FAZ 20.02.2026
09:12 Uhr

Der Wandertipp: Mit Freiheitsdrang auf den Schrenzer


Hessische Städte schmücken sich gerne mit Zusatznamen. Nun will Butzbach in der Wetterau Friedrich Ludwig Weidig als Streiter für Freiheit und nationale ­Einheit würdigen.

Der Wandertipp: Mit Freiheitsdrang auf den Schrenzer

Noch bis vor wenigen Jahren war es unvorstellbar, den Ortsnamen durch die ergänzende Bezeichnung einer mit der Gemeinde verbundenen Persönlichkeit aufzuwerten. Obwohl die hessische Gemeindeordnung dies schon immer erlaubte – nach Prüfung durch das Innenministerium –, blieb es über Jahrzehnte bei Ergänzungen wie Bad oder Landeshauptstadt. Erst mit der allgemeinen Rückbesinnung, die im Lokalen eine Antwort auf das Globale suchte, entdeckte man die Persönlichkeiten, auch wenn sie wie Konrad Zuse lediglich in einem Ort ihrer Wahl lebten. Das hinderte Hünfeld 2006 nicht, den nun gut zum Zeithintergrund passenden Computererfinder als eine der ersten Städte per Zusatznamen einzugemeinden. Darauf erinnerten sich Kassel und Steinau der Brüder Grimm, Wolfhagen entreißt jetzt den Brasilien-Forscher Hans Staden und Frankenberg den Bildhauer Philipp Soldan dem Vergessen, und zuletzt, im November 2024, erwählte Friedrichsdorf im Taunus den Telefonerfinder Philipp Reis zum Namenspatron. Aufnahme in „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ Gemessen daran, hat sich die Wetterau-Gemeinde Butzbach mit Friedrich Ludwig Weidig 2010 einem weitaus schwierigeren Kandidaten verschrieben. Tragik und Scheitern sind ungünstige Ratgeber bei der Vermittlung eines Lebens, das nicht eben Allgemeingut ist. Diesem Kämpfer für Demokratie und Mitstreiter Georg Büchners Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist der Gemeinde zweifellos ein aufrichtiges Anliegen. Jüngst fand dies in der vom Bund getragenen „Stiftung Orte der deutschen De­mo­kra­tie­geschichte“ Aufnahme und Wür­digung. Anlass bot – zusätzlich zu einem bestehenden Rundweg durch die Altstadt mit Lebensstationen des Pfarrers und Rektors – die Eröffnung einer Weidig-Abteilung innerhalb der ohnehin mustergültigen Ausstellung zu Vormärz und Revolution von 1848/49 im Stadtmuseum. Jetzt kann auch wieder daran erinnert werden, dass Weidig 1814 auf der Anhöhe „Schrenzer“ im Geiste nationaler Befreiung als Erster im Großherzogtum Hessen-Darmstadt Turn- und Wehrübungen abhielt. Unglücklicherweise waren es Nationalsozialisten, die zum 100. Todestag 1937 ein „Bergturnfest“ in ganz anderem Ungeist ausrichteten. Im Verständnis der Turner, das Freiheits- und Bewegungsdrang in eins setzt, behielt man es aber bei, und auch ein damals errichteter Findling mit Weidig im Halbprofil wurde als unbedenklich erachtet und unverändert gelassen. Vermutlich ließ Weidig seine Schüler, also Bürgersöhne, antreten. Vorherrschend war die bäuerliche Welt, wie sie, vom Schrenzer gut zu überschauen, noch heute die fruchtbare Wetterau prägt. Ob die Bauern geknechtet wurden wie im „Hessischen Landboten“ beklagt, ist nicht mehr zu entscheiden. Am drückendsten war wohl die Steuer- und Abgabenlast. Die stattlichen Gehöfte vielerorts sprechen auch für eine andere Seite: Man zeigte Stolz und Wohlstand durch verziertes, aufwendig gestaltetes Fachwerk. Westlich vom Schrenzer hat sich mit Ebersgöns eines dieser Dörfer im Kern erhalten. Typisch sind in Oberhessen um einen rechteckigen Hof gruppierte, nach außen vollkommen abgeschlossene Gebäude, die im Volksmund Bauernburgen genannt werden. Die überdachte Einfahrt besteht aus zwei Flügeln, darüber sind Gefache und Streben, die wie die umgebenden Hölzer geschnitzt und farbig ausgelegt oder mit Sinnsprüchen und Hinweisen auf die Erbauer versehen wurden. Wegbeschreibung So nicht Stadtrundgang und Museumsbesuch voranstehen, erreicht man – begleitet von den Markierungen schwarzer Punkt und blauer Strich – vom Butzbacher Bahnhof aus in gut zehn Minuten den Schrenzer auf der ansteigenden Taunusstraße, oben im Wald dann rechts. Autonutzer können direkt hinauffahren und vom Parkplatz am Freibad einige Schritte zum Anschluss an die Zeichen hinabgehen. Ob man den Weidig-Gedenkstein jetzt oder später aufsucht, macht keinen Unterschied. Die Zeichen führen sogleich tiefer in den Wald, vermeiden jedoch Forstwege. Zwischen hohen Buchen und Kiefern verlaufen sie stets über Schlängelpfade. Das wellige Terrain ist nicht allzu fordernd, aber eine Versuchung wert darf die nach gut einer halben Stunde anzutreffende zünftige Einkehr „Forsthaus Butzbach“ nahe einem Segelflugplatz sein. Dahinter finden die Lotsen über einen Holzsteg wieder in Wald zurück, jetzt assistiert vom schwarzen Dreieck. Ihm schließt man sich geradeaus an, wenn in Richtung Ebersgöns verkürzt werden soll. Nach dem Waldaustritt liegt hier der Vulkankegel des Dünsbergs beeindruckend vor Augen. Bei der ausholenden Runde mit den bisherigen Markierungen versperrt der abwechslungsreiche Wald zwar die Sicht, bietet aber eine große Grillhütte. Noch weit davor ist darauf zu achten, dem links abbiegenden blauen Strich nicht zu folgen und 300 Meter danach auch nicht länger dem schwarzen Punkt. Justament an dieser Stelle – geradeaus – fehlt das zuvor aufgetretene Naturpark-Zeichen roter Fuchs (rechts steht ein historischer Grenzstein). Bald ist es wieder da, um über 400 Meter mit dem Weg des blauen Punktes zu verbinden. Der führt rechts bei leichtem Gefälle abwärts, bis die stimmungsvolle Raststation auftaucht. Die wäre vielleicht eine Alternative, da es im Zen­trum von Ebersgöns keine Gastronomie mehr gibt. Wohnburgen heutigen Zuschnitts sind zu passieren, ehe den Wanderer die geschlossene Fachwerkgalerie umfängt. Auch frei stehende Gebäude zeigen kunstvolles Fachwerk, und selbst dem Pfarrkirchlein fehlt es nicht an einer hölzernen Außentreppe. Dort muss man sich auf einen Farbwechsel einstellen – jetzt übernimmt das Zeichen rotes Dreieck. Mit ihm verlässt man rechts hinaus (Zur Pfingstweide) zwischen großzügigen Eigenheimen den Ort. Zunächst geht man schnurgerade durch Felder aufwärts, dann unter stattlichen Bäumen. Eine Weile ändert sich an der Richtung wenig, erst eine vor den Bäumen erkennbare Streuobstwiese ist das Signal, rechts und gleich links abzubiegen. Dort geht es noch etwas bergauf, bevor nach dem Linksabbiegen 500 Meter weiter Gefälle zu Neubauten am Rande Butzbachs einsetzt. Davor schwenkt das Dreieck im Verbund mit dem Limeswanderweg rechts ein und begleitet zwischen Wald und Gärten, um schließlich nach 700 Metern den Limes zu queren. Die Zeichen umgehen ihn oberhalb; man kann und darf auch über die Wallkrone aufsteigen. Dank der Steilheit blieb der römische Grenzwall in erstaunlicher Mächtigkeit erhalten. Kurz vor dem Schrenzer kann man gleich hinüberwechseln oder noch ein Stück klettern, endend an einem 1957 nachgebildeten Wachturm samt Palisade. Die Größe und Lehm-Reisig-Gefache entsprechen kaum mehr heutigem Erkenntnisstand, dennoch bleibt er unverändert, da als „wichtiges Zeugnis aus der Frühzeit archäologischer Rekons­truktion“ geltend, wie es auf einer Erläuterungstafel heißt. Quasi mit dem strategischen Blick der Römer über Wetterau und Vogelsberg läuft man abwärts zum Gedenkstein für Friedrich Ludwig Weidig. Von dort aus geht es rechts zurück zu den Parkplätzen oder weiter die Kleebergstraße hinunter und nach rechts (Nussallee) gen Bahnhof. Anfahrt Mit dem Auto über die A 5 bis Ausfahrt Butzbach, weiter mit der Hauptrichtung Nord/Hallenbad zu einem Verkehrskreisel und die zweite Abfahrt unter den Gleisen gen Schrenzer. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Aus Richtung Süden fährt jede Stunde ein Zug nach Butzbach, weitere Verbindungen bestehen, wenn man in Friedberg umsteigt. Sehenswert Der Dreiklang aus Kirchen, Schloss und zahlreichen, denkmalgeschützten Fachwerkbauten zeichnet Butzbach aus. Vom großzügigen Marktplatz mit dem Alten Rathaus von 1560 und weiteren, teils reich verzierten Häusern erreicht man die wichtigsten Bauwerke. Im Stadtmuseum werden Faltblätter zum Rundgang auf Weidigs Spuren vorgehalten (auch im Internet einsehbar). Er schließt freilich nicht den 320 Meter hohen Schrenzer oberhalb der Stadt ein, wo Weidig 1814 Turn- und Wehrübungen abhielt. Zentraler Blickfang in dem von prächtigen Eichen bestandenen Hanggelände ist ein 1937 ihm zu Ehren errichteter Gedenkstein. Am Waldrand verlief der dort gut erhaltene römische Limes, ergänzt um einen (1957) rekonstruierten Wachturm. Das auf einer fruchtbaren Hochebene liegende Ebersgöns besitzt noch einen geschlossenen Kern der regionstypischen „Bauernburgen“ – mit überdachten, teils verzierten Toren abgeschlossene Fachwerkgehöfte aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Einkehren „Forsthaus Butzbach“, samstags und sonntags von 11.30 bis 20 Uhr, freitags und montags von 16 bis 20 Uhr, www.forsthaus-butzbach.de Öffnungszeiten Stadtmuseum, Färbgasse 16 in Butzbach, freitags bis sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr, sonntags auch von 10 bis 12 Uhr sowie mittwochs von 15.30 bis 19.30 Uhr