Der neue Star der Bundesliga war zu schmächtig. Fanden sie zumindest in Dortmund. „Junge, iss ma‘n Schnitzel!“, rief ihm deshalb ein Fan zu, als der Königstransfer der Winterpause Anfang Januar 2001 das erste Mal im Kreise seiner Teamkollegen gesichtet wurde. Der Spitzname blieb, die Bedenken nicht. Denn spätestens, als sie Tomas „Schnitzel“ Rosicky wenige Tage später das erste Mal im BVB-Trikot spielen sahen, waren sie bei Borussia Dortmund schwer beeindruckt von ihrem neuen Leichtgewicht. Exakt 25 Jahre später genügen zwei Fakten, um zu illustrieren, dass die (Fußball-)Welt damals noch eine andere war: Zum einen der Umstand, dass die aus heutiger Sicht geradezu beschaulichen 25 Millionen, die der BVB für den 20 Jahre alten Tschechen bezahlte, nicht nur noch D-Mark, sondern vor allem eine geradezu astronomisch anmutende Rekordablöse für die Bundesliga waren. Zum anderen der Rahmen, in dem die Dortmunder ihren Luxuskauf erstmals der Öffentlichkeit präsentierten: beim Hallenmasters des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Gerard Piqué liefert die Blaupause Will man das Ganze in die heutige Zeit transferieren, wäre das in etwa so, als hätte der FC Bayern seinen 100-Millionen-Euro-Einkauf Harry Kane zunächst nicht in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League aufs Feld geschickt, sondern in der „Baller League“. Doch weil dieser Vergleich noch mehr hinkt, als Kane es nach dem ersten krachenden Foulspiel an der Bande würde, lässt sich hieran gleich die nächste Erkenntnis gewinnen: dass Hallenfußball ein Vierteljahrhundert nach dem letzten DFB-Hallenmasters zwar wieder en vogue wirkt wie lange nicht – das DFB-Hallenmasters selbst aber so anachronistisch wie vermutlich noch nie. Schließlich hat das Kicken unterm Dach in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. Neue Formate gibt es etliche. Sie heißen „Baller League“, „Icon League“, „Kings League“ und „Infinity League“ und werden primär über Online-Plattformen wie Twitch und YouTube vertrieben. Richten sollen sie sich vor allem an eine sehr junge und internetaffine Zielgruppe. Junge Menschen, denen der klassische 90-Minuten-Fußball angeblich zu langatmig geworden ist und die lieber ein Fußball-Produkt konsumieren, das wie ein Computerspiel funktioniert. Das Prinzip ist dabei überall mehr oder minder dasselbe: Gespielt wird Kleinfeldfußball von einigermaßen talentierten Amateurkickern und einer Hand voll mal mehr, mal weniger prominenten früheren Profis. Für zusätzliche Unterhaltung gibt es besondere Regeln, die sich während der Spiele immer wieder ändern. Für zusätzliche Reichweite gibt es die Teameigner, wahlweise Promis aus der Fußballbranche oder erfolgreiche Streamer, also Promis aus dem Internet. Der größte Unterschied zu den Hallenmasterstagen ist deshalb: Früher standen die Stars auf dem Feld, mittlerweile stehen sie hinter der Bande. Der moderne Hallenfußball nämlich ist ein Spielfeld, auf dem die größten Namen im Management zu finden sind. Ob es Toni Kroos ist als Miteigentümer der „Icon League“, Mats Hummels und Lukas Podolski, die zu den Gründern der „Baller League“ gehören und dort mitunter eigene Teams managen. Oder aber Barcelonas Abwehrikone Gerard Piqué, der in Spanien vor einigen Jahren die „Kings League“ startete und damit die Blaupause dafür lieferte, wie nun alle Welt mit dem Hallenfußball als Showformat Geld verdienen will. Uli Hoeneß. „Das Familienfest der Bundesliga“ Doch wer sich nun in Fußballromantik an die guten alten Hallenfußballzeiten ergeben will, sei daran erinnert: Auch das Hallenmasters, das mitunter auch als DFB-Hallenpokal firmierte, war keineswegs eine reine Erfolgsgeschichte. Erschaffen vom DFB im Jahr 1988, um die im Jahr davor eingeführte fast dreimonatige Winterpause wieder mit Fußball zu füllen, floppte beispielsweise die erste Ausgabe in der Frankfurter Festhalle gewaltig. Zehn der 18 Bundesligateams verzichteten auf eine Teilnahme, auch der Zuschauerzuspruch war mit rund 4000 Besuchern an den beiden Turniertagen enttäuschend. Ein Millionenpublikum vor dem Fernseher Erst mit dem Umzug im Jahr darauf in die Dortmunder Westfalenhalle und später auch in die Münchner Olympiahalle wurde das Turnier ein Erfolg. Es gab mehr Preisgeld, mehr Spitzenteams, mehr Zuschauer – und vor allem mehr Topspieler auf den Plätzen. Das Zeitalter des „Budenzaubers“ waren dann die Neunzigerjahre. Über mehrere Wochen gab es Qualifikationsturniere in zahlreichen deutschen Städten. Die besten Teams durften beim Masters um den DFB-Hallenpokal spielen, und nach den Öffentlich-Rechtlichen sprang irgendwann auch das Privatfernsehen auf den Erfolgszug auf. RTL und das Deutsche Sportfernsehen (DSF) sicherten sich die Rechte und übertrugen teilweise stundenlang Hallenfußball. Das lockte regelmäßig ein Millionenpublikum vor den Fernseher. Mitte der Neunziger war das Hallenmasters bei Spielern wie bei Fans enorm beliebt. Die Ränge waren voll, die Stars genossen das lockere Ambiente und dass sie sich „endlich mal nicht den Arsch abfrieren“ mussten (O-Ton Mario Basler). Uli Hoeneß nannte das Turnier mal „das Familienfest der Bundesliga“. Dort gab es dann auch eine nach einigen Jahren bereits berüchtigte „Players Party“ für die Spieler, auf der „ein paar Bier getrunken und viel Mist erzählt wurde“, wie es Nationalspieler Dariusz Wosz einst formulierte. Doch auf dem Höhepunkt der Popularität des Hallenpokals traf der DFB dann eine Entscheidung, die für den Wettbewerb zum Todesurteil wurde. Zur Saison 1997/98 verkürzte der Verband die Winterpause auf Drängen der Klubs drastisch von elf auf sechs Wochen. Weil die Turniere nunmehr häufig mit der Wintervorbereitung der Klubs kollidierten, schickten besonders Großklubs häufig nur noch Teams voller Reservisten. Die Attraktivität der Turniere litt, besonders Trainer und Vereinsfunktionäre verwiesen zudem immer häufiger auf die vermeintlich höhere Verletzungsgefahr auf den von Banden umfassten Kunstrasenplätzen. „Wir werden schon verhindern, dass wir weiterkommen“, fasste Werner Lorant, damals Trainer bei 1860 München, die Hallenmasters-Ambitionen seiner „Löwen“ mal unverblümt zusammen. Der FC Bayern wiederum, der den Hallenpokal ohnehin nie gewinnen konnte, wurde im Jahr 2000 in der eigenen Halle vom Publikum ausgebuht, weil Trainer Ottmar Hitzfeld lediglich eine bessere B-Elf coachte. Im Jahr darauf war dann nicht mal mehr Hitzfeld dabei. Er ließ sich von Ko-Trainer Michael Henke vertreten, der, während Hitzfeld mit der Profimannschaft im Trainingslager in Spanien weilte, mit einer Auswahl aus Spielern der Reservemannschaft und A-Jugendlichen sang- und klanglos in der Vorrunde scheiterte. Nach dem Turnier suchte der neu gegründete Ligaverband gemeinsam mit dem DFB zunächst noch nach einer Lösung, um das Format zu retten. Doch die Zeiten hatten sich geändert, das Format war nicht mehr zukunftsfähig. Willkommene Abwechslung für die Spieler Die letzte Ausgabe des DFB-Hallenmasters war trotzdem noch einmal ein großer Erfolg. An beiden Turniertagen war die Dortmunder Westfalenhalle nahezu ausverkauft, im TV sahen im Schnitt mehr als eine Million Menschen zu, und das Preisgeld war mit insgesamt 3,45 Millionen D-Mark höher denn je. Letzter DFB-Hallenpokalsieger wurde die Spielvereinigung Unterhaching, die so den vermutlich einzigen deutschlandweiten Titel in ihrer Vereinsgeschichte gewann. „Es ging nicht um die Prämie, es ging allein um das Turnier“, sagt Alexander Bugera, der damals als Spieler zum Siegerteam gehörte, der F.A.Z. „Als kleines Unterhaching da zu gewinnen, das war schon etwas Besonderes. Wir waren lauter No-Names, aber eine gute Mannschaft. Wir wollten zocken.“ Unter den Spielern sei das Hallenmasters ohnehin stets eine willkommene Abwechslung gewesen, erzählt er. Selbst beim FC Bayern, wo Bugera in der Jugend gespielt und einst auch bei einem Hallenmasters-Qualifikationsturnier im Kader gestanden hatte, hätte sich abgesehen vielleicht von Lothar Matthäus keiner der Stars freiwillig geschont. Im Finale 2001 besiegte Bugera mit Unterhaching dann Werder Bremen, das immerhin mit seinen Topstürmern Claudio Pizarro und Ailton angetreten war. „Die Südamerikaner waren sowieso immer dabei, die hatten richtig Bock auf die Halle“, sagt er. Und dann war da ja noch Rosicky, der damals teuerste Transfer der Liga, der im letzten Hallenmasters erstmals für den BVB ran durfte. Im zweiten Spiel gegen St. Pauli dribbelte er zwei Gegenspieler aus und schoss den Ball kräftig ins Toreck. Ein Raunen ging durch die Halle, weil die Zuschauer hier einen ersten kleinen Vorgeschmack von den Fähigkeiten eines Ausnahmespielers bekommen hatten. Mit dem Transfer begann für den BVB 2001 eine neue Zeitrechnung. Die wirtschaftliche Risikobereitschaft, für die er stand, führte den Klub ein Jahr später erst zur deutschen Meisterschaft und ein paar Jahre später um ein Haar in die Insolvenz. Für die Bundesliga war die Rekord-Ablösesumme derweil auch das Signal zum Aufbruch in eine Fußball-Ära des Hyperkapitalismus, in der umgerechnet 13 Millionen Euro längst als Schnäppchen durchgehen würden. Es ist eine Ära, in der eine Veranstaltung wie das Hallenmasters schon lange keinen Platz mehr hat. Die Winterpause beträgt in diesem Jahr 18 Tage. Hallenfußball gibt es jetzt im Internet.
