FAZ 06.12.2025
13:10 Uhr

Deniz Undav und seine Tore: Ein echter Stürmer, aber ein untypischer


Jahrelang wurde Deniz Undav übersehen, manchmal kämpft er noch heute um Anerkennung. Mittlerweile aber schießt kaum jemand so kunstvolle und ungewöhnliche Tore. Was macht ihn aus?

Deniz Undav und seine Tore: Ein echter Stürmer, aber ein untypischer

Deniz Undav ist ein Spezialist für Treffer, mit denen bis auf ihn selbst niemand rechnet. Am 22. November etwa, beim 3:3 des VfB Stuttgart in Dortmund, schoss er alle drei Tore für die Schwaben – mit einer Kunstfertigkeit, die nur wenige Stürmer auszeichnet. Einmal volley mit dem Rücken zum Tor, einmal nach einer ganzen Drehung um den BVB-Innenverteidiger Nico Schlotterbeck mit einem Flachschuss durch dessen Beine und einmal ziemlich normal, als er nach einem Eckstoß seinem Instinkt folgend in den Ball rutschte. Mal artistisch, mal raffiniert, mal schlicht und einfach: Der 29 Jahre alte Angreifer liefert seit Wochen, seit dem 9. November beim 3:2-Heimsieg über den FC Augsburg Tore für den VfB, der in der Bundesliga auf Platz sechs und damit auf Tuchfühlung zu den Champions-League-Plätzen angekommen ist. Undav erzielte in der Liga die vergangenen sechs Treffer für den VfB. Undav kämpft manchmal noch um Anerkennung Jahrelang wurde Undav übersehen, spielte in der Regionalliga Nord (TSV Havelse) oder Dritten Liga (SV Meppen), ehe er seinen Weg nach oben antrat. Mit sieben Toren belegt er in der Erstligaschützenliste Rang drei gemeinsam mit Haris Tabakovic (Borussia Mönchengladbach) und Luis Diaz (FC Bayern München). Dem Kolumbianer begegnet Undav an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) in Stuttgart beim Bundesliga-Duell mit dem Meister und Tabellenführer, in dessen Reihen der Schütze aller Schützen Tor an Tor reiht: Harry Kane. Der Engländer ist mit 14 Treffern den anderen Torjägern in der Bundesliga enteilt. Während Kane zur handverlesenen Kategorie der Weltklassestürmer gehört, kämpft Undav manchmal noch um ein bisschen mehr Anerkennung für das, was er dem VfB Stuttgart zu bieten hat. So hielt sich im Ländle lange das Gerücht, dass der 2023 vom englischen Premier-League-Verein Brighton & Hove Albion nach Bad Cannstatt gewechselte Spieler mit der Rückennummer 26 gar kein „echter Neuner“ sei. Darüber konnte der in dem ostfriesischen Städtchen Varel geborene Undav nur lachen. „Ich bin untypisch für einen Stürmer: relativ klein (1,79 Meter). Ich sage mal, Straßenfußballer, Instinktfußballer. Das macht mich vielleicht einzigartig“, sagte der fünfmalige deutsche Nationalspieler in einem Interview mit dem Sender RTL. Der Mann weiß, was er kann und wie wertvoll er ist. Dass er vor Kurzem ob seiner manchmal unorthodox bis unwahrscheinlich anmutenden Treffer mit der deutschen und Bayern-Stürmerikone Gerd Müller verglichen wurde, macht Undav stolz. Umso deutlicher verweist er darauf, ein „echter Stürmer“ zu sein. Zweiflern habe er zuletzt hinlänglich bewiesen, „dass ich ein Neuner bin“. Als solcher galt nach dem Wechsel von Nick Woltemade zu Newcastle United beim VfB bis zu seinem Fußwirbelbruch Anfang Oktober vor allem der wuchtige, großgewachsene bosnische Mittelstürmer Ermedin Demirovic, der mit seiner physischen Präsenz und seinen bis dahin drei Bundesliga-Toren Gegenspieler beeindrucken konnte. Undav dagegen glänzt mit seiner Raffinesse. Dazu weist der Mann mit dem Hang zu originellen Treffern gerne auf seine „Qualität“ hin, Mitspieler zu sehen. „Das haben nicht viele klare Neuner.“ Ein „unglaublicher Tatendrang“ Undav, der für die Nationalmannschaft bisher drei Tore erzielte, in dieser Saison aber noch nicht von Bundestrainer Julian Nagelsmann berufen wurde, ist guter Dinge, seinen bisherigen Länderspielen bei der Weltmeisterschaft 2026 in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko weitere Einsätze folgen lassen zu können. Jürgen Klinsmann, 1990 einer der umjubelten Weltmeister im Dress des Deutschen Fußball-Bundes und einer der großen deutschen und Stuttgarter Mittelstürmer, ist voll des Lobes über Undav, der „immer Hunger“ auf Tore und einen „unglaublichen Tatendrang“ habe. „Er hat sich von unten aus der Regionalliga hochgeboxt“, sagt Klinsmann. Undav wurde vor Jahren in der Jugendabteilung des viermaligen deutschen Meisters SV Werder Bremen unterschätzt und träumte danach wohl nur noch selbst von einer erstklassigen Karriere. Diese nahm dann auch Fahrt auf, nachdem Undav 2020 vom SV Meppen zum damaligen belgischen Zweitligaklub Union Saint-Gilloise wechselte und dort Tor um Tor bis zum Aufstieg 2021 schoss. Er wechselte in die Premier League nach Brighton und hatte sich als Stürmer einen Namen gemacht. Fabian Wohlgemuth, heute Sportvorstand, damals noch Sportdirektor des VfB, ließ sich nach einem Jahr der Ausleihe die Gelegenheit nicht entgehen, Undav zur Saison 2024/25 fest zu verpflichten. Hätte der Angreifer nicht häufiger wegen muskulärer und anderer Verletzungen gefehlt, er wäre längst zu einem stabilen Markenbegriff der Bundesliga gereift. So aber ist der schlitzohrige, im Gespräch gern auch schelmische Angreifer erst einmal froh, in Stuttgart als „echter Neuner“ neu entdeckt worden zu sein. Sein Förderer Wohlgemuth witterte als einer der Ersten schon nach dem 3:2-Erfolg über Augsburg das neue Undav-Hoch mit der lässigen Bemerkung: „Der Deniz ist wieder da!“. Eine Erfolgsgeschichte, die seitdem Woche für Woche Schlagzeilen produziert hat.