FAZ 26.02.2026
16:57 Uhr

Denkwürdiger DESG-Auftritt: Zahlen, Sätze, Wut


So etwas dürfte es im deutschen Sport noch nicht gegeben haben: Der Präsident der Eisschnelllauf-Gemeinschaft inszeniert auf seiner Bühne eine persönliche Abrechnung mit unliebsamen ARD-Journalisten.

Denkwürdiger DESG-Auftritt: Zahlen, Sätze, Wut

Vor fast genau einem Jahr knallten hier noch die Korken, und das nicht nur metaphorisch. Matthias Große hatte Grund, etwas zu feiern, den Freispruch für Claudia Pechstein nach jahrelangem Verfahren wegen eines auffälligen Blutwerts. Für Pechstein, für Große war es ein Triumph, sie genossen die Pressekonferenz im Müggelturm in vollen Zügen. An diesem Donnerstag wird es auch knallen, aber anders. Schon an der Zufahrt, rund 300 Meter vom eigentlichen Gelände entfernt, hängt ein Schild: „Der Müggelturm ist heute für den Besucherverkehr geschlossen.“ Verirrte Touristen stehen hier nicht, dafür der ARD-Journalist Hajo Seppelt. Auch für ihn ist der Müggelturm an diesem Tag geschlossen. Er und sein Kollege Jörg Mebus haben nicht nur keine Akkreditierung für die Pressekonferenz erhalten, die an diesem Tag stattfindet, sondern auch ein Anwaltsschreiben: Hausverbot, bei Zuwiderhandlung drohe ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch. Vorbei an den Kontrollpunkten eins und zwei Der Müggelturm ist nicht nur ein Ausflugslokal im Wald in Köpenick, tief im Osten Berlins, es ist auch der Ort, an dem die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) gern ihre Pressekonferenzen ausrichtet, ungünstig zu erreichen, aber günstig zu bespielen, er gehört dem Immobilienunternehmer Große, dem Präsidenten der DESG und Partner von Claudia Pechstein. Große hat den Verband in finanziell desolatem Zustand übernommen und auch mit Sparsamkeit etwas zum Besseren verändert, darauf wird er später ausführlich zu sprechen kommen. Desolat soll in der DESG aber noch etwas anderes sein, das Verhältnis zu den Athleten. Von einem „Klima der Angst“ hatte Seppelt in einem ARD-Bericht während der Winterspiele von Cortina und Mailand gesprochen, in dem es außerdem um angebliche Unregelmäßigkeiten im Verband und die Führung unter Große insgesamt ging. Nun muss Seppelt draußen bleiben, daran ändern auch Protestnoten der Journalistenverbände und des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) nichts. „Kontrollpunkt eins, Kontrollpunkt zwei“, rauscht es in den Funkgeräten am Parkplatz unterhalb des Turms. Der ist Kontrollpunkt zwei. Wer hier zum ersten Mal seine personalisierte Einladung vorzeigt, bekommt einen roten Punkt darauf geklebt und darf weiter zu Kontrollpunkt eins. Dort ist die Begrüßung freundlich: „Herzlich willkommen am Müggelturm!“ Den zweiten Punkt gibt es in Gelb. „Viel Spaß“, heißt es am Empfangstresen. Der beginnt mit einer Viertelstunde Verspätung – Probleme bei der Anreise seien berichtet worden. Währenddessen wirkt Große aufgeräumt, er begrüßt alte Weggefährten wie Ralf Grengel, Pechsteins früheren Manager. Dann nimmt er Platz auf dem Podium, dazu von links nach rechts: Frank Dittrich, Leistungssportreferent Eisschnelllauf, Nadine Seidenglanz, Sportdirektorin. Peter Adeberg, Vizepräsident Eisschnelllauf, Clarissa Forster, Schatzmeisterin, Stefanie Fuchs, Presskonferenzleitung, Christoph Zepernick, Vizepräsident Shorttrack, Antje Moser, Leistungssportreferentin Shorttrack. Große sagt, er wolle zeigen, dass die DESG keine One-Man-Show ist. „Was für ein Schmutz, was für ein Denunziant, toxisch“ Was man nicht sieht, aber wissen sollte: dass Nadine Seidenglanz, die Sportdirektorin, in Mailand auch als Pressesprecherin des Verbands im Einsatz war, vor allem aber, dass sie mit dem Berliner Bundestrainer Alexis Contin verheiratet ist. Über diesen wiederum hatte sich nach Ende der Spiele der Eisschnellläufer Fridtjof Petzold beklagt. Contin habe ihn und andere deutsche Läufer teilweise nur widerwillig, teilweise gar nicht betreut; zuvor war Petzold von Berlin nach Erfurt gewechselt. Er beschrieb auch einen Verband, der unprofessionell geführt werde und in den Abhängigkeiten zu Große von einem Klima der Einschüchterung geprägt sei. „Jeder hat da auch Angst, irgendwie was zu sagen, weil er um seinen Job besorgt ist.“ Über Petzold spricht Große nur am Rande der zweieinhalbstündigen Pressekonferenz, er tut seine Kritik als die eines Enttäuschten ab, man könnte auch sagen, er stellt ihn als Verlierer dar. Der, weil er gegen eine Vereinbarung verstoßen habe, nun auch die entsprechenden Konsequenzen tragen müsse. Im Kern ist die Pressekonferenz eine persönliche Abrechnung, wie es sie im deutschen Sport und im deutschen Sportjournalismus noch nicht gegeben haben dürfte. „Was für ein Schmutz, was für ein Denunziant, toxisch“, sagt Große über Seppelt. Damit ist der Ton gesetzt. Es wirkt, als habe Große tatsächlich Spaß daran, auf dieser, seiner Bühne diese Schlacht zu schlagen, die für ihn eine „Weiterführung des Hass-Spiels gegen uns“ ist, gegen Claudia Pechstein und ihn. Er ist munitioniert, mit Zahlen, mit Sätzen, mit Wut. Die Teilnahmegebühren, die Athleten bei Lehrgängen und Weltcups hätten zahlen müssen? Freiwillig, etwa um einen längeren Aufenthalt zu ermöglichen. Die angebliche Bezuschussung von Trainingskleidung durch die Athleten? Nur, wenn diese ihre Ausrüstung nicht zurückgegeben hätten. Die abgebrochene Mitgliederversammlung? Eine Reaktion auf „Heckenschützen“ bei der Veranstaltung, zudem satzungskonform. Die „unklare Finanzlage“? Alles andere als unklar und im Vergleich zu seinem Amtsantritt im September 2020 sogar erfreulich. Und das „Klima der Angst“? Über diesen Begriff mokiert Große sich geradezu, ein Klima der Angst herrsche vielleicht auf einem Spielplatz in der Ukraine bei Drohnenalarm, sagt er zu Beginn. Später dient ihm die Bereitschaft, Ämter zu übernehmen – der neue Vizepräsident Eisschnelllauf ist erst in der Nacht kooptiert worden –, als Beleg dafür, dass das alles Unfug sei. Athleten Deutschland zeichnen teilweise ein anderes Bild Aber so einfach, wie es auf Großes Bühne, in Großes Welt aussehen soll, scheint es doch nicht zu sein. Bei der Klage von Petzold handelt es sich kaum um einen Einzelfall. Bei Athleten Deutschland e.V., wo auch der DESG-Athletenvertreter Hendrik Dombek im Präsidium sitzt, hat man registriert, dass es „den Schilderungen zufolge keine Kultur des Miteinanders“ gibt, wie Johannes Herber sagt, der Geschäftsführer. „Der Verband macht einseitig Vorgaben, ohne auf die Bedürfnisse der Athleten einzugehen. Das ist nicht im Sinne der Athletinnen und Athleten und nicht zielführend für den sportlichen Erfolg.“ Herber sagt, es sei „der allerspäteste Zeitpunkt, wo man als Fördergeber hellhörig werden muss und sich die Frage stellen muss: Wie können wir da Einfluss üben?“ Darüber liegt aus Sicht Herbers und der Athletenvertretung ein größeres Thema für den deutschen Sport. Dass bei der Förderung Kriterien, die im Zusammenhang mit Good Governance und Mitbestimmungsrechten der Athleten stehen, verloren gegangen seien, dass es „keine guten Mechanismen zur Streitbeilegung“ gebe, dass der DOSB dabei keine Hilfe sei. Auch in Großes Suada findet sich etwas, was mit Blick auf die Lage im deutschen Sport nachdenklich machen kann: die Unterfinanzierung, die auch in anderen Verbänden zu „Teilnahmegebühren“ führt, weil Athletinnen und Athleten auf Eigenleistungen angewiesen sind, um Anschluss an die Weltspitze zu halten. Aber all das geht am Donnerstag im Rauch der großen Abrechnung unter. Immer wieder spricht Große den nicht anwesenden Seppelt persönlich an. Der sei im Übrigen nicht ausgeschlossen, sondern nicht eingeladen. Und die Pressefreiheit? Seppelt sei für ihn kein Journalist, sagt Große. Mit ihm will er sich nur noch vor Gericht treffen. Schadenersatz in siebenstelliger Höhe Dort dürfte es tatsächlich weitergehen. Nicht ganz so häufig wie der Name Seppelt fällt der Satz: „Die Briefe sind raus.“ Große fordert offenbar auch Schadenersatz, in siebenstelliger Höhe, in der ersten Reihe sitzen Anwälte, mit denen man sich über alle rechtlichen Fragen unterhalten könne. „Das Gesetz nimmt seinen Lauf“, sagt Große, Prinz Charles zitierend. Es könne genauso lange dauern wie in der Causa Pechstein, sagt er, mehr als 16 Jahre waren das. Und es werde auch genauso ausgehen. Erst einmal allerdings wird es politisch interessant. Die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, hat die Lage im Verband in den Blick genommen, in der kommenden Woche wird sie im Sportausschuss des Bundestags Thema sein. Und damit ganz gewiss die Frage, die man sich auch an diesem Donnerstag stellen muss: Wie man unter Umständen wie diesen in einem positiven Klima Leistungssport betreiben soll.