In der Rede des Bundeskanzlers bei der internationalen Münchner Sicherheitskonferenz war erstaunlich viel von deutscher Geschichte die Rede. Nicht nur Geografie und Grundgesetz würden die neue deutsche Außen- und Sicherheitspolitik prägen, so Merz, sondern auch und gerade „unsere Geschichte“. Was soll das bedeuten? Deutschlands neuer Führungsanspruch in Europa erwachse aus einer Verantwortung für die Freiheit, die sich aus der deutschen Geschichte ergebe, sagte der Kanzler und zitierte als Kronzeugen den polnischen Außenminister Sikorski mit seinem denkwürdigen Satz: „Ich fürchte deutsche Macht weniger als deutsche Untätigkeit.“ Ein Satz, den der Bundeskanzler sich nun zu eigen macht und damit den nationalen Gedanken aus dem Zwielicht des Revanchismus ins Zentrum der gegenwärtigen Tagespolitik zurückholt. Deutschland sei auf dem Weg zur europäischen Führungsmacht, so Merz, statt moralischer Weltanklage zeige es nun militärische Stärke, sei die Wiederaufrüstung in vollem Gange, werde die Bundeswehr „zur stärksten konventionellen Armee Europas“. Auch die Jahreszahl 1945 kam in der Rede von Merz an unterschiedlicher Stelle vor. Als altbekannte Chiffre für Deutschlands Anti-Autoritarismus, aus der Merz nun allerdings auch eine andere Lehre zieht: „Nicht nur zu viel staatliche Macht zerstört das Fundament unserer Freiheit. Zu wenig staatliche Macht führt auf anderem Weg zum selben Ergebnis.“ Das ist eine folgenreiche Bemerkung, läuft sie am Ende doch auf eine Renaissance nationalen Souveränitätsdenkens hinaus. Eines Denkens, das hierzulande wegen der totalitären Inbesitznahme von Staatlichkeit durch die NS-Diktatur bis eben in Verruf geraten war, das sich jetzt aber, im Angesicht neuer, anti-institutioneller Feindschaften, wieder besser anhört. Die Angst vor „zu wenig Macht“ jedenfalls ist größer geworden in diesem Land. Schlägt nun also wieder seine nationale Stunde? Und findet sich dabei auch „unsere Geschichte“ wieder neu? Wie erinnern wir diese Nacht? Am selben Tag, an dem in München im edlen Hotel die Scheinwerfer leuchten, läuten in Dresden die Glocken. Sie erinnern an jene verheerende Bombennacht am 13. Februar 1945, in der etwa 25.000 Einwohner durch britisch-amerikanische Luftangriffe zu Tode kamen. Es ist seit jeher eine der heiklen Fragen unserer Geschichte: Wie erinnern wir diese Nacht? Als Terror an einer unschuldigen Zivilbevölkerung oder als kriegslogisch zwingende Maßnahme zum Brechen der deutschen Kampfbereitschaft mit dem Nebeneffekt der Bestrafung deutscher Schuld? In Dresdens Erinnerung an den 13. Februar spiegeln sich Praxis und Selbstbewusstsein unseres kollektiven Gedächtnisses. Während das Datum in DDR-Zeiten einerseits zur Abgrenzung von den Westmächten und andererseits zum oppositionellen Protest gegen Militarismus und staatliche Geschichtspolitik genutzt wurde, verband man es nach der Wende mit einer Reflexion über Schuld und Versöhnung auch und gerade im europäischen Zusammenhang. Die wieder in Stand gesetzte Frauenkirche lenkte den Blick dann auf Wiederaufbau und Friedenswunsch und stilisierte das „säkularprotestantische Ritual“ des Kerzenanzündens zum Inbegriff des unkonkreten Erinnerns. Seit den 2000er Jahren wandelte sich das Datum in Reaktion auf neonazistische Instrumentalisierungsversuche zur Chiffre eines Widerstreits zwischen martialisch lautem und würdevoll stillem Erinnern, das seit 2010 im Bild der Menschenkette seinen ikonographischen Ausdruck findet. Traurig-gefasste Würde Stille wird auch beim traditionellen Gedenkkonzert in der Dresdner Semperoper vorgeschrieben. Dem Programmheft liegt ein Zettel bei, auf dem in pietätvoller Knappheit steht: „Auf Beifall wird verzichtet, die Aufführungen enden in einer Schweigeminute.“ Nicht alle lesen den Hinweis wohl und so bricht nach dem ersten Programmteil, einer eindrucksvollen Darbietung von Igor Strawinskys liturgisch reduzierter Messvertonung „Mass“, doch Applaus aus. Aber Chefdirigent Daniele Gatti braucht beim Abgehen nur einen kurzen, strengen Blick in den Rang zu werfen und das Klatschen verstummt. Er verleiht diesem Konzertabend mit seinem ernsten Auftreten eine traurig-gefasste Würde. Nach Strawinsky kommt Bruckner. Die drei, „dem lieben Gott“ gewidmeten Sätze seiner unvollendeten 9. Sinfonie erklingen. Und füllen den Raum des Opernhauses mit einem unermesslichen Beisammen von Donnerschlägen und Erlösungshoffnung. Es ist, als würde die Musik den Anwesenden immer wieder die Frage stellen: „Was ist hier durchlitten worden?“ Mit geschlossenen Augen und fest aufeinandergepressten Lippen, mitunter plötzlich laut ausrufend, dirigiert Gatti dieses Werk als Schicksalsmusik für eine Stadt, die immer noch vor der Frage steht: Welche Worte, welche Rituale des Erinnerns sind angemessen, heute, mehr als achtzig Jahre danach? Als das Adagio endet, das Leben nach großem Aufbegehren in leiser Innigkeit Abschied nimmt und Stille einkehrt, erheben sich die Dresdner zur Schweigeminute. Ernst stehen sie da, mit geschlossenen Augen – und nur von ganz oben hört man auf einmal ein leises Schluchzen. Das sind jetzt vielleicht die letzten Male, dass Menschen hier um ihre Eltern trauern, die in jener Bombennacht ums Leben gekommen sind – auch das bedeutet einen Wendepunkt in der deutschen Erinnerungskultur. Dass die Zeugen einer Zeit sterben, die wir Nachgeborenen uns nicht mehr vorstellen können, ist nicht nur ein pädagogisches Problem. Das hat auch einen Effekt auf den Begriff von Geschichte, den eine Nation – oder im Wortlaut des Kanzlers: ein Staat – braucht, um gegenwärtige Handlungen und Wandlungen metapolitisch zu begründen. Deshalb liegt an diesem Abend auch die Frage in der Luft: „Was bedeutet deutsche Geschichte jetzt?“ Stoppt das Gedenken! Auf dem Dresdner Altmarkt, vor dem Kulturpalast, findet die Reaktion darauf in den alten, erstarrten Formationen statt. Von viel Polizei beobachtet und durch Absperrgitter voneinander getrennt wie gefährliche Zootiere, demonstrieren da versprengte Antifaschisten neben einem rechten Kerzenanzünder. Die einen schauen sich ostentativ eine Dokumentation über NS-Verbrecher in Dresden an, nutzen das Erinnerungsdatum also, um die deutsche Täterschaft in Erinnerung zu rufen und damit implizit auch das zu fordern, was anderswo in der Stadt von linksextremen Aktivisten in die Stille hinein gebrüllt wird: „Stoppt das Gedenken“. Der andere, ein Mann im martialisch schwarzen Ledermantel mit „Ordner“-Armbinde, hat dort Kerzen aufgestellt, wo nach der Bombennacht Leichenberge verbrannt wurden. Bereitwillig gibt er Auskunft über seine Sicht, will Beweisfotos zeigen, wettert gegen die Linken. Er gehört einem rechtsgerichteten Bürgerverein aus Heidenau an, der gegen zügellose Zuwanderung, Windkrafträder und Corona-Maßnahmen protestiert. Und eben einmal im Jahr elektrische Kerzen aufstellt, um an die Toten der Dresdner Bombennacht zu erinnern – kurz beschleicht einen das Gefühl, dass das auch nur ein Vorwand sein könnte, um sich im schwarzen Ledermantel mit Armbinde zu zeigen. Jedenfalls ist neben dem Mann nur noch eine einzige Dame im Rollstuhl anwesend, ansonsten gähnende Leere. Der Demonstrations-Käfig daneben ist gänzlich verwaist. Zur skurrilen Stimmung trägt auch bei, dass das Alles vor einem geschlossenen Wintermarkt mit Eisbahn und Glühweinständen stattfindet, stilisierte Winterlandschaften und ein blau erleuchtetes Riesenrad prägen das Bild. Und dadurch bekommen auch die Demonstrationen davor eine stilisierte Aura, „Erinnerungstheater“, hier passt der Begriff vielleicht wirklich. Schräg gegenüber in der Kreuzkirche findet zeitgleich ein ökumenischer Friedensgottesdienst statt. Eine Gruppe von Jugendlichen verliest unter dem Altar gerade die Fürbitten: „Vater, vergib den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott“. Womöglich können neben der Musik vor allem die Kirchen der verunsicherten Erinnerungskultur in diesem Land jetzt am besten Rückhalt geben – hier, wo man in der Leidenserinnerung ohne Zeitzeugen geübt ist, kann sich das kollektive Gedächtnis neu schulen. Die Dauer neu lernen. Die Dresdner Kirchen stellen in dieser Erinnerungsnacht jedenfalls eine Autorität dar, die von allen akzeptiert wird. Als kurz vor zehn noch einmal die Glocken läuten, halten die Menschen inne, bleiben stehen und schauen fragend in den dunklen Winterhimmel. Die Stille, das Schluchzen, die Kerzen, die Erinnerung als rechter Vorwand und die linken Proteste dagegen – all das ist noch da, aber was kommt jetzt? Die neue nationale Stunde, die der Kanzler am anderen Ende des Landes ausgerufen hat, braucht auch eine neue Schule des Erinnerns. Es ist, als ob die Republik auch in dieser Hinsicht vor einer Bewährungsprobe stehen könnte.
