In den beiden Weltkriegen waren neutrale Staaten gesuchte Orte für Spionage, Sabotage, Informationsgewinnung. Legendär dafür sind in Europa die Schweiz und Schweden – aber auch etliche Staaten in Lateinamerika, allen voran Mexiko, zählten dazu. Weniger im Blickpunkt war bisher das südliche Afrika: Die Haupt- und Hafenstadt von Portugiesisch-Ostafrika, Lourenço Marques (heute Maputo in Mosambik), wurde im Zweiten Weltkrieg ein solcher Drehpunkt, als Südafrika an der Seite Großbritanniens in den Krieg eintrat und Deutsche auswies oder internierte. Eine Episode schildert Klaus Bachmann, Professor an der angesehenen privaten SWPS-Universität in Warschau, unter der Überschrift „Drehkreuz Lourenço Marques“ in der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ (Bd. 74, H. 2, 2026). Seine Erkenntnisse über die „steile Karriere des Luitpold Werz im Dritten Reich und der Bundesrepublik“ hatte er zuvor auch im „South African Historical Journal“ vorgestellt – das südliche Afrika zählt neben Polen und dem Internationalen Strafrecht zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers. Zwei Schwerpunkte setzt sein Beitrag: auf die ungewöhnliche Rolle, die der noch recht junge Diplomat Luitpold Werz (1907 bis 1973) in den Kriegsjahren spielte, und auf seine Laufbahn als Exempel für die erstaunlich glatten Karrieren belasteter Diplomaten in der jungen Bundesrepublik. Der Diplomatensohn Werz studierte Jura und Volkswirtschaft und trat 1933 ins Auswärtige Amt ein. Nach kurzen Posten in Berlin, Madrid und Australien wurde Werz nach Pretoria an die Botschaft in Südafrika versetzt und nach Kriegsausbruch an das Generalkonsulat in Maputo. Botschaften aus Königs Wusterhausen Dort war er eingebunden in Versuche, die probritische südafrikanische Regierung unter General Jan Smuts (später Mitgründer der Vereinten Nationen) zu stürzen, und sogar in einen Mordplan. Er musste sich bedeckt halten, um nicht wegen Verstoßes gegen die formelle Neutralität aus der portugiesischen Kolonie ausgewiesen zu werden. Nach dem Krieg wies Werz Vorwürfe zurück, er sei nicht nur deutscher Diplomat gewesen, sondern auch „Vertreter Himmlers“ und Agent des Sicherheitsdienstes, und er habe alle deutschen Spionageaktivitäten in Südafrika koordiniert. Gesichert ist, dass Werz deutscher Kontaktmann zu Hans van Rensburg war, dem obersten Anführer der „Ossewabrandwag“ – eines mitgliederstarken prodeutschen paramilitärischen Verbandes. Die nationalsozialistische Einflussnahme am Kap ging auf vier Ebenen vor. Es gab erstens Versuche von Diplomaten, rechtsradikale südafrikanische Gruppen zu unterstützen und gleichzuschalten, und zweitens Propaganda und Schulungen durch die NSDAP-Auslandsorganisation. Das Propagandaministerium unter Joseph Goebbels nutzte drittens den Kurzwellensender Radio Zeesen bei Königs Wusterhausen, der auf Afrikaans, Englisch, Portugiesisch und Deutsch ins südliche Afrika ausstrahlte und auch zur Übertragung von Nachrichten an Agenten des deutschen Geheimdienstes diente. Dazu kamen viertens geheime, von der Abwehr durchgeführte Operationen. Erleichtert wurde die deutsche Infiltration, weil die südafrikanische Regierung und Bevölkerung gespalten waren in den Einstellungen gegenüber Berlin und London, zwischen Neutralität und Kriegsteilnahme, zwischen Afrikaaner-Nationalisten und Anhängern der britischen Monarchie. Viele sahen Großbritannien noch als die imperialistische Macht, die im Burenkrieg zur Jahrhundertwende Buren in Konzentrationslager eingesperrt hatte. So gab es Gerüchte über Pläne eines Aufstands oder eines von Deutschland unterstützten Staatsstreichs gegen Smuts. Aufstieg in der jungen Bundesrepublik Werz spielte in diesen Gedankenspielen und Bemühungen eine gewichtige Rolle, schlug Berlin auch einen Staatsstreich vor, was aber nicht aufgegriffen wurde. Es gab Sabotageaktionen gegen die Kommunikationsinfrastruktur, sicher nicht ohne Wissen des Diplomaten. Im Oktober 1944 kehrte Werz nach seiner Ausweisung über Lissabon nach Berlin zurück, wo er bis zuletzt im Auswärtigen Amt arbeitete. Nach 1945 beschrieb Luitpold Werz sich in Entlastungsschreiben für die Spruchkammer als verdeckt operierenden Demokraten, der schon vor 1933 stets Abscheu empfunden habe gegenüber den Methoden der Nationalsozialisten. Ein „Unglück für mein Vaterland“: So habe er Hitlers Machtübernahme gesehen. Anfangs stufte er sich selbst als Mitläufer ein, später sogar als Widerständler. Gerne zitierte er als seine Zeugen bereits Verstorbene. Seine Behauptung, er sei in die NSDAP nur auf Drängen eingetreten und nur, um Deutsche im Ausland besser gegen Übergriffe zu schützen, stuft Klaus Bachmann als „grobe Lüge“ ein. Die Entnazifizierungen waren in Bachmanns zusammenfassender Bewertung ein rein bürokratischer Vorgang, der rasch in ihr Gegenteil, in eine Freispruchmaschine, umgewandelt worden sei. So wurde Werz, dem Koordinator von Sabotageaktionen im Süden Afrikas, ein „Freispruch erster Klasse“ gewährt angesichts seines „aktiven Widerstands“. Rasch stieg Luitpold Werz in der jungen Bundesrepublik auf. Er wurde stellvertretender Büroleiter des Ministerpräsidenten in Wiesbaden und vertrat die Konferenz der Ministerpräsidenten beim Parlamentarischen Rat in Bonn. Im Bundespräsidialamt übernahm er die auswärtigen Angelegenheiten und galt bald als die rechte Hand von Bundespräsident Theodor Heuss. Er leitete kleinere Botschaften und wurde dann Botschafter in Djakarta und in Argentinien; bestimmte Positionen im Amt wie in Buenos Aires wurden gerne an Diplomaten vergeben, die schon vor 1945 stärker „engagiert“ waren. Der angestrebte Posten als Präsident des Goethe-Instituts in München blieb ihm verwehrt. 1973 stürzte Werz sich von einer Eisenbahnbrücke in Pullach. So blieben manche Rätsel um sein Leben vor 1945 ungelöst – vieles aber hat Klaus Bachmann aufgeklärt.
