FAZ 14.01.2026
13:18 Uhr

Denkmal ohne Heinrich Mann: Eine gedenkpolitische Blamage


Hinter dem Literaturhaus München wurde eine Installation zur Familie Mann aufgestellt, die Thomas Manns Bruder Heinrich weglässt. Das hat dieser nicht verdient.

Denkmal ohne Heinrich Mann: Eine gedenkpolitische Blamage

München leuchtete. Das Verb steht hier, anders als im ersten Satz der Erzählung „Gladius Dei“, im Konjunktiv. Das ist ungefähr so gemeint: Hätte München Schamgefühl, dann würde es leuchten – vor lauter Röte. Das Leuchten, das Thomas Mann ganz unmetaphorisch mit dem besonderen Licht im Voralpenland erklärte, verdankt sich einer gedenkpolitischen Blamage, mit der die Stadt, in der Thomas Mann die Hälfte seines Lebens verbrachte, nicht zum ersten Mal auffällig wird. Man erinnert sich an die zwanzig Jahre alte Posse, als an der Villa Poschinger Straße 1 diese Plakette angebracht wurde: „Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann (1875 – 1955) hatte hier sein Wohnhaus von 1913 bis 1952.“ Nur mit Haarspaltereien vermochte der örtliche Förderverein diese eigenwillige, das Exil, zu dem, wie wenigstens Thomas Mann nie vergessen hat, die so genannte Richard-Wagner-Stadt mit einer „analphabetischen Hetzkampagne“ (so der Vertriebene) den mittelbaren Anlass gab, glatt unterschlagende Datierung halbwegs zu retten, indem er auf den Unterschied zwischen „Wohnhaus (haben)“ und „(tatsächlich) wohnen“ hinwies. Ein Platz, den es in Wirklichkeit nicht gibt Neuerdings, soll man sagen: „schmückt“ man sich mit einer Installation hinter dem Literaturhaus, für die der aus einem eigens ausgeschriebenen Wettbewerb siegreich hervorgegangene Künstler Albert Coers ein Ensemble von Straßenschildern aus aller Welt zusammengestellt hat, die sämtlich den Namen eines Familienmitglieds tragen, inklusive „Katia-Mann-Platz“, den es in Wirklichkeit nirgends gibt. Nicht vertreten ist dagegen Bruder Heinrich. Das Kulturreferat lässt sich in der „Abendzeitung“, die, anders als die darüber großzügig oder gedankenlos hinwegsehende „Süddeutsche Zeitung“, diese Unterschlagung zum Thema macht, mit der Begründung vernehmen, Heinrich gehöre ja wegen des sogenannten Bruderzwists gar nicht richtig zur Familie. Nun, ähnlich wie Prinz Harry war Heinrich Mann auf königliche Repräsentations- oder sonstige Pflichten nicht gerade versessen; aber ihn deswegen gleich aussortieren? Oder hat Heinrich sich aus Münchner Sicht außer seiner sozialistisch-gesellschaftskritischen Ausrichtung noch etwas anderes, womöglich Justiziables zuschulden kommen lassen? Dann wäre er ja fast so eine Art Prinz Andrew, der aussortiert wird, weil er nicht stubenrein ist. „Die Manns“ (H. Breloer) sind als Königsfamilienersatz seit einem Vierteljahrhundert fest im öffentlichen Bewusstsein implementiert. Dero Königliche Hoheiten ehrt München nun mit einem eher läppischen Gesamtdenkmal. Thomas Mann hat sich und Heinrich als Prinzenbruderpaar in seinem zweiten Roman verewigt, er selbst besteigt als Klaus Heinrich den Thron. Im wirklichen Leben sagte er ihm, als der Streit eskalierte, brieflich: „Lass die Tragödie unserer Brüderlichkeit sich vollenden.“ Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht. München, das immer so gerne leuchten will, gibt der Angelegenheit nun eine geradezu komödiantische Wendung. „In einer Familie“? Der Titel von Heinrichs ­Romandebüt sollte bei Gelegenheit geändert werden.