FAZ 17.01.2026
11:35 Uhr

Denver Broncos in NFL: Die historische Chance des Sean Payton


Von Nächten auf dem Feldbett zum Meistertrainer: Sean Payton hatte keine ruhmreiche Spielerkarriere, als NFL-Trainer bietet sich ihm nun eine einmalige Möglichkeit: den Super Bowl mit zwei Teams zu gewinnen.

Denver Broncos in NFL: Die historische Chance des Sean Payton

Sean Payton, Cheftrainer der Denver Broncos, steuert auf seinem langen, verschlungenen Weg auf einen beachtlichen Erfolg zu. Nachdem er 2023 die Verantwortung für die Broncos übernommen hatte, steigerte er nach und nach deren spielerisches Format. Und nachdem sie sich als Punktbeste der American Conference, eine der beiden Conferences in der NFL, abermals für die Play-offs qualifizieren konnten, rückte er damit in Reichweite eines ungewöhnlichen beruflichen Triumphs: Der 62-Jährige, der 2010 mit den New Orleans Saints zum ersten Mal den Super Bowl gewonnen hatte, wäre der erste Cheftrainer in der Geschichte der National Football League, der das Saisonfinale mit zwei unterschiedlichen Teams gewinnen konnte. Paytons Weg als Trainer, der ihm an diesem Samstag (22.30 Uhr MEZ bei RTL und DAZN) diese historische Chance bietet, begann von 37 Jahren – und ist keinesfalls geradlinig verlaufen. „Im Grunde für Pizza“ Zumal wenn einem bereits mit 23 Jahren dämmert, dass man es als Spieler nicht weit bringen wird. Wenn man nach einem kurzen Abstecher in die NFL – als Quarterback der Chicago Bears – bei einem Team auf der anderen Seite des Atlantik gelandet ist. Bei seinem Engagement bei den Leicester Panthers in der „Budweiser National League“ in der englischen Football-Diaspora, so erinnerte sich Sean Payton später, spielte er 1988 „im Grunde für Pizza“. Immerhin schusterte man ihm dort den Job des Spielertrainers zu. Ein erster Schritt in die einzige Richtung mit Perspektive. Nach sechs Monaten in den Midlands fand Payton nach seiner Rückkehr in seine Heimat allerdings nur eine Position als Trainer-Assistent im amerikanischen Collegesport bei der Universität San Diego State. Damit konnte er niemanden beeindrucken. Seine Mutter verband es mit einem kaum verschleierten Vorwurf: „Alle deine Freunde heiraten. Und sie haben eine Krankenversicherung. Und was machst du?“ Er schlief monatelang auf einem Feldbett in einem Büro der Trainingsanlage und brütete Pläne für den weiteren Karriereverlauf aus. Über diverse Assistenzstellen kam er 2006 nach New Orleans, die ansässigen Saints trainierte er bis 2021. 2023 ging es dann in die „Mile High City“, nach Denver, Colorado. Nach einer Woche Erholungspause für die an eins gesetzten Broncos kommt dem Projekt Super Bowl nun mit den Buffalo Bills im Viertelfinale ein gefährlicher Gegner in die Quere. Die Begegnung ruft Erinnerungen an die Play-off-Partie vor einem Jahr wach, bei der Denver in der ersten Runde in Buffalo mit 7:31 abgefertigt wurden. Eine herbe Enttäuschung, nachdem die Mannschaft zum ersten Mal seit zehn Jahren die KO-Runde erreicht hatte. Was die Hoffnung geweckt hatte, das Team mit dem talentierten Quarterback Bo Nix als Spielgestalter könnte bereits mit den Besten in der Liga mithalten. Konnte sie nicht. In dieser Saison kamen die Broncos nur langsam in Schwung, aber gewannen nach einem Saisonstart mit einem Sieg aus drei Spielen erstaunliche elf Spiele in Folge. Mit einem Konzept, das, so die „New York Times“, „nicht immer leicht zu durchschauen“ war. „Die Offense wirkte je nach Spielzug explosiv.“ Aber eben auch „unberechenbar“. Die Defense setzte den gegnerischen Quarterback enorm unter Druck, hatte aber „gleichzeitig Schwierigkeiten, Ballverluste zu erzwingen.“ Den jungen Spielmacher Nix hatte Payton bei der Draft 2024 an Platz zwölf aus dem Pool der Aspiranten geangelt. Dass er dabei aufgrund des Auswahlsystems keinerlei Zugriff auf einen der fünf davor gezogenen Quarterbacks hatte, störte ihn nicht. Er hatte sich anhand seiner sehr persönlichen Formel zur Auswertung von statistischen Daten aus sogenannten „negative plays“ wie Sacks, Fumbles und Interceptions sowie Passversuchen bereits auf Nix fixiert. Nix verliert nicht die Nerven Ein guter Griff. Nix verliert in Augenblicken, in denen die heranstürmenden Verteidiger ihn zu tackeln versuchen, nicht die Nerven. Herausragend ist: die bisherige persönliche Karrierebilanz von Nix in seinen ersten zwei Jahren in der NFL. Mit 24 Siegen stellte er in dieser Kategorie, die Bestmarke von Russell Wilson mit den Seattle Seahawks aus den Jahren 2012 und 2013 ein. Kommen die Broncos am Samstag gegen die Bills weiter, würde Nix dieser Rekord alleine gehören. Und er erwies als die perfekte Alternative zu jenem Spieler, den Payton nach seiner ersten Saison unzufrieden ausrangiert hatte: Jenen Russell Wilson, damals startender Quarterback Denvers. Ein radikaler und extrem teurer Schritt. Denn die Broncos mussten dem damals 35-Jährigen nicht nur die restlichen, vertraglich garantierten 85 Millionen Dollar (umgerechnet 73 Millionen Euro) auszahlen. Die Summe belastete die Salary-Cap-Kalkulation der letzten beiden Jahre und erschwerte die Kaderplanung. Immerhin half dabei, dass Nix als Rookie mit seinem Vier-Jahres-Vertrag aufgrund des Tarifvertrags nur neun Millionen Dollar (umgerechnet rund acht Millionen Euro) pro Saison kostet. Payton, der 1997 mit 33 bei den Philadelphia Eagles als Quarterback-Coach sein erstes Geld als Trainer in der NFL verdienen konnte und auf jeder seiner Stationen danach als williger Assistent bereit war, die enormen Strapazen des Jobs zu ertragen, darunter sehr wenig Schlaf („Ich sah wie ein Boxer in der elftem Runde aus. So geschwollen waren meine Augen.“), stieß in Denver auf einen Team-Besitzer, der nicht knausert. Er rangiert deshalb mit 18 Millionen Dollar pro Saison (umgerechnet 15,4 Millionen Euro) auf Platz zwei der Trainer-Gehaltsliste in der Liga – hinter Andy Reid von den Kansas City Chiefs. Die Walton-Penner Group, die 2022 die Franchise für 4,65 Milliarden Dollar (umgerechnet knapp 4 Milliarden Euro) gekauft hatte, gab umgehend eine neue 20.000 Quadratmeter große neue Trainingsanlage in Auftrag, sowie die Pläne für ein neues Stadion. Die Finanzierung der Arena kommt ohne öffentliche Zuschüsse aus, die im amerikanischen Profisport gerne gefordert und in Anspruch genommen werden. Ein alter Fahrensmann und gewiefter Taktiker Einer seiner größten persönlichen Niederlagen, seine Verwicklung in ein teaminternes Kopfgeld-Programm, bei dem die New Orleans Saints Mannschaftsmitglieder entlohnten, die gegnerische Spieler absichtlich möglichst schwer verletzten, und die damit verbundene von der Liga 2012 verhängte Sperre von einem Jahr, wird dieser Tage kaum noch erwähnt. Genauso wenig wie sein kritischer Kommentar zu Donald Trump von 2017 – das Präsidentenamt, sagte er damals, benötige „mehr Weisheit“. Heute nimmt man den 62 Jahre alten Payton einfach nur als alten Fahrensmann und gewieften Taktiker wahr, der eine Mannschaft pedantisch auf Spiele einstimmt und maschinenenhafte Effizienz einfordert. Das entspricht einfach seiner DNA. „Meine Erfahrung ist schon immer gewesen, dass es um die Details und um die Kleinigkeiten geht“, sagte er. „Die muss man besser machen, wenn man weiterkommen will.“