FAZ 16.01.2026
11:00 Uhr

Der Wandertipp: Für den Zusammenhalt Frankfurts


Eine Erfolgsgeschichte: Seit 35 Jahren schützt der „Grüngürtel“ ein Drittel des Frankfurter Stadtgebiets vor Begehrlichkeiten. Mit Wäldern, Wiesen, Biotopen und Alteichen ist der Südwesten besonders vielfältig.

Der Wandertipp: Für den Zusammenhalt Frankfurts

Allen Begehrlichkeiten zum Trotz erfüllt der vor 35 Jahren einstimmig von den Stadtverordneten in Frankfurt beschlossene „Grüngürtel“ seine Aufgabe, gut ein Drittel, was 8000 Hektar entspricht, der Mainmetropole von Bebauung freizuhalten. Sichtbar und symbolträchtig umschließt ihn ein 65 Kilometer langer Rundweg, wobei die Vielgestaltigkeit der Landschaftsformen die Richtung vorgibt – Wälder, Obstwiesen, Feldflure, Biotope und Flussläufe. Im Norden durchmisst der Grüngürtel weite Strecken offenen Terrains, vom Seckbacher Ried über den Berger Rücken bis zur renaturierten Nidda, während die Etappe südlich des Mains den Stadtwald umfasst. Zweifellos bildet er das Herzstück, nicht nur nach Ausdehnung (mehr als 4000 Hektar) und für die Frischluftgewinnung, er ist auch historisch eng mit der Stadt verbunden. Dank des 1372 erworbenen Königsforstes stieg Frankfurt zur Reichsstadt auf. Dort, blickt man weit zurück, liegen seine Anfänge buchstäblich begraben. Im gesamten, damals eher waldarmen Gebiet finden sich Hügelgräber der Bronze- und Eisenzeit. Vor allem aber wirkte die kilometerlange Kelsterbacher Terrasse nahe Schwanheim konservierend. Seit 100.000 Jahren vom ungleich mächtigeren Main aus nacheiszeitlichem Schwemm­gut gebildet, zog die hochwasserfreie Barriere früh Menschen an. Die ältesten Artefakte werden einem etwa 60.000 Jahre alten Hominiden zugeschrieben. Er gilt, wie im Heimatmuseum mit seinen zahlreichen Funden listig vermerkt, als der „Urfrankfurter“, schließlich dürfte er ideell die wichtigste Morgengabe bei der nicht ganz freiwilligen Eingemeindung Schwanheims 1928 gebildet haben. Die gut 20 Meter hohe Geländestufe lässt sich vollständig abgehen. Sie entspricht mehr einer Hochebene mit unregelmäßigen Flanken, die allerdings im Nordosten steil und plan ausfallen. Derart geglättet kann der Main das Treibgut nicht abgelagert haben. Tatsächlich, klären den Grüngürtel begleitende Infotafeln auf, nutzte man es als wohlfeiles Baustofflager. Erst holte sich die Gemeinde Material zum Straßenbau – mit den Trümmern des 1944 zerstörten Frankfurts teilweise wieder aufgeschüttet –, dann gab Schwanheimer Kies dem 1888 eröffneten Hauptbahnhof Frankfurts ausreichend Standfestigkeit. Nicht zuletzt das Landschaftsbild zwischen „Terrasse“ und Bebauung mit Wäldern, Grasflächen, Dünen und brackigen Altmainarmen erscheint wie hinübergerettet aus ferner Zeit, und doch ist auch dies weitgehend Menschenwerk. Als Gemeinschaftsweide blieben die heute naturgeschützten Schwanheimer Wiesen von Verbuschung frei, wogegen man die Eichen am südöstlichen Ortsrand für die Schweinemast auswachsen ließ. In den 400 bis 600 Jahre alten Patriarchen fand die Kronberger Malerkolonie ein dankbares Motiv. Fritz Wucherers Gemälde von 1899 „Bei den Schwanheimer Eichen“, das als großformatige Kopie unter den Bäumen steht, zeigt ein offenes, fast parkartiges Terrain. Späteren Wildwuchs entfernte man für den Grüngürtel, um es später wieder zuwachsen zu lassen. Wie unterdessen faktisch der gesamte Stadtwald wird selbst aus kulturell wertvollen Beständen nun Naturwald. Wegbeschreibung Wanderbeginn ist an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 12. Man biegt gleich links auf die Bahnstraße – hier ein langer Parkstreifen – , vorbei am Kobeltzoo und kurz darauf am großen Waldspielpark. Zum Queren der Schwanheimer Wiesen eröffnet er drei Möglichkeiten: entweder über den Parkplatz und weiter vor dem Waldrand oder ausgangs der Anlage rechts durch das Offenland, und schließlich besteht die Option, hinter einem Sportzentrum den Südrand zu nutzen. Diese Variante empfiehlt sich, soll die Schleife um den Altarm des Mains namens Rohsee ausgelassen werden. Dann, schon unter Bäumen, nimmt man nach 800 Metern links das Zeichen stilisiertes G des Grüngürtels auf. Über die Lichtetalschneise stellt es die Verbindung zur Kelsterbacher Terrasse her. Die am Abzweig liegenden „Monstereicheln“ entstammen der Vision, den Grüngürtel mit Arbeiten von Protagonisten der sogenannten Neuen Frankfurter Schule aufzuwerten. Hier war es F. K. Waechter, der auch den „Struwwelpeter“ für die Schwanheimer Wiesen entwarf. Bei Wahl der goldenen Mitte hinter dem Spielpark gelangt man nach einem Kilometer zur Kopfweide, deren Ruten als „Haare“ frisiert sind. Dahinter biegt man rechts ab und läuft dem Wald entgegen. An der Schutzhütte geht es gleich links und über den Pfad zu einem Querweg; dort rechts auf den Damm der Bundesstraße zu. Knapp davor weist links ein Holzschild gen Rohsee. Bilden umgestürzte Stämme schon eine bewegende Szenerie, lassen am Gewässer aufgestelzte Erlen, Bauminselchen und dichte Schilfzonen eher an Mangrovenwälder denken. Nur die Wanzenschneise schlägt eine Bresche; ihr schließt man sich nach links an. Nach 400 Metern stößt sie zur Langschneise vor der „Terrasse“. Die hohe Böschung ließe sich direkt entern; bequemer ist aber der Zugang durch einen Geländeeinschnitt. Hierfür folgt man der Langschneise hundert Meter nach rechts und dann links hinan, am ersten Weg links und am nächsten rechts (Schwedenschanzenschneise). Sie bleibt nach kaum 200 Metern zurück, wenn es links in die Grenzschneise geht. Diese erinnert daran, dass die markante „Terrasse“ von alters her als Territoriallinie diente. Gut erhalten sind Steine, mit denen sich im 19. Jahrhundert das Herzogtum Nassau abgrenzte. Zwischenzeitlich trat das weiße „G“ des Grüngürtelwegs hinzu. Seiner Dienste bedarf es beim fast steten Geradeaus aber wenig: erst in Laubwald und nach Queren der Bahnstraße in dichtem Nadelforst hilft es. Jetzt marschiert man direkt an der steilen Abbruchkante. Rund ein Kilometer wurde das Plateau für den Bau – nicht nur – des Hauptbahnhofs abgetragen. Die Natur deckt mittlerweile vieles zu, doch wie tief die ursprüngliche Fläche reichte, lässt der spärlich bewachsene Kessel vor der Schneise Unterschweinstiege erahnen. Mit dem historischen Weg, über den die Frankfurter ihre Schweine zur Eichelmast in einen großen Pferch samt Unterstand („Stiege“) trieben, lässt man die Geländestufe links ab zurück und läuft geradeaus bis Goldstein. Hinter dem Waldfriedhof biegt man vor den Straßenbahngleisen links auf die Dammschneise, überwechselnd aus der Rechtskurve zum Harthweg. Kurz nach der nahen Kreuzung öffnet ein kurviger Weg den Hain der Alteichen. Fritz Wucherers Gemäldekopie steht ungefähr in der Mitte. Im Vergleich erscheint das bizarre Geäst mancher Bäume fast unverändert. Nur die inzwischen herangerückte Bebauung fehlt. Seit 1889 fuhr hier aber die mit Frankfurt verbindende Straßenbahn. Ihre Endstation kommt nach dem Waldaustritt durch die Rheinlandstraße rasch näher. Das dortige Verkehrsmuseum ist wegen Umbau aktuell geschlossen, nicht jedoch das erst vor einigen Jahren grundlegend neu gestaltete Heimatmuseum im älteren Teil Schwanheims. Bemerkenswert sind „Raum in Raum“-Installationen, so der Goldsteiner Burg oder eines mit allen Funden – samt eingeschlagenem Schädel – original übertragenen Brunnens der Römer. Sehenswert Als seit der Steinzeit genutzter ­Siedlungsplatz besitzt Schwanheim die bedeutendsten prähistorischen Zeugnisse Frankfurts. Hauptfundort ist die hochwasserfreie, aus Schwemmgut des urzeitlichen Mains gebildete Kelsterbacher Terrasse. Die teils im Heimatmuseum gezeigten Artefakte reichen etwa 60.000 Jahre zurück. Außerdem blieben zahlreiche Hügelgräber der ­­­Bronze- und Eisenzeit erhalten. Von großer kultur- und naturkundlicher Bedeutung sind mehrere Biotope, so der Altarm des Mains („Rohsee“) oder die im Spätmittelalter angelegten Schwanheimer Wiesen. Sie dienten der Vieh­wirtschaft, ebenfalls ein Hain rund 500 Jahre alter Huteeichen. Öffnungszeiten Heimatmuseum, Alt-Schwanheim 6, sonntags von 14 bis 16 Uhr (Eintritt frei); außer dem Verkehrsmuseum, das saniert wird, ist im Winter auch der Kobeltzoo ­geschlossen. Anfahrt Bei Anreise über die A 5 aus ­nördlicher Richtung ist zu beachten, dass die Anschlussstelle Niederrad keine Ausfahrt besitzt. Inner­städtisch empfiehlt sich die links­seitige Uferstraße des Mains; die Ausschilderung „Verkehrsmuseum“ führt um den alten Kern ­Schwanheims. An seinem Südrand endet die quer durch Frankfurt ­fahrende Straßenbahnlinie 12.