Es war Silvester 2021. Ich trug einen beigefarbenen Anzug und hatte meine Haare sorgfältig nach hinten gegelt. Meine Freundinnen und ich standen auf einem Balkon mitten in Frankfurt. Ich blickte der Skyline entgegen und hielt nicht nur eine Zigarette, sondern auch eine Champagnerschale in meiner Hand. In drei Minuten sollte das neue Jahr beginnen. Also zündete ich meine Kippe an und füllte das Glas mit Crémant. Zuvor hatte ich in solchen Momenten immer Sekt getrunken. Er sollte trocken sein und kurz knallen. Das war alles, was ich von einem Schaumwein erwartet hatte. Doch dieses Jahr brauchten wir etwas Besseres in unseren Gläsern. Etwas, mit dem wir uns in Würde von diesem Krisenjahr verabschieden konnten. Ich griff im Aldi nach Crémant. Hier ging es um einen Aufstieg Mir gefiel, dass er quasi Champagner war, nur eben ohne in der französischen Champagne hergestellt worden zu sein. Außerdem mochte ich das Etikett der Flasche und den Klang des Namens: Crémant de Loire Brut. Der Geschmack spielte damals keine Rolle. Hier ging es um einen Aufstieg. Wenn in unseren Schalen schon kein Champagner sprudelte, dann doch wenigstens Crémant. Der Schaumwein war ein oberflächliches Statussymbol. Seinen Geschmack erwähne ich trotzdem gerne: Crémant schmeckt zart. Weniger aufdringlich als Champagner und feiner als Sekt. Er prickelt auf der Zunge, aber nicht zu sehr. Er hinterlässt eine fruchtige Note, die für mich unbeschreiblich ist. Der süße Geschmack des Aberglaubens Crémant ist fancy, und dabei nicht prollig. Ein bisschen cool, ohne abgehoben zu sein. Aber abgehoben genug, um cooler zu sein als herkömmlicher Sekt. Der Crémant war das Versprechen auf ein besseres Jahr. In dem Aberglauben, der neue Abschnitt werde so erhaben, wie wir den vorherigen in diesen Minuten verabschiedeten. Wenn wir nur so tun, als wären wir fancy und cool, vielleicht wären wir es im nächsten Jahr dann wirklich. Vielleicht könnte uns dann keine Krise mehr etwas anhaben. Wir standen also gemeinsam auf diesem Balkon und blickten erwartungsvoll dem Commerzbank-Turm entgegen. In meiner Erinnerung hörten wir in diesem Moment Vicky Leandros „Ich liebe das Leben“ und sangen mit. Ob das wirklich genau um Mitternacht war, weiß ich nicht mehr sicher. Ganz sicher prickelte der Schaumwein in unseren Gläsern, und das neue Jahr rückte näher. Wir zählten von zehn runter. Und während die Skyline hinter dem Rauch des Feuerwerks verschwand, tranken wir Crémant. Und, na ja, natürlich sollte keiner unserer Wünsche in Erfüllung gehen. Fancy und cooler wurden wir nicht. Auch die Krisen prallten nicht an uns ab. Aber immerhin der Crémant blieb: Seither begleitet er uns durch jeden Jahreswechsel.
