Der Wettlauf gegen die Uhr ist das tägliche Brot einer Ausdauersportlerin, doch die besten deutschen Biathletinnen geraten derzeit nicht nur im Wettkampf unter Zeitdruck. Am 8. Februar steht das erste Biathlon-Rennen der Olympischen Winterspiele in Antholz an. Noch knapp drei Wochen bleiben Weltmeisterin Franziska Preuß, um die gewohnte Sicherheit im Stehendschießen zurückzugewinnen. Dass sie am Mittwoch in der Frauen-Staffel beim Weltcup in ihrer Heimat Ruhpolding trotz dreier Nachladepatronen eine Strafrunde laufen musste, frustrierte und beunruhigte sie zugleich. Für Selina Grotian ist die Lage prekärer: Der Einundzwanzigjährigen fehlt noch die nationale Olympia-Norm. Dafür müsste sie sich in einem Weltcup-Einzelrennen entweder einmal unter den Top acht platzieren oder es zweimal in die Top 15 schaffen. „Klar merkt man ihr das an“ Am kommenden Dienstag will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bekannt geben, welche Athletinnen und Athleten die Bundesrepublik bei den Spielen in Norditalien repräsentieren dürfen. Das heißt in der Theorie: Selina Grotian müsste die Norm an diesem Wochenende in Ruhpolding erfüllen. Zwei Chancen bleiben ihr dafür noch, der Sprint an diesem Freitag (14.30 Uhr) sowie die Verfolgung am Sonntag (12.30 Uhr/ jeweils ZDF und Eurosport). Die Verantwortlichen beim Deutschen Skiverband (DSV) glauben an sie, doch in einer solchen Drucksituation war Selina Grotian, die sich selbst eher als Tiefstaplerin bezeichnet, in ihrer Laufbahn noch nicht. „Klar merkt man ihr das an“, sagt DSV-Sportdirektor Felix Bitterling, „sie ist ein junger Mensch. Sie hat einen Anspruch an sich selbst und will zeigen, dass sie es kann.“ Grotian gilt als eines der größten Talente im deutschen Biathlon. Die Bayerin war schon Europameisterin und Juniorinnen-Weltmeisterin. Vor knapp einem Jahr siegte sie erstmals in einem Einzel-Weltcuprennen und schloss die Saison als zweitbeste Deutsche auf Platz neun der Gesamtwertung ab. Doch die Olympia-Saison begann schleppend für sie, schon beim Auftakt in Schweden im November bahnte sich ein Infekt an, der ihrem Körper so zusetzte, dass sie die weiteren Weltcups vor Weihnachten aussetzen musste. Ihre Rückkehr in Oberhof nach dem Jahreswechsel fühlte sich deshalb für sie „wie ein Neustart“ an. Doch die alte Sicherheit am Schießstand fehlte – Platz 30 im Sprint und 23 in der Verfolgung lauteten ihre Resultate, dazu ein dritter Rang mit dem Frauen-Quartett – obwohl sie eine Strafrunde schoss. Eigentlich ist Grotian regelmäßig Mitglied der deutschen Staffel, doch in Ruhpolding fehlte sie am Mittwoch. Man habe vor den Winterspielen „noch ein paar Dinge ausprobieren“ wollen, sagte Bitterling. Vanessa Voigt kehrte zurück auf die Position der Startläuferin und erfüllte diese Aufgabe ohne Fehler. Mit Blick auf Grotian sagte Bitterling aber auch, „dass es Selina guttut im Moment, dass sie diesen Staffel-Stress jetzt mal nicht hat und sich auf ihre zwei Rennen fokussieren kann.“ Sollte es in Ruhpolding mit der Norm abermals nicht klappen, braucht der DSV gute Argumente, um den DOSB von einer Nominierung zu überzeugen. Das gilt nicht nur für Grotian. Auch einigen deutschen Biathleten fehlt die Norm noch. Fünf Quotenplätze hat der DSV in Antholz, bisher haben aber nur Philipp Horn, Philipp Nawrath und Justus Strelow ihr Soll erfüllt. Immerhin gelang dem deutschen Männer-Quartett mit Platz drei in der Staffel am Donnerstag ein guter Start in Ruhpolding. Preuß fährt nicht mit ins Höhentrainingslager Bei den Frauen gibt es sechs Plätze, außer Franziska Preuß und Vanessa Voigt haben Julia Tannheimer, Janina Hettich-Walz und Anna Weidel die Norm abgehakt. Ein Hintertürchen ist noch offen: Im tschechischen Nove Mesto gibt es in der kommenden Woche einen letzten Weltcup vor Beginn der Winterspiele. Dort wollte der DSV allerdings nicht mehr in voller Mannschaftsstärke antreten. Denn der Olympia-Schauplatz Antholz liegt auf etwa 1600 Metern über dem Meeresspiegel. Um sich auf die Höhe vorzubereiten, beginnt das finale Trainingslager der Deutschen am 26. Januar in Obertilliach, unweit des Antholzer Tals – für alle, die nicht mehr in Nove Mesto starten. „Wir wollen nach Ruhpolding einen Strich machen und in die Höhe gehen“, sagt Felix Bitterling, „heißt auch, dass alles, was in Nove Mesto passiert, alles noch ein bisschen komplizierter macht.“ Für Franziska Preuß hingegen stand schon vor ihrer Staffel-Havarie fest, dass sie die Reise in die Tschechische Republik antreten würde. Sie meidet Höhentrainingslager, weil ihr Körper in der Vergangenheit nicht gut damit zurechtkam. Stattdessen wolle sie die Einzelrennen in Nove Mesto laufen, „um im Rhythmus zu bleiben. Ich bin heiß darauf, Rennen zu laufen und mir da die Form zu holen“, sagte sie Anfang des Jahres. Das bezog sie darauf, „läuferisch noch nicht bei 100 Prozent“ zu sein. Nun kommt mit dem Stehendschießen eine weitere Baustelle hinzu. Das Treffen unter Druck zeichnete sie in der vergangenen Saison aus und führte sie bis zum Gewinn des Gesamtweltcups. In der Staffel von Ruhpolding lag sie bis zum finalen Schießen gut im Rennen, hätte ihr Quartett mit einem fehlerfreien Stehendanschlag aufs Podium bringen können. Das war ihr schon vor einer Woche in Oberhof in ähnlicher Situation nur unter Schwierigkeiten gelungen. Dort hatte sie mit drei Nachladepatronen noch alle fünf Scheiben getroffen – in Ruhpolding erreichten auch die Extraschüsse nicht das Ziel, sie beendete das Rennen als Sechste. Momentan, sagt Preuß, fühle sich die Ersatzmunition für sie wie ein „Gegner“ an: „Sobald ich weiß, ich muss nachladen, entsteht so ein Tonus in meinem Körper und ich kann das nicht ablegen. Dann wackelt es nur noch und man steht ein bisschen hilflos da.“ Die Einunddreißigjährige hat nun die schwierige Aufgabe vor sich, ihre innere Ruhe wiederzufinden. Sie setzt dabei auf Wettkampf-Routine, die sie in den noch ausstehenden Rennen erreichen will: „Das ist das Gute am Biathlon, die neuen Chancen stehen schon bevor.“
