FAZ 25.11.2025
06:36 Uhr

Der perfekte Lippenstift: Die Suche nach meinem verlorenen Pink


Nach Jahrzehnten des Glücks hat Yves Saint Laurent den Lieblingslippenstift unserer Autorin aus dem Sortiment genommen. Sie sucht verzweifelt nach einer Alternative – und bekommt ein überraschendes Angebot.

Der perfekte Lippenstift: Die Suche nach meinem verlorenen Pink

Er war meine große Liebe. Berührte meine Lippen, begleitete meinen Morgen, meinen Abend, ging manchmal mit mir ins Bett. Und dann, plötzlich, verließ er mich. Was wie die schiefgelaufene Liebesgeschichte mit einem Mann klingt, ist meine Passion für einen Lippenstift. Ja, so war es: Nach Jahrzehnten inniger Verbindung wurde mein fuchsiafarbener Lippenstift von Yves Saint Laurent mit der Nummer 19 plötzlich aus dem Sortiment genommen. Das satte, erotische Pink in seiner goldfarbenen viereckigen Hülse war auf einmal nicht mehr zu kaufen. Als meine Farbe mich verließ Es klingt vielleicht wie das Jaulen einer Drama Queen, aber ich verspürte mehr als echten Kummer. Das war einfach meine Farbe, ich hatte meinen ganzen Kleiderschrank über Jahre hinweg auf dieses Pink abgestimmt. Trug ihn auf einem meterhohen Porträtbild für meinen Mann auf den Lippen, sodass meine Nachfahren mich als Pink Lady an der Wand wahrnehmen würden. Ich war dieses Pink, voller Elan und Lebensfreude. Und so suchte ich wochenlang in Parfümerien, auf offiziellen und inoffiziellen Onlinekanälen nach Restposten, die ich für den Rest meines Lebens sorgsam hüten wollte. Als ich keine Reststifte mehr fand, schrieb ich für das Ressort Leben in der Sonntagszeitung einen Text über meine erfolglose Recherche. Ich war offenbar nicht allein. Auf den Artikel meldeten sich Leserinnen bei mir, die Nummer 19 von Yves Saint Laurent ebenfalls vermissten und herzzerreißende Erinnerungen an ihn knüpften. Drei Leserinnen machten sich sogar die Mühe, mir ihre in heimischen Schubladen schlummernden pinkfarbenen Stifte mit Restfarbe zu schicken. Eine Frau legte eine kleine Yves-Saint-Laurent-Lacktasche dazu, die ich seitdem als Abend-Clutch trage. Wenn ich in Berlin auf Partys ging und ausnahmsweise einen Rest meines YSL-Pinks trug, sprachen mich Frauen an und sagten: „Ah, ich habe Ihren Text gelesen! Sie tragen heute das verlorene Pink!“ Im Sommer 2025 wurde ich zur Markenbotschafterin eines verschwundenen Fuchsias. Dann meldete sich die Pressechefin des deutschen Stifteherstellers Faber-Castell, Sandra Suppa, mit der Frage: „Wissen Sie eigentlich, dass wir auch Lippenstifte herstellen, für die großen Kosmetikhersteller?“ Wusste ich nicht. Die superteuren, normalteuren und günstigen Kosmetikmarken kommunizieren in der Regel nicht, dass sie ihre Stifte in Stein, südlich von Nürnberg, entwickeln lassen. Aber wenn man recht überlegt: Auf Papier zu malen oder auf Haut – was ist schon der Unterschied? Halt Farbe auf einem Untergrund, so stellte ich es mir vor. Unerwartete Hilfe einer Meisterin der Farben Etwas komplizierter ist es natürlich schon. Ich werde von den Faber-Castellern lernen, dass das menschliche Auge zehn bis 15 Millionen Farben unterscheiden kann. Dass Farbchemiker erst über Jahre ein Gefühl dafür bekommen, was in eine Mischung muss, sagen wir einmal für mein spezielles Pink. Wie man ein Farbrezept nachstellt. Dass es auf der Welt nur wenige Stiftehersteller gibt, die ein so großes Produktsortiment anbieten. Mein Rest-Pink soll als Grundlage dienen. Kann Faber-Castell es nachbilden? Katrin Meyer zu Schlochtern-Maric nimmt sich der Pink Challenge an. Sie ist die Herrin über die Farben bei Faber-Castell Cosmetics und verantwortlich für die Neuentwicklung von Gesichtsprodukten. Seit 2001 arbeitet die Lebensmitteltechnologin in Stein, und ihr helles Laborreich in historischer Umgebung ist ein Paradies für jeden farbverrückten Besucher. Hier warten die herrlichsten Einzelpigmente der Welt in geheimnisvoll beschrifteten Gefäßen. Allesamt subtile monochrome Töne, die man zusammenmischen kann wie ein Maler einen gewünschten Ton auf seiner Farbpalette. Katrin Meyer zu Schlochtern-Maric, auf deren Laborkittel „Katrin Maric“ steht, hat mehrere Tage an meinem Fuchsia-Rosa gearbeitet. Ich hatte ihr zuvor einen meiner sorgsam gehüteten Reststifte per Post geschickt. „Mir war klar, wie Ihre Farbe aufgebaut werden muss, denn man kennt ja die Formulierungen“, sagt sie sehr bestimmt. Formulierung heißt in der Welt des Labors so etwas wie Rezept. Und wer glaubt, in Zeiten von KI und 3 D-Druckern wäre das Nachbilden einer Farbe ohne Menschen möglich, der irrt. „Bei Ihrem Pink war es mir wichtig, das Applikationsgefühl zu erfassen und dann in die richtige Richtung zu gehen“, sagt die Farbexpertin. „Ihr Yves-Saint-Laurent-Stift ist cremig, hat einen leichten Glanz, ist aber sehr intensiv.“ Ein einzigartiges Pink aus dem Labor Aber wo fängt man in dieser verwirrenden Welt der Rohstoffe, Formeln und Pigmente überhaupt an, sich eine Farbe vorzustellen, sie einzugrenzen, visuell zu definieren? Bei Faber-Castell gibt es dafür eine riesige analoge und digitale Farbbibliothek. In der sogenannten digitalen Colour Box kann man Farben eingeben und bekommt dann Rezepte für sie ausgespuckt. Zudem stehen im Musterlager Tausende Exemplare der Rückstellungen von allen im Unternehmen hergestellten Produkten bereit, auch dort kann man schon hergestellte Farben suchen. Doch mein verlorenes, bläuliches Fuchsia-Pink von Yves Saint Laurent? Ist so speziell, dass weder am Lager noch im Computer etwas Ähnliches auffindbar ist. „Ich wusste sofort, dass ich für Ihr Pink ein besonderes organisches Rot als Basis nehmen musste“, sagt die Farbchefin. Organisches Rot? Da meine einzige Erinnerung aus dem Chemieunterricht die rätselhafte Periodentafel der Elemente ist, frage ich nach. „Organische Pigmente sind Farbstoffpartikel, die auf Kohlenstoffverbindungen basieren und den Vorteil haben, sehr zu leuchten und lebendig zu wirken“, sagt sie. „Im Vergleich dazu bringen mineralische Pigmente, etwa Eisenoxide oder Titandioxide, eher Nudetöne und erdige Farben hervor.“ Ich lerne, dass es in der Erde viele Eisenoxide gibt, Pigmente von gelb über rot bis tiefschwarz, alles Farben, mit denen man eine Lippenstift-Kollektion wunderbar abdecken kann. Dazu kommt je nach gewünschtem Farbton Titandioxid (TiO2), das industriell aus titanhaltigen Mineralien hergestellt wird. Diese Zutat wird zum Aufhellen von Farben und zur Verbesserung der Deckkraft verwendet. Zudem benötigt man für manche Farben noch Effekt-Features wie Pearlpigmente, Glasflakes oder Glitter, die durch Lichtreflexion Sparklingeffekte erzeugen. Die Rettung: Red 28 Lake Für mein One-of-a-kind-Pink hat die Herrin der Farben auf der Basis des Tons Red 28 Lake in Kombination mit Red 7 Lake, TiO2 und Manganviolett eine Balance zwischen Blaustich und strahlendem Pink zusammengestellt. Wie bei einer Malerin geht es bei der Arbeit einer Lippenstift-Kreateurin um ein Abtönen der Farbe, und dann noch darum, ein Strahlen hineinzugeben. Um es genau zu sagen: Red 28 Lake ist ein synthetischer pinker Farbstoff, der zu den Azo-Farbstoffen gehört, die intensive, leuchtende Farben erzeugen. Als Lake-Version ist der Farbstoff an ein Substrat gebunden und somit gut geeignet für lipidbasierte Produkte wie Lippenstifte. Zusammen mit dem gelblichen Red 7 Lake, dem Manganviolett und dem weißen Pigment TiO2 entsteht der gewünschte Fuchsia-Farbton. Nun muss dieser raffinierte Farbpuder aber noch in eine Art Grundmasse, eine Creme, eine Schmierbasis. Die heißt natürlich nicht so, sondern wird „Grundformulierung“ genannt. Katrin Meyer zu Schlochtern-Maric hat in ihrem Baukasten zwischen 40 und 50 Basisrezepturen, für unterschiedliche Texturen eines künftigen Lippenstifts. Soll er matt sein? Glänzend? Langanhaltend, dafür eher ein wenig trocken? Alles ist möglich. Für mein Verlorenes Pink hat Meyer zu Schlochtern-Maric eine eigene Grundformulierung hergestellt. Darin Wachse, die Stabilität bringen für die Struktur der Mine. Außerdem nicht flüchtige Öle, die pflegen und Geschmeidigkeit bringen. Und Emulgatoren, die das Ganze stabil halten. Aber woher wusste sie ungefähr, wie mein Yves-Saint-Laurent-Lippenstift angemischt war? „Man kann im Netz nachsehen, welche Inhaltsstoffe die Hersteller auflisten“, sagt sie. Meine spezielle Basis wird dann im Becherglas des Labors auf 85 Grad erhitzt, denn sie muss komplett flüssig sein, wenn die Pigmente zugegeben werden. „Ich fange immer mit ein bisschen weniger Pigmenten an, als ich denke, dann kann man immer noch zugeben“, sagt die Frau im weißen Kittel. Wenn Fettmasse und Pigmente zusammengefügt sind, wird die Farbmischung eine Dreiviertelstunde lang mit einer Art Labor- Pürierstab namens Turrax homogenisiert. Zusätzlich wird die Mischung für den vollständigen Aufschluss der Pigmente gewalzt, dabei immer wieder durch einen Spalt geführt, gemahlen und gemahlen, damit sich auch die kleinsten Teile homogen verteilen und keine Krümel hinterlassen. Das Ganze sieht ein wenig aus wie eine unendlich laufende Lasagne-Maschine und heißt offiziell Dreiwalzenstuhl. Fertig. Warum manche Farben sterben müssen Nach den langen 45 Minuten entnimmt die Farbexpertin ein wenig von der knallpinken Masse, streicht sie auf und vergleicht sie mit der Vorlage. „Dieses Farbnuancieren und Nachstellen von Farben ist eine Arbeit, für die man jahrelange Erfahrung braucht“, sagt sie, „das kann man nur durch Ausprobieren und Trainieren lernen.“ Das Herstellen von Farbe ist ein kunstvolles Handwerk, eine Wissenschaft für sich. Das ist nun klar. Aber kann mir jemand in diesem Farbparadies erklären, warum mein ultimatives Lippenstift-Pink vom Markt genommen wurde, obwohl es doch eine ikonische, einzigartige Farbe war? „Farbwünsche ändern sich mit der Zeit“, sagt Christian Eisen, der im Unternehmen für Verkauf und Innovationen verantwortlich ist. Mit ihm kann man sich über Farben, Kundinnen, Schönheit, Rohstoffe und Wirtschaft unterhalten. „Wenn man sich die Farben aus den Neunzigern, den Nuller- und Zwanzigerjahren ansieht, erkennt man, Pink ist nicht gleich Pink und Rot nicht Rot.“ Die Kosmetikfirmen hätten ausgeklügelte Mechanismen, um ihre Abverkäufe zu beobachten. „Da der sogenannte Shelf Space bei Händlern wie Sephora und Douglas begrenzt ist, fliegen Farben, die nicht gut laufen, aus der Linie.“ Heißt: Mein Pink war einfach unmodern geworden. Ist mein Pink wirklich unmodern geworden? Und ja: Das Pink von gestern ist nicht das Pink von heute. Redet man in Stein über Farben, begreift man die Grenzen der menschlichen Sprache, wenn es um Rot, Blau, Grün und Gelb geht. Darüber, wie schwer es ist, das, was wir sehen, in Worte zu fassen. Und es anderen verständlich zu machen. Selbst wenn die Farbentwickler, ähnlich wie Dirigenten bei Musik, eine subtilere Bildsprache haben als Couleur- Zivilisten. „Unser Sprechen über Farbe ist im Vergleich zum Erfassen unseres Auges extremst limitiert“, sagt Christian Eisen. „Was meint ein Kunde mit dem Satz: ,Dieses Rot muss ein bisschen grüner sein'? Oder ‚ein bisschen matter‘?“ Oder pearly? Leicht schimmernd? Volle Wucht? Digitale Lösungen und Apps können beim Verstehen helfen, aber für die finale Freigabe von Farben reichen diese neuen Tools nicht. „Man muss die Textur sehen, die Nuancen“, sagt Eisen. Deshalb kommen die Kunden aus aller Welt gerne nach Stein, um die Farbvorschläge von neuen Kollektionen anzusehen. Neben all diesem Farbzauber, der Chemie und der eigenen Sprache erscheint die Geschichte der Kosmetiksparte des 1761 gegründeten Unternehmens Faber-Castell wie ein Beispiel aus dem BWL-Lehrbuch, Kapitel Innovation durch Krise. Dazu muss man kurz zurückblicken auf die Mitte und das Ende des 20. Jahrhunderts. Denn der Stiftehersteller stellte zur Erweiterung des Sortiments bis ins Jahr 1906 in seinem Werk im oberfränkischen Geroldsgrün Schiefertafeln für die Schule her, da in der Region Schiefer abgebaut wurde. Schon 1886 wurde die Produktion in Geroldsgrün um Rechenschieber erweitert. Die Nachfrage nach Schiefertafeln war gesunken. „Unsere Kernkompetenz ist Malen und Schreiben“ Faber-Castell wurde im 20. Jahrhundert zu einem der weltweit führenden Hersteller für Rechenstäbe. Als dann Mitte der Siebzigerjahre kleine Taschenrechner auf den Markt kamen, musste die Produktion von Rechenschiebern 1975 eingestellt werden, der Firma brachen kurzfristig fast 25 Prozent des Umsatzes weg. Der 1978 in das Unternehmen eingetretene damalige Firmenchef Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell sah das riesige wirtschaftliche Problem und erweiterte sein Angebot, vom Konkurrenten Schwan-Stabilo inspiriert, um Stifte in der Kosmetikindustrie. Einen großen Einfluss auf die neue Sparte hatte seine zweite Frau Mary. Er hatte sie in New York kennengelernt, als sie dort als Marketing-Chefin von Chanel arbeitete. Mary Gräfin von Faber-Castell formte rund 20 Jahre als Geschäftsführerin die Kosmetiksparte, ehe sie 2015 in den Vorstand berufen wurde und dann in den Aufsichtsrat wechselte. Faber-Castell Cosmetics stellt heute im Jahr rund 20 Millionen Lippenprodukte her, das Gesamtvolumen der Cosmetics-Sparte beträgt mehr als 100 Millionen Stück. Die Frage, warum Faber-Castell nicht eine eigene Kosmetiklinie herausbringt, liegt nahe. Christian Eisen winkt ab. „In der Industrie sind unsere Rollen aus guten Gründen verteilt“, sagt er. „Wir sind als Marke beim Zeichnen und Schreiben stark, das ist unsere Kernkompetenz. Und uns über diese Rolle zu erheben, einer Versuchung nachzugeben und unseren eigenen Kunden Konkurrenz zu machen, ist keine gute Idee.“ Der Moment der pinken Wahrheit Dafür halte ich jetzt mein heiliges Pink in einem langen schmalen Drehstift in der Hand. Ich nehme die Kappe ab, drehe den Stift auf – und: Das Pink schillert genau in dem Ton, den ich monatelang gesucht habe. Etwas misstrauisch bin ich noch. Ich male zuerst den originalen Yves-Saint- Laurent-Stift auf meinen linken Handrücken. Wie immer leuchtet er fett, satt, cremig, mit leichtem Schimmer. Ein Donnerschlag in Farbe. Dann nehme ich den neuen Probestift und male ihn daneben. Gut. Sehr gut. Ich komme mir vor wie die Farb-Justitia, nur dass ich keine Waagschalen in den Händen halte, sondern zwei Lippenstifte. Schließlich der ultimative Test: Ich male den neuen Stift auf meine leicht abgepuderten Lippen, so wie ich es mit 14 Jahren von einer Tante gelernt habe. Blicke in den Handspiegel. Die nachgebildete Farbe aus dem Labor in Stein sieht genauso aus wie die Farbe von Yves Saint Laurent. Ich habe es gefunden: Paris in Franken. Gerne würde ich mit dieser Farbe einen neuen Trend auslösen. Ist sie wirklich zu unmodern geworden?