen Bezug zur Gebärdensprache, etwa weil sie sogenannte CODAs – Children of deaf adults – sind, also hörende Kinder tauber Eltern. Enders ist über die Rolle einer stummen Frau zur Gebärdensprache gekommen: Weil sie unbedingt etwas „Richtiges“ gebärden wollte, informierte sie sich über die Sprache. Ein Jahr nachdem ihr Engagement für die Rolle geendet hatte, machte sie einen Sprachkurs, vier Jahre später war sie ausgebildete Gebärdensprachdolmetscherin. „Für mich hat sich dadurch eine Welt aufgetan“, sagt Enders. Nicht nur eine andere Kultur habe sie kennengelernt, sondern auch offen zu sein für Menschen und ihre Lebenslagen. Manchmal lerne sie ihre Kunden beispielsweise erst im Wartezimmer beim Arzt kennen. Aber Enders hat auch gelernt, wie viele Barrieren es für Hörgeschädigte gibt. „Es ist schon krass, sich das bewusst zu machen, angefangen beim Notfallknopf in einem Aufzug.“ Wie solle jemand, der die Stimme am anderen Ende der Leitung nicht hören könne oder nicht lautsprachlich antworten könne, seine Lage schildern und Anweisungen befolgen? Umso „toller“ sei es, dass sie selbst dabei helfen könne, Barrieren abzubauen. Sie übernehme deshalb auch Dolmetscheraufträge, die nicht bezahlt seien, wie etwa bei einer Familienfeier oder einer Beratung für das Bankkonto. Enders sieht sich selbst und auch die anderen Dolmetscher „ein bisschen als Ally der Gehör­losen“. Noch immer bekomme sie manchmal Diskussionen auf Ämtern darüber mit, ob die DGS eine eigene Sprache sei, und trete dann für die hörgeschädigten Menschen ein. Außerdem könne sie eine Brücke zwischen den Kulturen schaffen. Auch Krächan arbeitet daran, Barrieren abzubauen. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Gehörlosen- und Schwerhörigen-Stadtverband Frankfurt und gibt regelmäßig Gebärdensprachkurse für Hö­rende. Vielleicht muss sie bald nicht mehr mit der Notizen-App in ihrem Handy ei­nen Iced Matcha Latte bestellen, sondern kann das in ihrer Muttersprache tun, der Deutschen Gebärdensprache.