Was vor 35 Jahren mit Stilllegung des Kohlekraftwerks in Wölfersheim endete, erscheint heute beim Blick über die nördliche Wetterau kaum mehr vorstellbar. Fast radikal wurden Bauten und Landschaftseingriffe des bis ins frühe 19. Jahrhundert reichenden Braunkohleabbaus beseitigt. Nicht zum Schaden für Natur und Naherholung. Die jetzt als „Wetterauer Seenplatte“ firmierenden ehemaligen Grubenlöcher zwischen Wölfersheim, Reichelsheim, Echzell und Hungen gehören heute Graugänsen, Silberreihern oder Haubentauchern. Dass die Wetterau ein Paradies für Wasservögel wurde, verdankt sich einem doppelten Glücksfall. Die Seen konnten nur entstehen, da man seit etwa 1960 aus wirtschaftlichen Gründen vom Tief- zum Tagebau übergegangen war und, als er endete, nicht genügend Material zur Verfügung stand, alle Gruben und sonstigen Aufrisse zu verfüllen. Teils ungesteuert, liefen sie schlicht voll. Böschungen für Heckenbrüter angelegt Unterdessen aber, zweiter Glücksfall, hatte das große Umdenken in Sachen Naturschutz eingesetzt. Die Ausweisung flächenhafter Feuchtgebiete, die Renaturierung von Flüssen – gipfelnd im 7400 Hektar großen Auenverbund Wetterau – bei rückläufiger Bedeutung der Landwirtschaft, erfasste schlussendlich auch die wilden Gewässer. In Hungen wurden die Uferzonen der Knappenseen für Deckung suchende Vögel abgeflacht, wogegen man beim 1998 unter Schutz gestellten Doppel von Teufel- und Pfaffensee die Böschungen zugunsten von Schwimmvögeln erhöhte und einen dichten Vegetationssaum für Heckenbrüter anlegte. Graureiher oder Bekassine sichtet man mithin weniger, dafür vom Beobachtungspunkt am Pfaffensee ganze Geschwader an Gänsen und Enten wie etwa Reiher-, Knäck- oder Krickenten. Anders ist das Bild am nahen Bingenheimer Ried. Als – ringsum einsehbare – Flachwasserzone mit Offenland kommt es allen auf Feuchtgebiete angewiesenen Vögeln zugute. Rund 250 Arten samt Durchzüglern werden gezählt, darunter seltene Spezies wie Rothalstaucher, Rohrweihe, Rallen und natürlich der als Symboltier für die Rückgewinnung ihrer Lebensräume stehende Weißstorch. Aus anfänglich zwei Paaren wurden in der Wetterau rund 140. Die Erfolgsgeschichte des Bingenheimer Rieds zeigt aber auch einen Zielkonflikt. Im Bestreben, die Tierwelt vor sich selbst zu schützen, wird nach Auffassung einiger Experten des Guten zu viel getan. Eine ortsfeste, gegen Verbuschen wirkende Rinderherde muss zur Brutzeit an die Westseite umziehen. Fast alle Bäume und Hügel verschwanden, damit Greifvögel keinen „Ansitz“ zum Ausräubern der Nester von Bodenbrütern haben. Und für die Abwehr ihrer ärgsten Feinde, Füchse und Waschbären, wurde zuletzt sogar ein 200.000 Euro teurer, fünf Kilometer langer Elektrozaun um das gesamte Naturschutzgebiet gelegt. Das kümmert die gefräßigen Nutrias allerdings wenig. Trotz Bejagung finden sie immer einen Weg ins Gelände, um die Schilfbestände auszuräumen. Gleichwohl erholten sich rare Exemplare wie Kiebitze, und auch sonst hat die Steuerung der Tier- und Pflanzenwelt ihre schönen Seiten. Da Wasser aus dem Pfaffensee jetzt sogar den Pegelstand reguliert, zeigt sich das Ried in einer Lebensfülle wie niemals zuvor in seinem gut vierzigjährigen Bestehen. Wegbeschreibung Bevor es zur Beobachtung der Wetterauer Vogelschau in das weite Offenland hinausgeht, empfiehlt sich ein kleiner Rundgang durch Reichelsheim. Bemerkenswert ist insbesondere die spätgotische Laurentiuskirche mit ihren mehr als 500 Jahre alten Ausmalungen der Heiligen Drei Könige und des Heiligen Christophorus im sternengeschmückten Chor. Hierzu läuft man vom Bahnhalt, an dem es auch viele Parkplätze gibt, die Raiffeisenstraße bis zur Einmündung in die Bad Nauheimer Straße, nach links und mit der Bingenheimer Straße gen historisches Zentrum. Neben der (geöffneten) Pfarrkirche sind das Alte Rathaus und an der Turmgasse der gedrungene Hexenturm aus dem 15. Jahrhundert sehenswert. Zurück in der Bad Nauheimer Straße, geht es nach links – ohne Ortsrundgang also rechts – und nach 200 Metern in die Ringstraße. Sie führt durch ein Eigenheim-Quartier, das man mit der Ulmenstraße links hinaus wieder verlässt. Sie endet an der zu überschreitenden Landstraße. Weiter geht es zwischen Feldern bis zur 200 Meter entfernten Kreuzung; dort nach rechts in Richtung des Ortenbergsgrabens. Auch danach wird mit Blick zum Taunus das Geradeaus auf asphaltiertem Feldweg beibehalten. Rechter Hand zieht die Gemeinde Heuchelheim vorüber. An ihrem Ende sichtet man selbst im Bauhof ein Storchenpaar. Auf Futtersuche in den Feldern begleiten die Tiere den Wanderer zum Pfaffensee 300 Meter voraus, an dem sie mangels Flachwasserzonen allerdings weniger unterwegs sind. Das Hauptaugenmerk gilt hier Schwimmvögeln, die sich seit dem Rückschnitt des Heckenwalls vom erhöhten Unterstand besser einsehen lassen. Wieder abgestiegen, setzt man neben der dichten Vegetation über begrastes Geläuf den Weg fort; vor und hinter der zu kreuzenden Landstraße ist er wieder befestigt. Der dann erreichte Querweg markiert den westlichen Teil des Bingenheimer Rieds. Aktuell gehört er der großen, bis zum Frühsommer ausquartierten Rotviehherde. Wie vom nahen Beobachtungsstand zu erkennen, zeigen sich Schwäne, Grau- und Nilgänse davon unbeeindruckt. Sie sind die auffälligsten Begleiter beim Weitergehen unmittelbar am gewöhnungsbedürftigen Elektrozaun um das Biotop. Den Hintergrund markieren zahlreiche Kopfweiden. Im Gegensatz zu Pappeln oder Eschen des Kerngebiets bleiben sie zum Zeichen einer gewachsenen Kulturlandschaft erhalten. In Höhe der Viehstallung biegt man am Zaun nach rechts auf den begrasten Weg, nach der Kreuzung geht es geradeaus bis vor den Bahndamm. Er bildet die buchstäbliche Leitschiene, wenn es jetzt an der Ostseite des Bingenheimer Rieds entlanggeht. Den rechten Wegsaum begrenzt der „Prädatorenzaun“, wie die längste Stromeinfriedung Hessens offiziell heißt, nur nach 1500 Metern unterbrochen vom frühesten Beobachtungsstand am Naturschutzgebiet. Das 1996 errichtete Holztürmchen erlaubt den besten Blick über die Wasserflächen und ihre nesterbesetzten Inselchen. Anders das Bild vom offenen Posten 400 Meter weiter. Dort sind die Auen flach genug, damit Watvögel und die ringsum brütenden Störche auf Nahrungssuche gehen können. Der Steg wurde dem angestammten Unterstand der Rinder vorgesetzt. Die Viehweiden reichen bis zur Bebauung von Reichelsheim, womit, zwischen großzügigen Eigenheimen, der Endpunkt nicht mehr fern liegt. Bei Ankunft am Bahnsteig empfiehlt sich, auch für Autofahrer, diesen zu nutzen, da rechtsseitig kein Zugang besteht. Oder man geht außen herum über Kleist-, Bingenheim- und Bahnstraße. Anfahrt Reichelsheim liegt zentral in der Wetterau, südlich von Wölfersheim und Echzell. Mit dem Auto fährt man von Friedberg über die B 275 nach Reichelsheim. Die Anreise mit der Bahn führt mit der S 6 oder RB über Friedberg. Von dort fährt die RB 48 im Halb- beziehungsweise Stundentakt. Sehenswert Fast im Zentrum großräumiger Schutzgebiete der Wetterau liegt Reichelsheim. Südlich das Naturschutzgebiet Erlen (mit zahlreichen Kopfweiden) und im Norden die ehemaligen Braunkohlegruben Teufel- und Pfaffensee sowie das 81 Hektar große Bingenheimer Ried. Von Beobachtungsposten ist die vielfältige Vogelschar gut einzusehen. Rund 250 teils bestandsgefährdete Arten werden gezählt, darunter Rohrweihe, Blaukehlchen oder der nur hier brütende Rothalstaucher. Am augenfälligsten sind zahlreiche Störche. Außerdem dient das Gebiet als wichtiger „Trittstein“ von Zugvögeln wie Wildgänsen und Kranichen. Das vom fruchtbaren Land profitierende Reichelsheim konnte sich im Spätmittelalter eine Stadtmauer leisten – von der noch Reste und der Hexenturm stehen – und den Bau einer Hallenkirche. Deren spätgotische Architektur blieb weitgehend erhalten. Sie birgt bedeutende Ausmalungen – Christophorus und die Heiligen Drei Könige – im Chor.
