FAZ 30.01.2026
14:15 Uhr

Der Wandertipp: Urlandschaft am Untermain


Eine wundersame Wandlung durchlief das Areal der „Dietesheimer Steinbrüche“ vom ­Basaltabbau zu einem Naturrefugium mit elf Seen. Zahlreiche Funde aus ­prähistorischer Zeit bewahrt das ­Schlossmuseum in der Steinheimer Altstadt.

Der Wandertipp: Urlandschaft am Untermain

Steil aufragende Felsen inmitten dicht bewachsener Seen: Auf den ersten Blick erscheint die Landschaft zwischen Mühlheim und Hanau-Steinheim wie ein Abbild ferner Zeiten. Doch vor 45 Jahren sah es hier noch völlig anders aus. Nach mehr als 100 Jahren Basaltabbau standen dort kahle Steinwände über einer staubtrockenen Sohle. Die wundersame Wandlung zu einem im Rhein-Main-Gebiet einzigartigen Naturrefugium begann, als der damalige Umlandverband Frankfurt das 150 Hektar große Gelände mit mehr als 100.000 Bäumen und Sträuchern rekultivierte und, als Grundwasser eindrang, elf Seen unterschiedlicher Größe anlegte. Trotz dieser Starthilfe erstaunt es, wie rasch sich dort hochsensible Tier- und Pflanzenarten ansiedelten. Raritäten, etwa Sumpfsternmieren oder weiße Seerosen, finden ebenso Rückzugsräume wie Turmfalken und Fledermäuse in den Felsnischen. Die reiche amphibische Gesellschaft erhielt sogar Zuzug durch 2000 Mauereidechsen, die für ein Baugebiet in Hanau weichen mussten. Unter Beachtung entsprechender Ge- und Verbote darf auch die Gattung des Homo sapiens die Dietesheimer Steinbrüche, wie das Refugium offiziell heißt, aufsuchen. Acht Kilometer Wanderwege folgen den Abbruchkanten der Gewässer. Beeindruckend ist der brückenüberspannte „Canyon“ zwischen Vogelsberger und Oberwaldsee. Dort und von mehreren Aussichtspunkten lässt sich die Szenerie gut einsehen. Wie weite Gebiete des flachen, ungleich breiteren Untermains wurde die „Urlandlandschaft“ seit alters von Menschen aufgesucht. In den abgelagerten Kies- und Sandbänken sowie namentlich am hochwasserfreien, gut zum Fischen und Jagen geeigneten Gailenberg kamen unzählige Gefäße, Werkzeuge und Waffen bei Grabungen zum Vorschein. Dem 1844 gegründeten Hanauer Geschichtsverein ist zu verdanken, dass sie schon früh geborgen und erforscht wurden. Für eine ansprechende Aufbereitung konnte nach der Eingemeindung 1974 keine bessere Heimstatt als das Steinheimer Schloss gefunden werden. In die kleineren Räumlichkeiten mit ihren Ecken und Nischen ließen sich ganze Gräber samt Beigaben übertragen und die Vitrinen effektvoll anordnen. Anhand eines Altstadtmodells kommt Steinheims jüngere Vergangenheit nicht zu kurz, schließlich prägte es eine gänzlich andere Entwicklung als der Hauptort jenseits des Mains. Ursprünglich den Eppsteiner Herren gehörend, ging das Städtchen vor 600 Jahren auf dem Kaufwege an das Erzbistum Mainz und blieb – im Gegensatz zum protestantischen Hanau – stets katholisch. Als bedeutendes Bindeglied zu ihren Spessart-Besitzungen durfte sich Steinheim der kurmainzischen Aufmerksamkeit gewiss sein. Die Kirchenfürsten ließen die 1222 erstmals genannte Burg und den Mauerring ausbauen, und selbst die Pfarrkirche St. Johann Baptist wurde zinnenbekränzt einbezogen. Im Schutz der Burg entstand ein bürgerliches Gemeinwesen, dessen Wohlhabenheit einem Schmuckkästchen inzwischen sanierter Fachwerk- und Steingebäude zustattenkam, das auch den Zweiten Weltkrieg fast geschlossen überdauerte. Wegbeschreibung Steinheim besitzt zwar S-Bahn-Anschluss, aus Sicht des historischen Kerns liegt die Station allerdings weitab. Eine Busverbindung besteht aber, so man nicht am Main zu Fuß herüberkommt. Für Autofahrer gibt es einen Großparkplatz unter der Brücke der B 43a, von wo es nur wenige Hundert Meter zum Maintor für den Eintritt in die Altstadt sind. Vom gastronomisch geprägten Platz des Friedens gelangt man rechts zum Schloss. Ein Museumsbesuch lässt sich dank durchgehender Öffnung am Sonntag auch zum Finale aufheben. So oder so gilt das Augenmerk zunächst der gotischen Kirche St. Johann Baptist mit ihrem Wehrturm und den zahlreichen Fachwerkhäusern ringsum, darunter mehrere aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Um beim Verlassen von Steinheim der viel befahrenen Darmstädter Straße auszuweichen, kann die parallele Schönborner Straße genutzt werden. Mit ihr läuft man über den Friedhof hinaus bis zum Ende und links in die Elisabeth-Langgässer-Straße. Von der Wendeschleife führt ein Weg zur Treppe auf die Brücke über die B 45; auf der anderen Seite geht es weiter neben der Fahrbahn zur nahen Kreuzung vor einem Physiotherapie-Zentrum. Anschließend bleibt es beim Geradeaus, wobei dann Wald beginnt. Auch hier schreitet der Wandel zu einem naturbelassenen Bestand fort. Umgestürzte Bäume und Strauchwerk könnten ein Fingerzeig auf die frühere Bewaldung sein, ­tatsächlich war der Untermain in prähistorischer Zeit aber nur spärlich bewachsen. Das erlaubte, an Erhebungen wie dem Gailenberg zu lagern. Wegen späteren Schwemmguts unterscheidet sich der 130 Meter hohe Hügel kaum mehr von der Umgebung, blieb aber waldfrei zugunsten von Streuobst und knorrigen Eichen, darunter eine siebenstämmige. Der Weg davor weist zurück in den prachtvollen Laub- und Kiefernwald. Eine leichte Rechtskurve geht in die Gerade über, endend nach 300 Metern an einem Querweg. Schilder zum „Galgen“ verweisen – durch den Rechts-links-Schlenker – auf die beiden in kaum 200 Meter Entfernung aufragenden Steinsäulen der erstmals 1579 erwähnten Richtstätte. Auch ihr Standort spricht, wie gut erkennbare Hügelgräber, für frühere Waldfreiheit. Retour, biegt man an besagter Doppelkurve gleich rechts ein und kommt geradeaus über gut einen Kilometer der Dietesheimer Seenlandschaft näher. Sie ist unterdessen fast vollständig eingewachsen, sodass es Schautafeln bedarf, um auf die Gewässer und Rundwege aufmerksam zu machen. Am spektakulärsten dürfte die Variante durch das Terrain unter Einschluss des „Canyons“ zwischen Vogelsberger und Oberwaldsee sein. Hierzu läuft man noch etwas geradeaus, um dann der Ausschilderung „Uferweg“ zu folgen. Vor Steinbruchwänden weist er bis an den Vogelsberger See und mittels Treppen wieder hinauf, ehe er die brückenüberspannte Schlucht ansteuert. Bald danach trifft man auf eine Gabelung. Etwas kürzer ist die rechte Variante gen Oberwald/Hansteinweiher, so nicht links – Am Spatzenrain – die Schleife um Grünen und Neuen See angehängt wird. Dazwischen liegt ein indisches Gasthaus mit Terrasse. Dessen Zufahrt mündet in einen breiten Weg. Dort, am Hansteinweiher, biegt man rechts ab zur nächsten Station, dem naturgeschützten Oberwaldsee. Fast ungestört kann von Podesten das Treiben der Wasservögel um zwei Inselchen beobachtet werden. Auch im weiteren Verlauf bleibt der Wald erhalten, in dem man dann das blaue M des Mainwanderwegs findet. Es übernimmt die Führung auf der Reststrecke im Forst und strebt nach Unterqueren der B 45 im Gailingsweg durch neuere Wohnviertel Steinheims. Ohne das M lässt sich hinter dem Schulgelände etwas verkürzen: davor rechts auf den Fußweg, links den Burggarten kreuzen, dann Ludwig-Kloos-Straße, an ihrem Ende rechtsseitig hinab zur Ludwigstraße und auf der anderen Seite im Brückenfeldgraben zum Main. Hierbei kommt das M wieder ins Spiel. Es leitet ein Stück am Ufer entlang und weist vor dem Schloss nach rechts zu einem Treppenweg, der um die hohen Mauern und den Marstall aus dem 15. Jahrhundert in den Hof zwischen Burgturm und den klassizistischen Gebäuden führt. Sehenswert Als seit der Steinzeit genutzter ­Siedlungsplatz besitzt der Hanauer Stadtteil Steinheim bedeutende ­prähistorische Zeugnisse. Zahlreiche Artefakte und Grabbeigaben werden im Schlossmuseum gezeigt. Auch Exponate einer römischen Siedlung am Main sind reich vertreten; ­nachgebildet ist ein Mithräum. Steinheim wirkt, da nie flächenhaft zerstört, selbst wie ein Freilichtmuseum. Die Altstadt besitzt bis ins Spätmittelalter reichende (Fachwerk-)Gebäude sowie Befestigungen aus kurmainzischer Zeit. Die ­Erzbischöfe hatten die Burg – ­abgesehen vom Turm – zugunsten eines (unvollendeten) klassizistischen Neubaus abgerissen. Öffnungszeiten Schlossmuseum Steinheim: sonntags von 11 bis 17 Uhr; im ­Sommerhalbjahr kann der Turm ­bestiegen werden. Indisches Restaurant „Zum ­Grünen See Eck“, täglich 11 bis 22 Uhr, Telefon 0 61 08/8 25 77 76 Anfahrt Steinheim liegt im Schnittpunkt der nach dem Hanauer Kreuz (A 3) geteilten Bundesstraßen 45 und 43a. An dieser wird die Zufahrt als „Altstadt“ angezeigt. Es fehlt ein Hinweis auf den Parkplatz am ­Mainufer (noch vor der Ortseinfahrt in Richtung Seligenstadt). Von westlicher Seite via Mühlheim (B 43) ist er ausgeschildert. Alle halbe Stunde gibt es eine Verbindung vom S-Bahnhof ­Steinheim (S 9) zur Altstadt, ­Kardinal-Volk-Platz (Bus 4).