FAZ 22.12.2025
09:39 Uhr

„Der fröhliche Weinberg“: Menschen wie wir


Vor hundert Jahren wurde Carl Zuckmayers Erfolgsstück „Der fröhliche Weinberg“ uraufgeführt. Der Autor ahnte den Abgrund an Unmenschlichkeit, der sich bald auftun sollte, und formulierte einen Appell gegen Antisemitismus.

„Der fröhliche Weinberg“: Menschen wie wir

Es war Sonntag, der letzte vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1925. „Deutsch-Französische Einigung“ lautete die Schlagzeile der in Berlin erscheinenden „Vossischen Zeitung“, der Leitartikler haderte mit der Sozialdemokratie, weil die sich einer Regierungsbildung verweigerten, im Innenteil wurde über die exorbitanten Preise für Weihnachtsbäume geklagt. „Das Unterhaltungsblatt“, das der Sonntagsausgabe beilag, entführte den Leser unvermittelt in die „Weinberge von Nackenheim“. In farbiger, anscheinend von unmittelbarer Anschauung gesättigter Sprache ließ Carl Zuckmayer das Leben in einem kleinen, von Weinbau geprägten Dorf am Rhein erstehen: „Nirgends ist so viel Rot in wechselnder Schicht durch die Landschaft gesprengt“, hieß es über jenen südlich von Mainz gelegenen Hang, an dessen Fuß sich das kleine Dorf duckte. Ein kurzer Vorspann ließ den Leser wissen, dass es sich bei diesem kurzen Feuilleton um eine Art Ouvertüre handele. Ein Theaterstück namens „Der fröhliche Weinberg“ stehe vor der Uraufführung. An Vorschusslorbeer fehlte es nicht. Hinter jeder noch so gutmütigen Fassade Paul Fechter, der einflussreiche Theaterkritiker der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, hatte ihm nach Durchsicht aller Einsendungen den Kleist-Preis des Jahres 1925 zuerkannt. Zu Recht. „It was an orgy of sunshine, harvest, love, lewdness, tenderness, satire and gargantuan mirth“, hielt Dorothy Thompson, die Korrespondentin der New Yorker „Evening Post“, fest. Auf ungeteilten Beifall stieß das Stück nicht. Zwar sollte „Der fröhliche Weinberg“ das meistgespielte Bühnenwerk der Weimarer Republik werden. Doch Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels spürten sofort, dass sie es bei Zuckmayer mit einem Freigeist zu tun hatten, dem jede dumpf-totalitäre Geisteshaltung zuwider war. „Das Ganze ist eine geist- und witzlose Schweinerei“, schrieb der „Völkische Beobachter“ am 11. Februar 1926 über das nur vordergründig vordergründige Bühnenstück über das sinnfrohe Leben am Rhein. Zuckmayer, von den Nazis wegen seiner aus einer längst zum evangelischen Christentum konvertierten Familie stammenden Mutter als Halbjude geschmäht, hatte es gewagt, auch den Judenhass seiner Zeit auf die Bühne zu bringen, was Thompson und vielen Kritikern nicht der Rede wert schien. Aber „Zuck“, wie er genannt wurde, wusste, was zu tun war. Die bösen Lieder der Veteranen, die von Verachtung triefende Sprache der Frau des Weinhändlers und die Zoten des Küfermeisters galten den von Zuckmayer bewusst als Juden gestalteten „Weinreisenden“ Hahnesand und Löbche Bär. Hinter jeder noch so gutmütigen Fassade, so seine Ahnung, könne sich ein Abgrund an Unmenschlichkeit öffnen. Seine Überzeugung, die er am Abend jenes 22. Dezember 1925 aus dem Mund des Weinbergbesitzers Jean-Baptiste Gunderloch überbrachte, ist hundert Jahre später noch so wenig selbstverständlich, wie sie es damals war: „Schluß…! Genug!! Laßt die Judde in Ruh. Sie sind zwar beschnitte, aber sonst Menschen wie wir.“