FAZ 26.12.2025
11:30 Uhr

Der Wandertipp: Wälder statt Felder


Es gibt sie noch, kaum zersiedelte Naturreservate in Großstadtnähe wie etwa die Bulau bei Hanau. Mal sind die Böden trocken, mal feucht – das macht die Wälder abwechslungsreich.

Der Wandertipp: Wälder statt Felder

Selbst im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet gibt es noch geschlossene Regionen, die ein Stück Urtümlichkeit bewahrt haben oder rechtzeitig geschützt wurden, damit dies in sensiblen Zonen so bleibt. Die Bulau östlich von Hanau ist ein solches Areal: 600 Hektar mit gleichermaßen sandigem wie sumpfigem Untergrund, der sich der Landwirtschaft entzog. Den Kern bilden die Kinzig und Altarme des Mains mit ihren Erlenbruchwäldern, wogegen Kiefern und Eichen die trockeneren Böden der Randzonen eroberten. Leicht erhöht, eigneten sie sich als Fernwege, die bis heute fortwirkende Territorialgrenzen wie die bayerisch-hessische vorzeichneten. Der morastige, einst weitaus baumärmere Landstrich zog früh schon Menschen zum Jagen und Fischen an, und auch den unerschrockenen Römern konnte er kein Hindernis sein. Zu günstig lag die kastellgesicherte Strecke, um nicht hier den aus der Wetterau kommenden Limes an der südlichen Fortsetzung entlang des Mains anzudocken. Weiter östlich entstand im Spätmittelalter ein kleines Kloster, von dem noch ein Wohnturm mit pyramidenartigem Aufsatz kündet. Dieser wurde allerdings erst später vermutlich nach Vorbild eines ähnlichen Wehrturms in Niederrodenbach aufgesetzt. Die kleine Servitenabtei entwickelte sich aus einer Kapelle, 1468 gestiftet von Erasmus Hasefus, Forstmeister in Diensten der Hanauer Grafen. Was die Gründung veranlasste, konnten auch Grabungen nicht beantworten, sie erlaubten aber die Lokalisierung von Mauerwerk und das Wiederherstellen einiger Gebäude. Damit bleibt es bei der gängigen Annahme, Hasefuß habe aus Dankbarkeit für die Errettung vor einem Wolfsrudel die Erbauung gelobt und die Kapelle dem Schutzheiligen der Waldarbeiter, Wolfgang, geweiht. Im Namen des Hanauer Stadtteils Wolfgang fand er ein bleibendes Echo. Ungeachtet der Gründungslegende stand das Kloster unter keinem guten Stern. Wegen angeblicher Lustbarkeiten vermahnte die Obrigkeit den Konvent 1502 und hob ihn zeitweilig auf, bevor das endgültige Aus nach Zerstörungen im Bauernkrieg 1525 kam. Der Rest diente als Baustofflager, wobei sich mancher Stein im benachbarten Jagdschlösschen der Grafen von Hanau wiederfinden dürfte. Heute sitzt hier die Verwaltung des mit 14.000 Hektar größten der 39 Forstbezirke Hessens, dem eine vor 200 Jahren begründete Samendarre angeschlossen ist. Galt früher das Bestreben eher quantitativer Nachhaltigkeit, steht heute unter dem Stichwort Klimaresistenz die Gewinnung widerstandsfähigen Saatguts im Vordergrund. Die Zahlen sind beeindruckend genug. Seit der Modernisierung 2024 können tausend Samen in der Sekunde verarbeitet werden. Die Kapazitäten genügen, um den „Forstumbau“ aller hessischen Wälder mit Keimlingen sicherzustellen. Wegbeschreibung Rodenbach, genauer Niederrodenbach, ist gut an Hauptverkehrsadern angeschlossen. Regionalzüge stoppen stündlich, und Busse fahren direkt zum ­Altenzentrum. Lag es bisher frei am Waldrand, rückte unterdessen ein Neubaugebiet heran. Dort, hinter dem ebenfalls neuen Kreisel, und vor dem Seniorenheim sind größere Parkflächen ausgewiesen. Letztere und die Passage durch die Anlage sind öffentlich. Rechtsseitig umgehen wir sie und stehen in naturbelassenem Wald, wie sich gleich zeigt, wenn halb rechts in Richtung Hanau abgebogen wurde. Wechselnde Markierungen haben keine Relevanz; geradeaus zielt der asphaltierte Weg zwischen Tümpeln und umgestürzten Bäumen auf den Forstbezirk. Anders lässt sich der ausgedehnte Komplex der Samendarre nicht umschreiben. Der eigentliche Verwaltungssitz, das frühere Jagdschlösschen, steht außerhalb. An der Zugangsseite verdecken zwei mächtige, 1950 gepflanzte Mammutbäume die ockergelbe Front des Bauwerks. Folgt man dem angezeigten Abstecher zur 300 Meter entfernten Klosterruine, ist das Barockgebäude gut einzusehen. Von dort zurückgekehrt, setzen wir in südliche Richtung die Tour durch abwechslungsreiche Wälder auf zunächst noch befestigtem Weg fort. Ungeachtet einer der neuen „Spessartfährten“ (hellblau) bedarf es auch auf dieser Schneise keiner Zeichen – nicht minder nach zweieinhalb Kilometern an der mit schwarzem B markierten Birkenhainer Straße; hier links. Allerdings ändert sich jetzt die Konsistenz des Weges. Schmal und holprig gibt sich der Untergrund zwischen dichter zusammengerückten Bäumen. Kiefern ragen mit ihrem immergrünen Nadelkleid heraus; ihre wettergebeugten Spitzen verraten die exponierte Lage der im südöstlichen Teil stärker profilierten Bulau. Bevor es für deren Verhältnisse geradezu steil wird, kann nach gut 1200 Metern am Richtungspfosten Rodenbacher Weg verkürzend links abgebogen werden. Der beeindruckendste Teil steht freilich noch aus: Das B führt in den von Fuhrwerken über Jahrhunderte tief eingeschnittenen Hohlweg der Birkenhainer Straße. Die Bedeutung der wichtigsten Ost-West-Strecke im Spessart zeigt ihre Entwicklung zur Gemarkungs- und Territorialgrenze. Wo in jüngerer Zeit Preußen und das Königreich Bayern aneinanderstießen, blieben zahlreiche entsprechend gekennzeichnete Steine erhalten. Einige bilden auf dem 240 Meter hohen Schäfersberg einen Grenzsteingarten. Sich nach links wendend, setzt der Abstieg an der steileren Nordseite ein. Als Bergführer dient jetzt sinnigerweise das Wanderemblem „rot gefasstes Edelweiß“. Schon 250 Meter weiter weist es nach links auf eine moderatere Variante über gut 800 Meter bis zum Zusammenschluss mit einem Spessart-Kulturweg (gelbe Sternchen auf blauem Grund). Gemeinsam setzen sie das Bergab zu einem Teich in der Senke fort. Er wird von der nahebei entspringenden Barba­rossaquelle gespeist. Drüben erklimmt man jenseits des Forstweges abermals einen Hang, nach der Rechtskurve geht es flacher weiter. Bald treten die Markierungen auseinander. Wir bleiben links beim Kulturweg. Anschließend berührt er eine teils mit verwilderten Klein- und Obstgärten belegte Erhebung. Die Szenerie lässt nicht ahnen, dass sie einst Weinreben bestanden. Einen Wandel durchlief unter anderen Vorzeichen auch das nachfolgende, per Schlängelpfad erschlossene Gebiet. Hier ist es eine bis ins 18. Jahrhundert reichende Abbaustätte für quarzhaltigen Dolomit, aus der 1979 ein naturgeschütztes Areal wurde. Längst von Jungwald bedeckt, verraten aber große Löcher und haldenartige Hügel die frühere Verwertung. Ausgangs der noch in den Fünfzigerjahren genutzten, von Kalkbrennereien umgebenen Anlage heißt es rechts auf den breiten Forstweg einschwenken – dort treffen die Abkürzenden ein –, dann geht es nach knapp 300 Metern halb links an dem bis 1985 bestehenden Motodrom für Sandbahnrennen entlang. Am Ende siegten selbst hier Bäume. Noch eine Weile unter Buchen weiter, und wir erreichen freies Gelände. Auf Pferdekoppeln folgt ein großes Sportareal und schließlich das im Werden begriffene Neubaugebiet. Die vorgelagerte Straße mündet in den Kreisel, wo auch die Bushaltestelle liegt. Sehenswert Mit der 600 Hektar großen Bulau erstreckt sich östlich von Hanau ein fast siedlungsfreies Gelände. Im Einzugsgebiet von Main und Kinzig prägen sie ausgedehnte, teils geschützte Feuchtgebiete, aber auch sandige Böden und entsprechende Vegetation. Dennoch zogen die Römer den Limes quer durch das Areal, und im Spätmittelalter entstand anstelle einer Kapelle ein allerdings nur bis 1525 bestehendes Servitenkloster. Am besten blieben der Wohnturm, die Sakristei und der Brunnen erhalten. In der Nachbarschaft errichteten die Hanauer Grafen 1715 ein kleines Jagdschloss. Grundlegend restauriert, dient es seit 1868 als Forstamt, dem eine 1826 begründete Samendarre vorausging. Beide sind heute die größten Einrichtungen ihrer Art in Hessen. Das gesamte Areal ist mit Rad- und Wanderwegen gut erschlossen, wobei man sich im hügeligen Südosten zwischen Bayern und Hessen bewegt. Anfahrt Rodenbach liegt am Schnittpunkt der Autobahnen 45 und 66. Bei letzterer nutzt man den Anschluss Hanau-Ost zur B 43a. Die weitere Anfahrt ist ausgeschildert, ebenso – noch vor Niederrodenbach – das Altenzentrum. Hier oder am nahen Kreisel gibt es viel Parkraum. Stündlich verkehren Regionalbahnen; ab Bahnhof Buslinie 52; weitere Verbindungen über Langenselbold und Linie 53.