Bei einem Spaziergang durch ihre Heimatstadt wird Stefania Constantini noch einmal bewusst, wie außergewöhnlich die Olympischen Winterspiele für sie sein werden: „Ich bin normalerweise nicht hier, wenn ich ein Curlingturnier spiele“, sagt die 26-Jährige, die in Cortina d’Ampezzo aufgewachsen ist – und nun als „Lokalheldin“ versuchen wird, wieder Olympiasiegerin zu werden. „2022 war ich in China, weit weg von zu Hause“, sagt sie in Erinnerung an den bisher größten Erfolg ihrer Karriere. Gemeinsam mit ihrem vier Jahre älteren Spielpartner Amos Mosaner gewann Constantini die Goldmedaille im Mixed Doubles für Italien – und dies in einer Art, wie sie selten bei einem großen Turnier gezeigt wurde: elf Spiele, elf Siege, alle stilistisch elegant herausgespielt. Stefania Constantini wird niemals allein sein „In Peking war es leicht, sich auf Curling zu konzentrieren“, erzählt Constantini: „Niemand war dort, keine Familie, keine Freunde, nur ich, mein Sport, mein Team.“ In Cortina dagegen, wo am Mittwoch die olympischen Curling-Wettbewerbe begonnen haben und Constantini/Mosaner an diesem Donnerstag (10.05 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) gegen Südkorea ins Turnier einsteigen, wird das anders sein. In dem renommierten Wintersportort in der Region Venetien, Olympia-Gastgeber bereits 1956, wohnen nicht 21 Millionen Menschen wie in Peking – sondern etwa 5000. Deshalb wird Stefania Constantini niemals allein sein. Als Kind wuchs sie im nördlichen Vorort Cadin auf, später zog sie nach Campo in den Süden, keine zehn Minuten vom Curling-Olympiastadion entfernt. Man kennt sich. „Das Gute ist, dass wir viele Leute haben werden, die uns anfeuern“, sagt sie. Und obwohl sie einräumt: „Daran sind wir nicht gewöhnt“, freut sie sich darauf: „Es wird großartig.“ Stefania Constantini könnte ein Gesicht dieser Spiele werden. 2022 gewannen die italienischen Wintersportler zwei Goldmedaillen – außer im Curling nur noch dank der Shorttrackerin Arianna Fontana. Bei den Spielen in Mailand und Cortina wird die Ausbeute für Italien als Gastgeber erwartungsgemäß größer werden. Aber keine Athletin dürfte so häufig im Fernsehen zu sehen sein wie Stefania Constantini. Das Spielsystem im Curling: „Jeder gegen jeden“ Woran liegt das? Vor allem an der Omnipräsenz des im Alltag oft belächelten Curlings während Olympischer Spiele. Wann immer sich die Sicht auf den Skipisten oder der Wind an den Sprungschanzen die Austragung eines Wettbewerbs verzögert, werden Regisseure getrost in die Curlinghalle schalten. Dort wird immer geschoben und gewischt. Das Spielsystem der Turniere bei Männern, Frauen und im Mixed lautet: „Jeder gegen jeden.“ Das erfordert Ausdauer bei zehn Teams pro Wettbewerb. Zudem hat Stefania Constantini wie die Schottin Jennifer Dodds und die Amerikanerin Cory Thiesse eine olympische Doppelschicht gebucht. Sie tritt nicht nur im Mixed Doubles, sondern danach auch mit der Frauenmannschaft an. Dort agiert sie als Skip ihres Teams: Sie ist für die Strategie zuständig und spielt jeweils die letzten zwei Steine. Wenn es gut läuft und sie jeweils die Medaillenrunde erreicht, wird Constantini an 16 der 19 Olympiatage auf dem Eis stehen – und entsprechende Resonanz in den heimischen Medien erzeugen. Schon bei den Spielen in Peking betörte die 1,65 Meter große Sportlerin mit den langen braunen Haaren und dem strahlenden Lachen ihre Landsleute dank ihrer anmutigen Art, Steine zu schieben. „Bella figura“ gehört auf der Südseite der Alpen eben genauso dazu wie „dolce vita“. „Jetzt machen die Ringe Cortina noch schöner“ Stefania Constantini versucht vor Olympia zu verinnerlichen, dass sie „einfach nur Curling spielen muss“. Das Wichtigste sei, „nicht zu viel über den Rest nachzudenken und natürlich den Moment zu leben“. Beim Rundgang durch Cortina berichtet sie, in welchem Bistro sie am liebsten ihren Kaffee trinkt und in welcher Bar es einen guten Aperol-Spritz gibt. Sich von diesen Verlockungen freizumachen während der Spiele wird ebenfalls eine Herausforderung sein. Gleichwohl freut sie sich über den Heimvorteil: „Wir werden die Olympischen Spiele in dem Stadion spielen, in dem wir jeden Tag trainieren.“ Auf einem ihrer Lieblingsplätze stehen bereits neue Skulpturen der olympischen Ringe. „Jedes Mal, wenn ich sie sehe, verstehe ich wirklich, dass der große Moment kommt“, sagt sie stolz: „Ich finde, Cortina ist ein schönes kleines Dorf. Und jetzt machen diese Ringe Cortina noch schöner.“
