FAZ 23.11.2025
17:55 Uhr

Der „Tatort“ aus Stuttgart: So misslingt öffentlich-rechtliches Erziehungsfernsehen


Kein Privileg der Älteren: Der Stuttgarter „Tatort: Überlebe wenigstens bis morgen“ möchte über Einsamkeit aufklären und gibt sich dabei leider zu viel Mühe.

Der „Tatort“ aus Stuttgart: So misslingt öffentlich-rechtliches Erziehungsfernsehen

Snobs, die über ein Genre-Produkt stolpern, das ihnen zusagt, sind häufig mit einem dubiosen Lob zur Stelle. Dieser Krimi, heißt es dann etwa, sei im Grunde überhaupt kein Krimi, sondern eine Milieustudie. Genre scheint besonders wertvoll zu sein, wenn es nicht mehr Genre ist. Hier kommt der Stuttgarter „Tatort: Überlebe wenigstens bis morgen“ ins Spiel. Wie fast alle Filme der Reihe aus den vergangenen Jahren ist er ein Grenzgänger zwischen Fernsehunterhaltung und pädagogischer Ambition. Und damit mehr als ein bloßer Krimi. Aber ist das auch gut? Nachdem die über Wochen verweste Leiche einer jungen Frau gefunden worden ist, beginnen Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) mit der Ermittlung. Niemand hat Nelly Schlüter (Bayan Layla), so der Name der Toten, als vermisst gemeldet. Sie rufe nur zu Geburts- oder Feiertagen an, sagt die Mutter (Idil Üner); umgekehrt landeten die Eltern bei ihr immer auf der Mailbox des Handys. Auch zur besten Freundin hatte sie keinen Kontakt mehr. „Morgen kommt es wieder andersrum“ Da stellen sich natürlich Fragen, von denen die einfachste lautet: Wie kommt’s? Erklärungsversuch Bootz (Denkermiene): „Durch Corona hat sich so viel verändert. Sozialer Rückzug. Depressionen. Einsamkeit. Das betrifft eben nicht nur die Älteren.“ Was sich als normale Figurenrede tarnt, markiert die Abzweigung in Richtung Debattenfilm – hier geht’s fortan um ein gesellschaftliches Problem, das auf den Websites von Zeitungen, Kliniken, Therapeuten und Bundesbehörden gleichermaßen diskutiert wird. Bootz hat in der Szene die Funktion des Erzählers, man könnte seine Einlassungen problemlos aus dem Off einspielen. Von dem Verfahren „Show, don’t tell“ will die Drehbuchautorin Katrin Bühlig jedenfalls nichts wissen. Da wir uns nun also auf Reizthementerrain befinden, muss bereits Gesagtes der Deutlichkeit halber wiederholt werden. Und es macht nichts, wenn es abermals so aus dem Mund der Figur herauspurzelt, als erlebe sie einen Heureka-Moment. Die Psychotherapeutin Christine Haller (Lana Cooper) über die Verstorbene: „Vor allem war sie einsam.“ Bootz (Denkermiene): „Einsamkeit ist kein Privileg der Alten mehr, ne?“ Haller: „Nee, schon lange nicht mehr.“ Bitcoins hier, Trojaner da Dass Nelly auf Dating-Portalen und in Selbsthilfeforen unter dem Namen „Solitude“ unterwegs war, ist nur konsequent. Dass sich der Name eines Forums und der Titel des „Tatorts“ an einen Song von Gerhard Gundermann anlehnen – geschenkt. Dass aber Elvira Möbius (Daniela Holtz) ihren Kollegen Lannert und Bootz das Lied dann auch noch allen Ernstes am Telefon vorsingen muss – man möchte schon wissen, wie es kommt, dass die Regisseurin Milena Aboyan die ­Möglichkeit einer Blamage gar nicht erst in Betracht zu ziehen scheint: „Überlebe wenigstens bis morgen / Denn morgen kommt es wieder andersrum / Die Reichen müssen sich bei dir was borgen / Die Aufsteiger steigen wieder ab und um.“ Die intonierte Durchhalteparole wird vorgetragen im Zusammenhang mit einem möglichen Suizid. Und es tut dem Krimi im „Tatort“ nicht gut, dass der für die Öffentlich-Rechtlichen typische und auch hier angestrebte Mehrwert aus dem Film ein ästhetisch zerfallendes, zwischen Horror und Sozialdrama vagabundierendes Allerlei macht: Populärpsychologie trifft auf Schockbilder der Leiche, wir sehen Maden und Nellys Tagträume, das Darknet taucht als jenes Schattenreich auf, das es ist, gehackte Streams hier, Bitcoins und Trojaner da. Die Nebenfiguren sind theaterhaft überzeichnet und mitunter kaum in der Lage, sich normal auszudrücken: „Ja, okay, ich hatte was mit der Mieze.“ Die Mitglieder der Polizeitruppe wiederum sind mal aufs Wesentliche reduzierte, zur Essenz ihrer jeweiligen Charaktereigenschaften verdichtete Karikaturen, dann wieder verwandeln sie sich in Nachhilfelehrer: „Ghosting“, so Möbius, „gab es auch schon zu meiner Zeit. Da nannte man es nur noch nicht so. Aber es war schon immer das einfachste Tool, sich aus Beziehungen zu lösen, die einen nicht weiterbringen.“ Das einfachste Tool, sich aus Filmen zu lösen, die einen nicht weiterbringen? Möglichst schnell umschalten. Tatort: Überlebe wenigstens bis morgen am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.