FAZ 14.02.2026
09:57 Uhr

Deutsche Crew beim SailGP: „Vielleicht war Australien ein Weckruf für uns“


Neue Impulse, namhafte Investoren: Nach dem leicht chaotischen Start in die SailGP-Saison hat die deutsche Segelcrew Großes vor. Der Geschäftsführer verrät die Strategie, die zum Erfolg führen soll.

Deutsche Crew beim SailGP: „Vielleicht war Australien ein Weckruf für uns“

Sie fliegen wieder über das Wasser: atemraubend schnell und spektakulär dicht aneinander sowie an den am Ufer staunenden Fans vorbei. Mit bis zu 50 Knoten (etwa 100 Kilometer in der Stunde) auf komplett baugleichen F50-Katamaranen und mit Crews, die gespickt sind mit den besten Seglern, den vielversprechendsten Talenten und den größten – mit Olympiasiegen, Weltmeistertiteln und America’s-Cup-Erfolgen dekorierten – Stars der Szene. An diesem Wochenende steht in Auckland in Neuseeland vor etwa 30.000 Zuschauern das zweite von insgesamt 13 – in diesem Jahr vorrangig in Ozeanien, Nordamerika und Europa stattfindenden – Rennen der SailGP an. An der 2018 von Unternehmer Larry Ellison und Segellegende Russell Coutts gegründeten Regattaserie nehmen mittlerweile 13 Teams teil, die von Geschäftsführer Tim Kriegl­stein gemanagte deutsche SailGP-Crew um Teamkapitän und Steuermann Erik Kosegarten-Heil und Strategin Anna Barth befindet sich in ihrer dritten Saison. „Wir sind hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben“ Beim leicht chaotischen SailGP-Saisonstart mit stürmischem Wetter und einigen Kollisionen Mitte Januar im australischen Perth erreichten die deutschen Segler nur den neunten Platz. Und dabei profitierte Team Germany sogar noch vom zwischenzeitlichen Ausfall der Schweizer und der kompletten schadensbedingten Aufgabe der Neuseeländer mit Superstar Peter Burling am Steuerrad. „In Perth sind wir hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben“, sagt Krieglstein im Gespräch mit der F.A.Z. Vor allem bei den einzelnen Starts und der generellen Kommunikation an Bord gebe es deutlichen Verbesserungsbedarf. „Vielleicht war Australien ein Weckruf für uns: Nur weil es am Ende der letzten Saison gut für uns lief, heißt es nicht, dass es automatisch so weitergeht. Die anderen Teams verbessern sich auch, und das Niveau der Liga steigt ständig“, sagt Krieglstein. Als erklärtes Saisonziel haben die Deutschen die obere Hälfte des Gesamtklassements ausgegeben – also mindestens den sechsten Rang. 2025 wurde Team Germany am Ende Neunter, und der erhoffte Sprung nach oben im Klassement dürfte auch in diesem Jahr alles andere als einfach werden. „In der SailGP-Szene ist ein umkämpfter Transfermarkt um die besten Segler entstanden. Andere Teams kaufen teilweise eine sehr erfahrene Crew zusammen. Das ist zulässig, aber auch schade, denn der Nationenwettkampf und die Identität mit dem Team rücken so in den Hintergrund“, sagt Krieglstein. Und welche Strategie soll den Deutschen Erfolg bringen? „Wir setzen auf Talent und Potential und wollen den Seglern in unserem Team eine langfristige Per­spektive bieten.“ Helfen soll zudem schon bald deutlich mehr Zeit zum gemeinsamen Training. „Ich denke, dass sich dadurch einiges ändern wird“ Weil die SailGP-Organisatoren auf ein nachhaltiges Finanzierungs- und Logistikkonzept setzen, gehören die im englischen Southampton gebauten, ­gewarteten und modernisierten Yachten allesamt der Liga, die sich um die komplette Organisation kümmert und so den (Zeit-)Aufwand in den einzelnen Austragungsorten auf einem notwendigen Minimum halten will. Was in der Vergangenheit aber zulasten möglicher intensiver Übungstage für die Teams ging. Ab dem Sommer wollen die SailGP-Organisatoren den Teams ein allgemeines Trainingsboot zur Verfügung stellen, auf dem die einzelnen Crews dann bis zu zehn Tage am Stück trainieren und sich die jeweiligen F50-Erfahrungen angleichen können. „Ich denke, dass sich dadurch in den nächsten acht bis 24 Monaten einiges ändern wird“, sagt Krieglstein. Neue Impulse erhofft sich das deutsche Team auch von den mittlerweile zahlreichen namhaften Investoren. Neben den Teambesitzern Thomas Riedel und dem früheren Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel sind unter anderem auch der Gründer der E-Gaming-Liga ESL, Ralf Reichert, und der Initiator des Wacken-Festivals, Holger Hübner, seit geraumer Zeit als Ko-Investoren beim Team Germany an Bord. Neu hinzugekommen sind zum Start der neuen Saison nun der international bekannte und weltweit tätige Sportinvestor David Blitzer, der Mitbegründer der chinesischen Alibaba Group Joe Tsai sowie der Familienunternehmer Max Viessmann. „SailGP hat sich zu einem Ligensystem mit klarer wirtschaftlicher Struktur entwickelt“, sagt Krieglstein. „Für uns ist so ein Heimrennen ex­trem wichtig“ Hätte das deutsche Team seine Lizenz vor einigen Jahren noch für etwa 20 Millionen Euro kaufen können, würden die Lizenzen für Teams, die noch in die Liga aufgenommen werden wollen, derzeit für mehr als 60 Millionen Euro gehandelt. „Um bei SailGP langfristig erfolgreich zu sein, müssen wir versuchen, die Grenzen des Sports aufzubrechen und Impulse von außen reinzuholen.“ Dafür seien nun einige „herausragende Akteure“ gewonnen worden, die Zugänge zum Beispiel nach Asien öffnen können, aber auch innerhalb von Deutschland „wichtige Signale“ senden sollen – zum Beispiel beim Erhalt von Sassnitz auf Rügen als SailGP-Austragungsort über das Jahr 2027 hinaus. „Für uns als Team ist so ein Heimrennen ex­trem wichtig. Das hat uns im vergangenen Jahr einen extremen Boost gegeben“, sagt Krieglstein. „Ökonomisch gesehen hat das Event in Sassnitz noch Potential, da sind wir aktuell dabei, eine langfristige Perspektive zu entwickeln.“ Dass SailGP – trotz der wirtschaftlichen Entwicklung – schon bald dem altehrwürdigen und traditionsreichen America’s Cup den Rang als größter und wichtigster Segelwettbewerb ablaufen wird, glaubt Krieglstein indes nicht. „SailGP ist ein spektakuläres Grand-Prix-Format mit identischen Booten und Fokus auf die Crew-Performance. Der America’s Cup wird deutlich seltener ausgetragen und ist ein traditionsreicher Team-gegen-Team-Wettbewerb. Das ist, als würde man im Fußball die Champions League mit der Weltmeisterschaft vergleichen“, sagt der Team-Germany-CEO. Dennoch würde er sich wünschen, dass sich die Cup-Organisatoren bei ihren Modernisierungsambitionen – regelmäßigere Ausrichtung, wiederverwendbare Boote, spannendere Rennen – wieder auf die Alleinstellungsmerkmale eines der ältesten Wettbewerbe der Welt konzentrieren würden. „Dann ergänzen sich beide Formate ziemlich gut“, meint Krieglstein. Und SailGP bliebe seiner Meinung nach der spektakulärste Segelwettbewerb der Welt.