FAZ 07.01.2026
11:27 Uhr

„Demütigung und Unterwerfung“: Hält sich der FC Chelsea einen Schattenkader?


Selten hat es einen solchen Trainerwechsel gegeben: Der FC Chelsea beordert Straßburgs Liam Rosenior nach London. Die Fans der Franzosen sind außer sich. Was steckt konkret dahinter?

„Demütigung und Unterwerfung“: Hält sich der FC Chelsea einen Schattenkader?

Liam Rosenior wusste selbst, wie ungewöhnlich sein Auftritt wirkte. Ungewöhnlich, dass er da überhaupt saß an diesem Dienstagmorgen, vor den blau gestrichenen Wänden im Straßburger Pressekonferenzsaal. Ungewöhnlich, dass er hier Abschied nahm, in seiner Funktion als Trainer von Racing Straßburg – und dass er dabei trotzdem schon als Trainer des FC Chelsea sprach. Weil er seinen Weggang selbst verkündete. „Anders als alles, was andere jemals gemacht haben“, sei das, sagte er. „Niemand hat je so eine Erklärung abgegeben, bevor er einen Vertrag unterschreibt.“ Es hat im europäischen Fußball aber auch selten einen solchen Trainerwechsel gegeben. Denn man könnte sagen, dass Liam Rosenior zwar seinen Arbeitsort gewechselt hat, als er nun aus Straßburg in die britische Hauptstadt flog. Aber nicht den Arbeitgeber. 15 interne Spielerwechsel in zweieinhalb Jahren Im Juni 2023 erwarb eine amerikanische Investorengruppe den französischen Fußballklub Racing Straßburg: Die BlueCo-Group um den US-Milliardär Todd Boehly. Es ist die Investorengruppe, die auch den FC Chelsea besitzt. Seither bilden der Klub von der Insel und der Klub aus dem Elsass ein Gespann, ein kleines Klubnetzwerk. Und sie machen regen Gebrauch von dieser Verbindung. 15 Spielerwechsel hat es in den vergangenen zweieinhalb Jahren zwischen den beiden Klubs gegeben. Oft leiht Chelsea Spieler an Straßburg aus, parkt sie eine Zeit lang in Frankreich, um sie zurückzuholen, wenn sie zu möglichen Premier-League-Stars herangereift sind. Ein Traditionsklub als Ausbildungsstätte. In Straßburg spaltet diese Verbindung seither den Verein. Es gibt lautstarke und stumme Proteste im Stadion und davor, wiederkehrend seit mittlerweile zweieinhalb Jahren. Bei vielen Fans herrscht Angst davor, eine Art Zombieklub zu werden: ein Klub mit eigenem Namen, eigenen Farben – aber ohne eigene Entscheidungsgewalt. Ein stolzer, aber fremdbestimmter Klub – weil er letztlich dem Wohl und der Entwicklung des FC Chelsea dienen soll. Im besten Fall profitieren von der Partnerschaft beide Seiten. Chelsea, weil sie sich Talente früher sichern und zu einem großen Ausbildungsbetrieb heranwachsen können. Straßburg, weil sich dort junge Talente den Ball zupassen, die ohne die Verbindung zum Weltklub aus London kaum im Elsass gelandet wären. Solche, die direkt vom FC Chelsea verliehen wurden, oder solche, die nur in Straßburg unterschrieben, weil sie dabei schon nach London schielten. Auf dem Sprung zu einem der besten Vereine der Welt. Tatsächlich war Racing in der vergangenen Saison ziemlich erfolgreich mit seinen vielen Jungprofis. Der Haken ist nur, dass die Besten von ihnen schnell wieder weg sind. Wie der Brasilianer Audrey Santos, der beste Mittelfeldspieler der vergangenen Saison, der im Sommer zurück zu Chelsea ging. Oder Emmanuel Emegha, der beste Stürmer des Klubs, der im kommenden Sommer nach London wechseln wird. Wenn der FC Chelsea ruft, fürchten die Fans, spielen die Bedürfnisse von Racing keine Rolle. Jetzt, beim Abschied von Liam Rosenior, wird die Natur dieser Verbindung klarer denn je. Racing Straßburg muss den Trainer ziehen lassen, der den Klub nach Jahren zurück in den europäischen Wettbewerb geführt hat; während der laufenden Saison. Am 1. Januar stellte der FC Chelsea seinen Trainer Enzo Maresca frei, fünf Tage später, kurz nach der Pressekonferenz in Straßburg, unterschrieb Liam Rosenior seinen Vertrag. Was bedeutet das für den Fußball? Als er am Dienstagmorgen vor den französischen Journalisten saß, sagte Rosenior einen Satz, der ein wenig absurd klang, nicht nur in den Ohren der Fans von Racing: „Ich habe die Erlaubnis erhalten, mit einem der größten Fußballklubs der Welt zu sprechen.“ Aber wer hätte ihm das verbieten sollen? Die Klubführung von Racing hätte schließlich den eigenen Besitzern widersprechen müssen, um diesen Transfer zu verhindern. Immerhin wusste sie früh genug Bescheid, um schon am Mittwoch den Engländer Gary O'Neil als neuen Trainer präsentieren zu können. An Roseniors Wechsel wird deshalb auch deutlich wie selten, wie sich die Strukturen auf dem Transfermarkt insgesamt verändert haben – und was das bedeutet. Denn dass ein Investor mehrere Klubs besitzt, ist längst ein Massenphänomen. 344 Klubs weltweit sind mittlerweile Teil von solchen Klubnetzwerken, genannt MCOs (Multi Club Ownership); das hat eine Multiklub-Forschungsgruppe der Universität Zürich 2025 in einer Analyse nachgezählt. Und dabei auch untersucht, wie diese Klubs davon profitieren: etwa weil sie mehr Transfers tätigen, vor allem durch Leihen zwischen den Mitgliedsklubs. Einen „internen Arbeitsmarkt“, so nennt das Heinrich Nax, der die Züricher Arbeitsgruppe leitet. Weil sich Großklubs wie der FC Chelsea eine Art Schattenkader leisten können. „Das ist natürlich ein Riesenvorteil gegenüber einem Verein, der wirklich entscheiden muss: Was ist mein einer Kader, den ich mir optimal zusammenstellen muss?“ Über die Folgen dieser Konstrukte klagt auch manch ein deutscher Fußballfunktionär: Wer begabten Fußballern keinen solchen Aufstieg in Aussicht stellen kann, habe einen Nachteil beim Werben um Talente. Tendenz zur Ungleichheit Aber MCO-Konstrukte vereinfachen den großen Klubs nicht nur die Kaderplanung. Sie zementieren auch die Machtverhältnisse, verstärken die Tendenz zur Ungleichheit, die den Wettbewerb in den vergangenen Jahren ohnehin geprägt hat. Weil ein Klub, der zum Spielerlieferanten wird, es nicht mehr nur unwahrscheinlich schwer hat, den Abstand nach oben etwas zu verringern, ein Stück weit aufzuschließen zu den großen Marken des Sports. Seine Rolle im Netzwerk macht ihm das praktisch unmöglich. Die Überlegenheit der Großen, deren finanzieller Vorsprung zuletzt rasend schnell gewachsen ist, wird durch einen Platz an der Spitze eines Netzwerks institutionalisiert. Wie etwa bei Manchester City, das an der Spitze eines Netzwerks aus 13 verschiedenen Vereinen steht, darunter der französische Zweitligaklub ES Troyes. Und auch die kleineren Klubs erhalten eine Rolle, die schon vorhandene Tendenzen festigt. „Wir haben sowieso schon das Phänomen von den sogenannten Ausbildungsligen“, sagt Heinrich Nax. „Wenn man dann noch Teil eines Multiklubs innerhalb einer Ausbildungsliga ist, dann wird man noch mehr als Durchlaufverein benutzt.“ Und weil fast nirgendwo sonst so viele Großtalente zu Fußballprofis heranwachsen wie in Frankreich, sind die Klubs der Ligue 1 sehr beliebte Durchlaufvereine. Er hoffe, sein Wechsel zu einem der größten Klubs der Welt mache auch die Straßburger Fans stolz, sagte Liam Rosenior am Dienstag. Die erste Reaktion der Fans aber klang ganz anders. Die FSRCS, der Fanverband von Racing, sprach von Multi-Club-Ownership als Problem, das die Zukunft des französischen Klubfußballs gefährde. Und vom Wechsel des eigenen Trainers als Erniedrigung: „Der Transfer von Liam Rosenior markiert einen weiteren, demütigenden Schritt in der Unterwerfung von Racing unter Chelsea.“