Täuschend echt sehen die Studentenausweise von J. R. R. Tolkien, Stephen Hawking, Oscar Wilde und Charles Lutwidge Dodgson, auch bekannt als Lewis Carroll, mit den Schwarz-Weiß-Fotos der Studenten und ihren Unterschriften aus. Tatsächlich sind es aber die Magnetkarten, die als Zimmerschlüssel fungieren. Der dezente Rezeptionstresen vor dunkler Holztäfelung verstärkt den Eindruck, dies sei Oxford oder vielleicht auch Hogwarts. Dazu tragen auch die zwanzig handgearbeiteten Flaggen im Stil von Universitätswappen bei, die über der Rezeption im Atrium schweben. „Die Welt kennt keinen Ort wie Oxford“, sagte der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne verzückt, „man möchte darüber verzweifeln, ihn zu sehen und dann verlassen zu müssen, denn es bräuchte ein Leben und mehr, ihn zu verstehen und ganz auszukosten.“ John Keats war sicher, dass Oxford die schönste Stadt der Welt sei. James I. sagte lange vor ihm, wäre es ihm nicht bestimmt gewesen, König zu sein, wäre er gerne ein Oxford-Mann geworden. Sie alle hatten recht. Den Missstand, dass nur wenige hier ihr Leben verbringen dürfen, versucht das Hotel The Randolph, gegenüber vom Ashmolean Museum und nur wenige Minuten von den Colleges St. John’s, Balliol und Trinity gelegen, zu mildern. Denn es gibt einem mit seinem der Universität gewidmeten Design die Illusion, man befände sich in einem der 36 Colleges. Und dazu in einem, in dem man bleiben darf, solange das Geld reicht. Das im Stil der viktorianischen Neogotik erbaute Traditionshaus eröffnete 1866 und wurde selbst ein Teil des Mythos Oxford. Evelyn Waugh, Alumnus des Hertford College, verewigte es in seinem Roman „Wiedersehen mit Brideshead“. Eltern zahlloser Studenten logierten hier, dazu Gastprofessoren und Prominenz von Edward VII. bis zu US-Präsident Jimmy Carter. Seinen Namen erhielt das Hotel anderslautenden Gerüchten zum Trotz nicht von Lord Randolph Spencer-Churchill, Vater Winstons und Ehemaliger des Merton College, der als jüngerer Sohn des siebten Herzogs von Marlborough geboren wurde. Vielmehr verdankt es ihn dem weniger glamourösen, aber großzügigen Dr. Francis Randolph. Er war Mitte des 18. Jahrhunderts Leiter des Colleges St. Alban Hall und hinterließ der Universität 1796 Geld für ein Kunstmuseum. Es wurde später Teil des Ashmolean Museum, das den Mäzen mit der Randolph Sculpture Gallery in Ehren hält. Beim Flambieren eines Steaks kam es 2015 zu einem Brand, der den denkmalgeschützten Bau stark beschädigte. Das Haus drohte seine Strahlkraft zu verlieren, bis ein Inhaberwechsel 2019 seine Geschicke zum Guten wandte. Die amerikanische Gruppe Graduate, die Hotels vor allem in amerikanischen Universitätsstädten betreibt und 2024 von Hilton übernommen wurde, kaufte das Haus und unterzog es einer umfassenden Renovierung. Das traditionelle Flair blieb mit gestreiften und floralen Tapeten, dicken Teppichen und üppigen Holztäfelungen erhalten. Zugleich erhielt das Haus knallige Farbakzente und ein Design, das sich zur Universität bekannte. Das Ergebnis war ein exzentrischer englischer Maximalismus, der 2022 der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Das Art-déco-inspirierte Design des mit Lüstern, schwarz-weißem Mosaikboden sowie Ledersofas und -sesseln in Pink und Grün ausgestatteten Restaurants „The Alice Brasserie“ führt tatsächlich in das phantastische Wunderland des Schriftstellers Lewis Carroll. Der Schöpfer von „Alice im Wunderland“ lehrte am Christchurch College, traditionell die studentische Heimat des englischen Adels, Mathematik. Elf großformatige, von der Künstlerin Amy Wiggin geschaffene Bilder mit Szenen aus „Alice im Wunderland“ und ein raumhohes Buntglasfenster schaffen geradezu eine märchenhafte Atmosphäre. Die Speisekarte dominieren zeitgenössisch interpretierte englische Klassiker: vom Frühstück mit Eiern und Speck über Afternoon Tea mit einem Gläschen Sparkling bis zum Dinner mit Filet vom Rind aus der Grafschaft Hertfordshire. In der holzgetäfelten „Morse Bar“ mit Kamin, Treffpunkt von Universitätspersonal, Politikern und gelegentlich Schauspielern, fühlte sich Colin Dexter einst so wohl, dass er einige seiner Inspector-Morse-Romane hier schrieb. Die Bar blieb als einziger Teil des Hause bei der Renovierung fast unverändert. Der 2017 verstorbene Dexter studierte in Cambridge, war später als Hochschullehrer in Oxford tätig und begann während eines verregneten Urlaubs in Wales mit dem Schreiben von Krimis. Die Bar, in der ebenso wie in anderen Bereichen des Hauses Szenen der Morse-Fernsehserie gedreht wurden, ist dem Autor und seinem Protagonisten gewidmet und trägt schon seit über zwanzig Jahren seinen Namen. Wie der farbenfrohe Drawing Room mit großen Fenstern, Flügel und Sitzgruppen und die kuschelige, sparsam beleuchtete Bar „The Snug“ steht auch die Morse-Bar Gästen von außerhalb offen. Ohnehin bildet Aufgeschlossenheit ein geistiges Fundament des Hotels. So begrüßt ein Schild am Eingang ausdrücklich Angehörige aller Nationen, Ethnien, Religionen, Geschlechter, politischer und sexueller Orientierungen. Womöglich bedarf das im zunehmend reaktionären Klima des Mutterlandes der Erinnerung. Der Zusatz „We are all students of life“ führt zum Motto von Graduate – und dem Leitmotiv des Randolph. Aufgrund der langen Geschichte des Gebäudes und der Umbauten, die es im Laufe der Zeit erfuhr, ist nicht jedes der 151 Zimmer einfach zu finden. Jenseits des offenen Treppenhauses führen Flure um immer neue Ecken, es geht Treppen hinauf und hinab. Die Zimmer selbst sind unterschiedlich groß, aber alle ähnlich gestaltet. Sie verfügen über opulente blau-weiße Blütentapeten, Ledersessel, Nachttischlampen mit einem Wunderland-Hasen oder Alice selbst als Fuß, ein Porträt von Oxford-Abbrecher Oscar Wilde über dem Bett, schwarz-weiß geflieste Bäder und einen Sekretär. Auf ihm steht das Telefon: ein großer schwarzer Apparat mit Wählscheibe, Hörer und langer Schnur. Informationen unter www.hilton.com/en/hotels/lonrdgu-graduate-oxford-uk. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet ab 280 britische Pfund.
